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Waffeln, Fritjes und Bier |
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Europa wir kommen! von Lea Pesch Erster Tag: Die Anreise Ganz Brüssel ist eine Baustelle! Es wird überall gebaut und gewerkelt, und noch bevor eine Sache fertiggestellt wird, beginnt man an anderer Stelle von Neuem. Na ja, da zeigt die Stadt Brüssel ein ähnlich chaotisches Bild wie die EU. Wir, die Studenten der Sporthochschule, sollten da besser organisiert sein. Schließlich hatten wir einen straffen Zeitplan für unsere dreitägige Exkursion nach Brüssel bekommen. Schon eine Woche bevor wir starten sollten bekamen die 24 interessierten Sportstudenten mit dem Wahlpflichtfach "Europäische Sportstudien" ein "Briefing" von unserer Dozentin Barbara Jesse und der Studentischen Hilfskraft Evelyn Ternes. Wahrscheinlich wollte sich Frau Jesse nicht mit uns blamieren, denn nicht umsonst wird die SpoHo der "nördlichste Club Med Europas" genannt. Politik spielt da spielt keine sooo große Rolle. Ganz im Gegenteil zur Exkursion. Mit zahlreichen Fragen im Gepäck waren wir gespannt auf die Vorträge der Referenten, die Diskussionen, aber auch auf die Studenten der Uni, die Stadt und die belgischen Fritjes. Nachdem wir in aller Herrgottsfrühe pünktlich in Köln losgefahren waren, das Gepäck in der schönen Jugendherberge "Sleep Well" verstaut hatten und unser Mittagessen verschlungen hatten, mussten wir noch eine Stunde vor der Europäischen Kommission auf den Besucherdienst warten. Da war die Ernüchterung groß, als wir in einem quietschgelben Plenarsaal einem sehr langweiligen Vortrag von Herrn Martin Terberger, Leiter des Referats "Beziehung zu den Organen, Planung und interne Kommunikation", zum Thema Haushaltseinsparungen lauschen mussten. Nur wenige Studenten erbarmten sich und stellten ein paar Fragen. Nach nur einer halben Stunde schliefen die ersten ein.
Die anschließende Diskussion war schwierig nachzuvollziehen, da er ständig die Sprache wechselte, nicht aber den Akzent. Dennoch kamen viele interessante Fragen, wie zum Beispiel "Wie stehen die Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt für Sporthochschulabsolventen und der Anerkennung von Diploma?", auf. "Leider hat die Sport Unit in diesem Bereich keinen Einfluß, da die einzelnen Verbände selber entscheiden, ob sie eine Ausbildung anerkennen oder nicht," war die Antwort von Herrn Le Lostecque. So ging es dann weiter. Bei jeder Frage bekamen wir die Antwort, dass dies nicht in der Kompetenz der Sport Unit läge. Auf die letzte Frage, "welchen Sinn Sportpolitik auf europäischer Ebene mache, wenn es kaum Kompetenzen gebe, oder ob das alles nur reine Geldverschwendung sei?" Gab es keine Antwort mehr. Einen versöhnlichen Abschluß des Besuches in der Europäischen Kommission gab es am Abend. Endlich hatten wir Zeit, um in Kneipen und Restaurants uns mit den anderen Studenten über die Eindrücke des Tages auszutauschen. Der zweite Tag Nach einem leichten Frühstück mit Corn Flakes und Toast, ging es in den zweiten Vortragsmarathon, der mit nicht ganz so leichter Kost auf uns wartete. Als erstes war unsere Geduld gefragt, denn der Besucherdienst hatte uns vergessen, und ohne Begleitung dürfen keine Fremdlinge hinein. So fühlten wir uns jedenfalls von der Hostess am Eingang zum Europäischen Parlament behandelt. Vor dem Parlamentsgebäude, daß wir uns von Außen ohne Begleitung genau ansehen durften, wacht eine Bronzestatur von Europa, die Tochter des Königs Agonor aus Tyrus in Phönizien. Europa wurde wegen ihrer Schönheit vom Göttervater Zeus ent- und verführt und nach Kreta verschleppt. Dort litt sie an Heimweh, und um dies zu stillen versprach ihr Aphrodite, dass ihr Name der Menschheit unvergessen bleiben werde. So wurde dem Verlust der Jungfernschaft ein ewiges Denkmal gesetzt, denn Europa heißt heute ein ganzer Kontinent. Soweit der Mythos. In das riesige in Marmor gehüllte Gebäude strömten die Menschen in Scharen wie Hunderte von kleinen Ameisen. Dabei konnte man sie die unterschiedlichen Sprachen Europas sprechen