Seminar der Friedrich Ebert Stiftung in Würzburg

 


von Sven Hansen

 

Der Schriftzug fiel ins Auge: Auf gelbem Hintergrund stach in weißen Lettern der Schriftzug „Journalisten-Akademie“ hervor. Das klang vielversprechend, auch wenn dafür 280,- Euro zu berappen waren. Auch bei näherer Betrachtung blieb der gute Eindruck bestehen, denn ein vielfältiges Kursangebot war gegeben. Schließlich entschied ich mich für das „Journalistische Schreiben für Berufseinsteiger“. Das wäre genau das Richtige: Praktische Anleitung von gestandenen Journalisten und Hintergrundinfos. Das war das, was ich suchte. Dabei bin ich mehr über das Programmheft gestolpert, als dass ich es aktiv gesucht hätte: Bei einem Besuch in der Ebert-Stiftung in Bonn blieb ich einen Moment zu lange am Infostand hängen...

Wie so viele in unserer Zeit möchte auch ich später mein Brot als Journalist verdienen. Leider ist aber nun mal die Zahl derer, die ähnliches vorhaben, hoch und der Markt übersättigt; viele Journalisten kommen nicht unter. Einer pessimistischen Zukunftsaussicht lässt sich aber durch frühzeitige Schulung und durch Erlernen von journalistischen Fertigkeiten entgegenwirken. Außerdem haben anerkannte Qualifikationen bekanntlich noch niemandem geschadet!

Die Journalisten-Akademie war deshalb eine gute Adresse und im Übrigen für jeden offen, unabhängig von jeglicher parteipolitischer Ideologie. Dem Verständnis der Akademie folgend, ist es gerade in heutiger Zeit von besonderer Bedeutung, dass Journalisten verantwortungsvoll auftreten und sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst sind. Denn wie kaum eine der Gewalten im Staat (Legislative, Exekutive und Jurisdiktion), verfügen Presse, Rundfunk und Fernsehen über die Macht der Beeinflussung. Als Kontrollinstrument wäre der Presserat zu nennen. Abgesehen davon, können Medien frei agieren. Ein harmloses, aber sicherlich kurzweilig und bedeutendes Beispiel ist sicherlich die mutige Feststellung einiger Print-Redaktionen noch vor endgültiger Stimmenauszählung mit Redaktionsschluss am 22.September 2002 die CDU/CSU zum Wahlsieger zu erklären: Dabei unterlagen diese um (wenn auch „nur“) ca. 6000 Stimmen. Das Gebot des Neuen und Aktuellen ließ die Redaktionen voreilige (Falsch-)Meldungen produzieren. Sie trugen damit zur Verunsicherung ihrer Leser bei, dem genauen Gegenteil dessen, was das Berufsethos vorschreibt, nämlich ihre Leser über Tatsachen zu informieren. Presse- und Meinungsfreiheit sind also ein hohes Gut unserer Gesellschaft. Doch gilt für jeden einzelnen, sich der Macht seiner Worte bewusst zu sein und behutsam zu handeln. Das fängt nicht erst mit politischen Themen an: Wie reißerisch darf eine nächtliche Verfolgungsjagd gezeichnet werden? In welcher Zeitung sollte man auf reißerische Effekte besser verzichten? Gebührt die Headline nach einer spektakulären Festnahme den Polizisten oder doch dem nun gefassten Geflüchteten und seiner Biographie? Wie findet man also den besten Einstieg, welchen Schwerpunkt setzt man?

Das Seminar mit 12 Teilnehmern hatte familiären Charakter. Die Journalistin Annette Garbrecht aus Hamburg war unsere Gruppenleiterin. Die Altersspanne reichte von 20 bis 50 Jahren. Ich als Jüngster und (noch) Studierender hätte mir unter lauter berufserprobten Teilnehmern fast verloren vorkommen können, aber das Gegenteil war der Fall: Die Atmosphäre war vertraulich und offen, und alle zogen an einem Strang, jeder zeigte sich wissbegierig! Unterschiedliche Lebenswege machten das Seminar darüber hinaus interessant, denn neben Journalisten fanden sich Vertreter der Juristerei, ein Ingenieur, eine Selbständige, eine Historikerin u. a. zusammen.

