Medien-Macht-Politik : Spannende Gäste beim zweiten Studientag der Rheinischen FH
 

von Johannes Löbner

TV-Duelle, Medienkanzler, Kriegsberichterstattung/Live und der Begriff der Mediokratie – viel zitierte Schlagwörter, die deutlich machen, wie sehr sich das Zusammenspiel von Politik und Medien in den letzten Jahren scheinbar verändert hat. Nie zuvor war die Verbindung zwischen Medien und Politik enger als in der heutigen Zeit, längst sind die Massenmedien nicht mehr nur Quelle von Information, sondern nehmen scheinbar mehr und mehr aktiv Einfluss auf das politischen Geschehen.

In einer Zeit, in der wir Kriege „live“ am Fernsehen verfolgen, in der Wahlkampf und politische Auseinandersetzung mittels medialer Aufbereitung immer mehr zur Medienschlacht zu verkommen scheinen, wird es für den Rezipienten immer schwieriger werden, Realität und Inszenierung voneinander zu trennen. Es stellt sich mehr denn je die Frage nach den Auswirkungen dieses veränderten Verhältnisses von Medien-Macht und Politik. Welche Gefahren ergeben sich aus dieser immer enger werdenden Symbiose, und welche neue Form von Verantwortung ergibt sich für die Medien aus dieser Entwicklung?

Die Studierenden der Medienwirtschaft an der Rheinischen Fachhochschule Köln machten diese Fragen und vor allem auch die kritische Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung der Medien zum Thema ihres zweiten Studientages „Medien-Macht- Politik“.

In monatelanger Vorbereitung hatten die Studenten in Eigenregie ein hochinteressantes Programm zusammengestellt und hochrangige Gästen aus Medien und Wirtschaft geladen. Unter anderem konnten sie Peter Klöppel, den Chefmoderator der RTL-Nachrichten sowie Dr. Martin Dörry, den stellvertretenden Chefredakteur des SPIEGELs als Referenten für diesen Tag gewinnen. Außerdem wurden für die spätere Podiumsdiskussion mit Marcel Loko, dem Geschäftsführer der Werbeagentur „zum goldenen Hirschen“, dem PR-Mann Rupert Ahrens, Andreas Hauser, dem Gründer der Onlinecommunity „dol2day“ sowie Dietrich Schlegel, dem Vorsitzenden von „Reporter ohne Grenzen“ weitere interessante Gäste erwartet. Die hoch spannende Zusammenstellung der Gäste war sicher mit ein Grund dafür, dass der Festsaal der Wolkenburg beinahe voll war.

Den ersten Teil der Veranstaltung gestalteten jedoch die Studenten selbst. Bis zur Mittagspause referierten mehrere Arbeitsgruppen unterschiedlicher Semester äußerst kompetent zu Themen wie „die Entwicklung des Wahlkampfes“, „Marketing in der Politik“, „Unabhängigkeit der Medien“ und „Medien im Krieg“, und führten dadurch in die Themenstellungen des Nachmittags ein.
Dieser begann mit dem Vortrag von Peter Klöppel über Ablauf und Auswirkungen des ersten TV-Duells der deutschen Mediengeschichte, das er selbst im Bundestagswahlkampf des letzten Jahres als Moderator für RTL geleitet hatte.
Die Einführung eines Fernsehduells der beiden wichtigsten Kontrahenten bewertete Klöppel insgesamt als positive Neuerung und Bereicherung für den Wahlkampf. Es sei eine Chance für die Wähler, in der immer diffuser und unklarer werdenden thematischen Auseinandersetzung die beiden Positionen der Kandidaten direkt zu vergleichen. Sicher impliziere die emotionalisierende Wirkung des Fernsehduells die Gefahr der übertriebenen Selbstinszenierung und eine Überbewertung der Personen zu Lasten der programmatischen Auseinandersetzung, doch sei es im ohnehin stark personalisierten Wahlkampf wichtig, auch einmal klar die Persönlichkeiten gegenüberzustellen. Klöppel warnte davor den Einfluss der Fernsehduelle auf den Ausgang der Wahl zu überschätzen: „entscheiden alleine können und sollen die Medien sie auch nicht.“ Dabei sei es für den verantwortlichen Rezipienten wichtig, sich nicht auf einzelne Medien zu verlassen, sondern sich umfassend aus verschiedenen Quellen zu informieren. Dies gelte insbesondere auch für den Umgang mit den Nachrichten zum aktuellen Irakkrieg, da hier nicht einmal die einzelnen Journalisten selbst immer eindeutig Wahrheit und Inszenierung voneinander trennen könnten.

Auf Klöppel folgte der Vortrag von Dr. Martin Dörry zum Thema „Macht der Medien“. Dörry erweiterte jedoch gleich zu Anfang seine Themenstellung zur Frage: „Macht oder eher Ohnmacht der Medien?“ Er sagte das Trommelfeuer der medialen Eindrücke habe heutzutage das Ausmaß eines regelrechten „Medienkriegs“ angenommen, das jeden Anspruch auf vollständige Objektivität entbehre. Kein Medium sei ohne Manipulation, keine Information vollständig ohne Einflussnahme. Die Ohnmacht der Medien zeige sich besonders in Situationen wie dem momentanen Kriegsfall, so Dörry. Er schloss sich damit dem englischem Schriftsteller Rudyard Kipling an, der schon zu englischer Kolonialzeit feststellte: „Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.“ Dörry beschrieb wie Journalisten sich allzu oft zu Werkzeugen der Politik machen ließen, indem sie zu Gunsten der Exklusivität die journalistische Objektivität vernachlässigten. Gleichzeitig sei es für die Medien aber auch immer schwieriger geworden sich vor Manipulation zu schützen, da sie immer subtilere Formen annehme.