hören. Nach einer Stunde tauchte dann auch Benedikt Landgrebe, Sekretär unseres heutigen Gastgebers, Jo Leinen, Minister des Europäischen Parlaments, auf, um mit uns in zwei getrennten Gruppen durch Säle, Debatten und Cafeterien zu gehen. Erstaunlich ist, dass das Europäische Parlamentsgebäude außerdem noch über einen Friseur, einen Zeitungskiosk und einer Chocolaterie verfügt. Ganz schön nobel - nur wofür? Wir hatten sowieso keine Zeit uns die Haare frisieren zu lassen. Herr Landgrebe setzte eine Gruppe in einen Ausschuß, in dem eine "heiße Debatte" stattfand, wie einer der Studenten erzählte. "Es ging um den Nahostkonflikt, über den eine heiße Diskussion zwischen einem Spanier und einer englischen Baroness entfachte. Der Spanier gestikulierte wild, worauf die Engländerin in dem schönsten Englisch, das ich seit langem gehört habe, ganz ruhig Antwort gab." Ein traumhafter Akzent! Dann wurde auch noch der König von Jordanien als "Special Guest" angekündigt, und der doofe Saaldiener hat uns raus geholt, weil unsere Zeit abgelaufen war. Das hätte ich so gerne gesehen. Muß ´ne tolle Stimmung sein, einen so hohen Besuch hautnah erleben zu dürfen. Da habt ihr echt was verpasst!" Wahrscheinlich, denn der zweite Teil der Gruppe durfte sich den leeren EU Parlamentssaal ansehen, was ungefähr einem Theaterbesuch ohne Aufführung gleichkam. Dann ging es mit allen Studenten zum Vortrag von Jo Leinen. Er begrüßte uns mit: "Es regnet hier immer, wenn die Sonne nicht scheint!" Eine kleine Binsenweisheit, um die Stimmung zu lockern, dabei waren wir es nicht, die verspannt waren. Jo Leinen sah die ganze Zeit auf seine kleine Armbanduhr, die er vor sich hingelegt hatte und sprach über die Probleme seit dem 11. September, der fehlenden Verfassung der EU, der fehlenden Transparenz in der EU-Politik und dem einseitigen Interesse der Medien. Irgendwann mitten im Vortrag klingelte auch noch sein Handy. "Schatz vergiss das Brot nicht," alberte PoWi-Student Philip, der von Jo Leinen nicht viel zu halten schien. "Jo Leinen hat doch mit dicker Hose nur seine subjektive Politik dargestellt. Der kann uns viel von seinen Standpunkten erzählen, ohne politische Grundlagen hinzu zu ziehen," sagte Philip und fügte hinzu: "Wir sind nicht mehr im Grundstudium, sondern schreiben Magister- oder Doktorarbeiten. Über solche heiße Luft können wir nur lachen!" Zum Lachen war uns Sportstudenten nach dem Besuch bei Lissy Gröner nicht zumute. Sie ist Mitglied im "Ausschuss für Kultur, Jugend, Bildung, Medien und Sport" und sollte und eigentlich ein paar Fragen zur Sportpolitik beantworten. Leider hatte sie kaum Zeit. Der Grund für ihren extremen Zeitmangel war der historische, afghanische Frauengipfel, der in Brüssel tagte "Daher bin ich kribbelig und möchte nicht unnötig Zeit verschwenden," sagte Frau Gröner. Also fassten wir uns kurz, was auch uns kostbare Zeit sparte. Es stellte sich nämlich heraus, dass Frau Gröner gar keine Ahnung von Sport hatte, und auch den Anschein gab, nicht sehr am Thema interessiert zu sein. Bei der Übergabe unseres Gastgeschenks, das Buch unseres Instituts zu europäischen Sportstudien namens "Spuren", welches alles Wichtige zum Thema europäische Sportpolitik beinhaltet, war sie erfreut und gestand, dass mit einem solchen Buch im Gepäck wir die besseren Experten seien, da Sport nicht ihre Priorität sei. "Okay," dachte ich mir, "ich übernehme ihren Job gern." "Ein oder zwei Fragen noch, dann muss ich aber gehen," sagte Frau Gröner abschließend. Mein Terminplan ist durcheinander." "Ha, ha, unserer auch," sagten Evelyn Ternes und Frau Jesse im Duett, die uns seit der Ankunft mahnend mit gezückter Uhr zu Leibe rückten. Bevor Frau Gröner dann tatsächlich ging, bot sie uns noch an, bei weiteren Fragen ihr eine E-Mail zu schicken. Mit gesenkten Köpfen verließen wir den Konferenzraum, um uns draußen von unseren Unmut zu befreien. Sport ist in diesem Ausschuss anscheinend nur das fünfte Rad am Wagen. Das tut weh, wenn man extra nach Brüssel fährt, um mit den politischen Vertretern über die Zukunft seines Fachgebiets