Die vier Tage in Würzburg boten ein interessantes Programm: Mit wiederkehrenden (Kaffee-) Pausen gespickt, konnten wir uns von 9 bis 18 Uhr der Arbeit widmen. Es mag den ein oder anderen überraschen, aber einen großen Teil der Zeit benutzten wir für das Lesen von Zeitungsartikeln, die wir auf Stil und Aussagekraft hin untersuchten und anschließend besprachen. Gerade solche Übungen förderten unser Sprachverständnis und allgemeine Kritikfähigkeit.

Beginnend mit dem Verfassen von Nachrichten gingen wir schließlich zur Form des Berichts. Eigens dafür hatte Frau Garbrecht eine Pressekonferenz einberufen. Praxisbezug war also mit inbegriffen. Es ging dabei um das Schicksal des Vietnamesen Chi Ling. Sein Bleiberecht war abgelaufen, und ein Antrag auf weiteres Asyl war abgelehnt. Im Folgenden äußerten sich die Landrätin, die den Vietnamesen schützende Kirchengemeinde und ein Rechtsbeistand. Nun waren verschiedenste Informationen zusammenzutragen. Daraus galt es einen knappen Bericht zu erstellen; aus einer großen Fülle an Material galt es auszuwählen: Was hat Priorität, was ist bedeutsam, was soll genannt werden?? Stellt man sich als Schreiber auf Seiten des Staates, etwa mit der Headline „Abschiebung beschlossene Sache“. Oder ergreift man Partei für Chi Ling mit „Behörden erbarmungslos“ oder „Vietnamese abgeschoben“. Oder sollte man nüchtern und neutral berichten?

Dieses Beispiel führte uns vor Augen, wie wichtig es ist, auszuwählen, und welche Textvariationen eine unterschiedliche Auswahl der Infos hervorbringen kann. Mag das Verfassen eines Berichtes noch einfach erscheinen, verkomplizierten sich die Umstände, als wir zur Kunstform des Portraits übergingen. „Ich hatte wirklich Schwierigkeiten den Fokus zu finden,“ erläuterte einer der Teilnehmer. Wo also ansetzen, wo den Schwerpunkt, den Fokus, setzen? Und bloß nicht im Berufsfeld hängen bleiben!

Leicht fiel das nicht, und jeder war gefordert. Der Leser will dabei sein, mitfühlen können wer und wie die Person ist. Etwa so: „Eiligen Schrittes bewegt sie sich auf den Presseraum zu. Fast wäre es zu spät geworden; aber der letzte Termin hatte seine Zeit gebraucht. Ihre wachen Augen überblicken den stark gefüllten Raum, „laut ist es hier,“ dachte sie. Bettina Thomson ist Journalistin. Es ist ihr Traumberuf.

Eigene Eindrücke beim Leser zu Bildern werden zu lassen, darin besteht die Kunst.
Die Seminargruppe zeichnete sich durch Lerneifer aus. Mögen auch manche Äußerungen seltsam anmuten, sie waren durchaus ernst und dankbar gemeint. Eine Teilnehmerin wünschte sich „so viel Kritik wie möglich“, eine andere freute sich „so viel Kritik bekommen zu haben, konstruktive Kritik.“

Das Seminar ist den Erwartungen gerecht geworden und hat mir den erwünschten Einblick und Einstieg verschafft, auch wenn die Kosten hoch waren. Das insgesamt dicht konzipierte Seminar zeichnete sich durch kompetente Anleitung aus. Zudem gab es Zeit und Raum für die eigene Umsetzung, die Atmosphäre innerhalb der Seminargruppe war angenehm und förderlich.

Ich bin mir in diesen Tagen darüber bewusst geworden, welche gesellschaftliche Verantwortung auf den Journalisten heute zukommt. Die Sprachwahl und das eigene Festlegen von Schwerpunkten bedeuten machtvolle Instrumente gegenüber dem Leser. Dieser ließt nur das, was der Schreiber zulässt.

 

Sven Hansen

 

Info-Links:
www.fes.de
www.journalistenakademie.de


 
Wie gefällt Euch dieser Beitrag? Sagt uns Eure Meinung im Forum !!!
 


© SpiriTV e.V. 2001. Impressum
SpiriTV e.V. ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Seiten.
Hinweise zum RealPlayer