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Dr. Ulrike Lange ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität
Mainz. Im Jahr 2000 hat sie eine Ausbildung zur wissenschaftlichen Schreibberaterin
an der Schreibschule Erfurt bei Prof. Dr. Otto Kruse und Gabriela Ruhmann
(Leiterin des Schreibzentrums der Universität Bochum) absolviert.
Seitdem bietet sie Kurse zum wissenschaftlichen Schreiben an den Universitäten
Mainz, Köln und Freiburg an. Ebenfalls bietet sie individuelle Schreibcoachings
an.
SpiriTV:
Was verstehen Sie unter wissenschaftlichem Schreiben?
Dr. Lange:
Unter wissenschaftliches Schreiben, oder genauer unter akademisches Schreiben,
fallen alle Textsorten, die an der Universität gefordert werden,
wie z.B. Hausarbeiten, Examensarbeiten, Protokolle etc.
SpiriTV:
Weshalb wird das wissenschaftliche Schreiben, das maßgeblich über
den Studienerfolg entscheidet, nicht als obligatorische Veranstaltung
an deutschen Hochschulen gelehrt?
Dr. Lange:
Das ist eine Frage, die ich mir selber oft stelle. Viele an der Uni sind
der Meinung, dass man schreiben in der Schule lernt. Dabei wird unterschätzt,
dass die Anforderungen an der Universität wesentlich komplexer sind
als an der Schule und die Schreibkompetenz also kontinuierlich weiterentwickelt
werden muss. Ich sehe deshalb Schreibkurse auch nicht als "Nachhilfeveranstaltungen",
sondern als ein Angebot an die Studierenden, ihr Schreiben effektiver
zu gestalten und ihre Texte zu verbessern
SpiriTV:
Anfangsprobleme beim Erstellen von wissenschaftlichen Arbeiten können
sich schnell zu Schreibstörungen entwickeln. Wie äußern
sich Schreibstörungen?
Dr. Lange:
Schreibstörungen äußern sich häufig durch ein Vermeidungsverhalten.
Arbeiten werden aufgeschoben oder abgebrochen. Das Schreiben wird als
quälend und schmerzhaft empfunden. Man sollte jedoch mit dem psychologischen
Begriff "Störung" etwas vorsichtig sein, denn oft fehlt
den Betroffenen schlicht das Wissen und die Übung, um ihren Schreibprozess
sinnvoll zu steuern.
SpiriTV:
Wie entsteht die Angst vor dem leeren Blatt?
Dr. Lange:
Die Angst vor dem leeren Blatt hat oft damit zu tun, dass die Ansprüche
zu hoch sind, und man meint, direkt beim ersten Versuch einen fertigen
und guten Text schreiben zu müssen. Häufig vergleichen Studenten
ihre Arbeiten mit wissenschaftlichen Fachpublikationen ohne sich klarzumachen,
dass deren Autoren Jahrzehnte mehr Schreiberfahrung haben als sie selber.
Eine erste Hilfe kann also sein, sich als Lernende und Übende zu
begreifen.
SpiriTV:
Worin besteht in Ihrer Methode der Unterschied zu den konventionellen
Anleitungen zum wissenschaftlichen Schreiben?
Dr. Lange:
Der Hauptunterschied besteht darin, dass ich meine Kurse nach einem Werkstatt-Konzept
durchführe, bei dem das praktische Schreiben im Vordergrund steht.
Es geht also nicht um theoretische Tipps, sondern um die Reflexion des
eigenen Schreibverhaltens und das Einüben neuer Schreibtechniken.
SpiriTV:
Welche Methoden und Strategien vermitteln Sie in Ihren Schreibkursen,
um wissenschaftliche Schreibprojekte effizienter anzugehen?
Dr. Lange:
Mein Hauptanliegen ist es, deutlich zu machen, dass das wissenschaftliche
Schreiben ein Prozess ist, der viel Überarbeitung und manchmal auch
ganz "unwissenschaftliche" Texte beinhaltet. So können
gerade gegen die Angst vor dem leeren Blatt, Techniken aus dem kreativen
Schreiben sehr hilfreich sein. Der Schreibprozess wird in einzelne Schritte
zerlegt, die dann überschaubar und zu bewältigen sind. Wichtige
Themen in meinen Kursen sind die Ideensuche, das Strukturieren, der Übergang
vom Lesen zum Schreiben, Themeneingrenzung und Projektplanung
SpiriTV:
Was für eine Unterstützung von Seiten der betreuenden Lehrperson
kann man erwarten?
Dr. Lange:
Nach meiner Erfahrung kann das sehr unterschiedlich aussehen und reicht
von dem eher abweisenden "machen Sie mal" bis zu dem Angebot
auf einzelne Teile der Arbeit vor der Abgabe ein Feedback zu geben. Die
Studierenden sollten auf jeden Fall mit der Lehrperson klären, welche
Betreuung es geben kann und welche Erwartungen sie an die Arbeit stellt.
Schließlich gehört es auch zu den Aufgaben der Lehrenden die
schriftlichen Arbeiten der Studierenden zu betreuen.
SpiriTV:
Wie viel Zeit und Übung sollte ein Student in seine Arbeit investieren
um sicher wissenschaftlich schreiben zu können?
Dr. Lange:
Hier kann man keine allgemeingültigen Zeitangabe machen. Das Schreiben
sollte aber auf jeden Fall ein fester Bestandteil des Studienalltags sein.
Denn Schreiben kann man nur durch schreiben lernen. In meinen Kursen rate
ich den Studierenden deshalb, ein "Wissenschaftliches Tagebuch"
über ihr Studium anzulegen, so sammeln sie nicht nur Material und
Ideen für spätere Hausarbeiten, sondern üben auch, sich
schreibend mit fachlichen Themen auseinander zu setzen.
SpiriTV:
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Preethy Thaliath
Frau D. U. Lange bietet im Sommersemester 2003 Kurse zum wissenschaftlichen
Schreiben an der Uni Köln an.
Nähere Infos: www.uni-koeln.de/phil-fak/schreibart.htm,
Individuelles Schreibcoaching: lange@uni-mainz.de
Hilfreiche Literatur:
Esselborn-Krumbiegel, Helga (2002): Von der Idee zum Text,
Kruse, Otto ( 1993): Keine Angst vor dem leeren Blatt
Ruhmann, Gabriela: Hilfe bei Schreibhemmungen. In: Handbuch Studieren.
Hg.: Otto Kruse (1998)
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