Doerry sieht jedoch in dieser Entwicklung die Medien nicht in der bloßen Opferrolle, sondern schränkte ein, dass in einer Informationsgesellschaft zwischen Medien und Politik in beide Richtungen eine enorme Abhängigkeit bestünde. Vor Manipulation könnte man sich als Zuschauer nur schützen, indem man Medieninhalten insgesamt kritisch gegenüberstünde und sich umfassend informiere. Dörry betonte, dass trotz aller Einflussnahme die Presse und die Medien im Allgemeinen weiterhin eine der wichtigen Kontrollinstanzen funktionierenden Demokratie sind.

Im Anschluss an die Vorträge folgte die Podiumsdiskussion. Moderiert von Professor Dr. Gertler diskutierten die Gäste teilweise recht hitzig über die neuen Abhängigkeiten und Zusammenhänge von Medien, Werbung und Politik, sowie das TV-Duell und die Frage nach der Wahrheit in den Medien zu Kriegszeiten.

Im Laufe der Diskussion gerieten vor allem der PR-Berater Rupert Ahrens und Martin Dörry bei der Frage nach der Unabhängigkeit der Medien aneinander. Ahrens vertrat die Meinung, dass Politik heutzutage gar nicht mehr ohne ausgefeiltes kommunikatives Kalkül und mediale Inszenierung auskomme. Dies sei, so Ahrens, jedoch durchaus legitim solange sich einzelne Medien dabei ihre Unabhängigkeit bewahrten und insgesamt auch die inhaltliche Auseinandersetzung nicht zu kurz komme. Er kritisierte, dass selbst anspruchsvolle Blätter wie der SPIEGEL an dieser Form der Berichterstattung quotenträchtig teilnehmen wollten und im letzten Wahlkampf ihre sonst so differenzierte Haltung aufgegeben hätten. Dörry, der als SPIEGEL-Redakteur den Vorwurf des tendenziösen Journalismus nicht auf seinem Blatt sitzen lassen wollte, entgegnete Ahrens, dass sein Blatt durchaus seine Verantwortung für die Meinungsbildung ernst nehme und keinerlei strategischen Journalismus betreibe. Dennoch könnte eine gewisse Subjektivität von Artikeln nicht vermieden werden, was zwar eventuell die Ausgewogenheit, nicht aber die Unabhängigkeit von Berichterstattung beeinflusse.

Auch Andreas Hauser, der die Idee seiner Online-Demokratie-Community „dol2day“ vorstellte, sieht in der realen Entwicklung der wachsenden Abhängigkeit von Medien und Politik eine Gefahr. Er kritisiert unter anderem, dass das mit optischen Signalen überfrachtete Fernsehen unter inhaltlichen Gesichtspunkten leicht von der eigentlichen politischen Botschaft ablenke und dadurch die Inszenierung der Personen zu sehr im Vordergrund stünde. Marcel Loko, der im letzten Jahr mit seiner Werbeagentur den Bundestagswahlkampf der „Grünen“ gestaltet hatte, widersprach dieser Einschätzung nicht grundsätzlich, doch stellte er fest, dass der Einfluss der Medien auf politische und demokratische Prozesse oftmals überschätzt würde

Während bei der veränderten Rolle der Medien in unserer heutigen Zeit die Meinungen etwas auseinander gingen, war die Runde sich bei der Frage zur momentanen Berichterstattung über den Irakkrieg relativ einig. Grundsätzlich sei in
Kriegszeiten jede Form der Information mit äußerster Vorsicht zu bewerten, und die Gefahr, Opfer gezielter Beeinflussung der Medien zu werden, sei groß. Doch sei beispielsweise die Einführung der so genannten „embedded journalists“ durchaus auch eine Möglichkeit für die Medien noch näher am realen Geschehen zu sein und dieses dadurch umfassender darzustellen. Natürlich berge dieses „Einbettung“ auch die Gefahr, zu Lasten der journalistischen Objektivität zu gehen. Gleichzeitig schütze sie jedoch die Journalisten auch davor, sich in allzu große Gefahr zu begeben, wie Dietrich Schlegel betonte, der sich mit „Reporter ohne Grenzen“ weltweit für Sicherheit und Unabhängigkeit von Journalisten einsetzt.

Mit der Podiumsdiskussion endete das offizielle Programm des Studientages, mit
dessen Verlauf das Publikum sowie die Verantwortlichen sehr zufrieden waren. Es war gelungen die komplexe Thematik in einem angemessenen Rahmen und mit kompetenten Gästen zu diskutieren, kritisch zu beleuchten und interessante Aspekte herauszustellen.

Was bleibt festzuhalten? Die Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Mediokratie
ist sicherlich nicht mehr aufzuhalten, zu nahe sind Medien und Politik
zusammengerückt, zu selbstverständlich ist eine gewisse Medienmacht in einer
Informationsgesellschaft wie der unseren geworden. Doch ist diese Entwicklung nicht
nur pauschal als gefährlich zu beurteilen. Vielmehr birgt sie auch für den Einzelnen in
einer sich immer stärker individualisierenden Gesellschaft ungeheure Möglichkeiten. Kommunikation und freier Zugang zu Information sind wichtige Aspekte von Freiheit und Demokratie. Um eben diese Freiheit zu erhalten und zu garantieren ist jeder einzelne aufgefordert sich unentwegt kritisch mit den Informationen und medialen Angeboten auseinander zu setzen. Auch weiterhin muss der Diskurs über Medienwirkung, Medienmacht und Politik weitergehen. Veranstaltungen wie der vergangene Studientag sind sicherlich ein gelungener Anfang in diesem Sinne.


 
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