zu diskutieren. In kleinen Gruppen stürzten wir uns in den freien Nachmittag. Endlich hatten wir Zeit, um alle Informationen zu verdauen, obwohl der Magen über Mittag leer blieb. Es soll ja in Brüssel so leckere Fritjes geben, leider waren wir zu blöd eine Verkaufsbude zu finden. Dafür gab es aber Waffeln und Pizza. Das diente als Grundlage für den Abend in der Kneipe "Zum plötzlichen Tod", einer der beliebtesten in ganz Brüssel. Dort trafen wir auf die anderen Studenten. Es tat gut mit den PoWi-Studenten über die Exkursion und unsere Vorträge zu sprechen, denn als Sportstudent verfügt man nun mal nicht über das gleiche politische Wissen. Andererseits fanden die Politikstudenten unser Themengebiet und dessen Problematik sehr interessant, und dass mit jedem Bier mehr. Der dritte Tag: Die Abreise Alle Hoffnung in eine glückliche sportpolitische Zukunft sollte uns durch Doris Pack wiedergegeben werden. Sie sitzt im gleichen Ausschuss wie Frau Gröner, von der Frau Pack allerdings nicht so viel zu halten schien. Frau Gröner ist nach Meinung von Frau Pack mehr an Frauenpolitik als an Sport interessiert. Das hatten wir auch schon bemerkt. In der folgenden Diskussion stellte Frau Pack mit viel Nachdruck und spürbaren Engagement heraus, dass der Ausschuss aufgrund der fehlenden rechtlichen Grundlage des Sport in der EU keine Handlungsmacht habe. Es gibt lediglich einen Vermerk zum Sport seit dem Amsterdamer Vertrag. Das war es dann aber auch. Nutzen kann man die Berührungspunkte zwischen EU-Politik und dem Sport, z.B. das Bosman-Urteil, Anti-Dopingbekämpfung oder den Sport als Instrument zur Völkerverständigung. Ziel sei es, in Zukunft eine legale Basis zu schaffen. Sie kritisierte aber auch die "Schlafmützigkeit" der europäischen autonomen Sportverbände, die sich bisher nicht sonderlich für eine Einbindung in die EU-Politik interessierten. Wahrscheinlich aus Angst, man könne ihnen Kompetenzen rauben. Abschließend appellierte Frau Pack an uns als Multiplikatoren zu agieren, um Europa und die europäische Sportbewegung bekannt zu machen. Die Arbeit würde zu oft verkannt werden. Europa braucht eine große Welle der Begeisterung, denn die EU hat viele zündende Ideen. "Besonders im Politikunterricht wird Europa mit wenig Herz verbreitet," klagte Frau Pack. Man müsse jungen Menschen mehr Wissen und Begeisterung vermitteln. Außerdem brauche es ein größeres öffentliches Interesse, damit dies an die EU herangetragen werde und die Abgeordneten mehr Handlungsfähigkeit bekämen. Frau Pack ist klasse. Da waren wir Sportstudenten uns einig. Aber auch der nächste Referent brachte Informationen und Ideen, die den Sport fördern sollten. Tilo Friedmann ist Mitarbeiter des EU-Büros des Deutschen Sports in Brüssel und zeigte uns mehrere Beispiele für die erfolgreiche Instrumentalisierung des Sport zur EU-Integration besonders unter Jugendlichen, z.B. die Street Soccer Tour in Deutschland. Mit vielen Informationen, gestärktem Selbstbewusstsein und der neuen Aufgabe des Multiplikators im Auftrag des Sports in der EU, waren wir bereit für die Abreise. Im Bus wurde dann noch ein gemeinsames Fazit gezogen. Was hat uns die Exkursion gebracht? PoWi-Student Gerit weiß nun, dass er lieber über Politik in den Medien berichten möchte, als selber politisch zu arbeiten. Philip hätte schon gern einen Posten in der EU. Fast hätte er auch eine Chance bekommen erzählt er, denn "in der Cafeteria bin ich mit einem Parlamentarier zusammengestoßen, der hat zitternd seine Kaffeetasse festgehalten und mir alles über den Pelz geschüttet. Als Entschädigung hätte ich sofort nach einem Praktikumsplatz fragen müssen. Schade so spontan war ich dann doch nicht." Berit von der SpoHo hätte gern mehr Zeit gehabt, "um ein paar spannende Debatten zu sehen, denn es muss ja nicht immer ein Sportthema sein. Vielleicht hätten die Politikstudenten auch gern mal was über Sport in der EU gehört. Auf jeden Fall war es sinnvoll in einer gemischten Gruppe von Sport- und Politikstudenten zu fahren", sagte sie. |
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