| Zwischen Tupperdosen und Knetpizza: Ein Besuch bei den Uni-Kids |
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von Sandra Berkling
Rumpelnd und von unüberhörbaren Begeisterungsschreien begleitet kommt ein Bollerwagen des Weges. Türen schlagen, ein Wandkalender fällt krachend zu Boden und im Zimmer nebenan werden kulinarische Beratungen darüber unterbrochen, ob die blaue Knetpizza nicht vielleicht doch mit einem Kirschbelag serviert werden sollte: Ein Ausschnitt aus dem Alltag der Uni-Kids, der Kinderbetreuungsstätte des Studentenwerks. Beheimatet in der Frangenheimstraße Nr. 4, bietet die Einrichtung eine umfassende Betreuung für den Nachwuchs von Studenten und Angestellten der Kölner Universität. In zwei hellen Räumen der Heilpädagogischen Fakultät tummelt sich wochentags unter der Aufsicht von drei Erzieherinnen und einer Studentischen Hilfskraft eine unternehmungslustige Gesellschaft aus Ein- bis Vierjährigen, deren Besetzung täglich variiert. Für 12 oder 15 Stunden, die auf drei Tage verteilt werden, können Eltern ihre Sprösslinge in die Obhut des Betreuungspersonals geben. Die gemischte Altersstruktur und die wechselnde Gruppenzusammensetzung sorgen hierbei für positive Effekte, wie die Erzieherin Ulrike Wehn betont. „Wir haben viele Einzelkinder, die hier Freundschaften schließen. Es entsteht ein richtiges Gemeinschaftsgefühl.“ Der Zusammenhalt zwischen den Kindern wird durch gemeinsame Spiele und künstlerische Aktivitäten wie Basteln, Malen und Singen stetig gefördert. Auch Einkaufstouren in den nächstgelegenen Supermarkt werden im Kollektiv unternommen, wenn der Nachschub für das allmorgendlich zelebrierte Frühstück knapp wird. Mittags werden die Kleinen mit Köstlichkeiten aus Muttis Küche versorgt, die in kompakten Tupperdosen mitgebracht und aufgewärmt werden. Im Anschluß daran verlangt es gerade die Jüngeren unter den Kindern nach einer Pause, so daß im Schlafraum der Kita (Kindertagesstätte) erst einmal eine wohlverdiente Siesta gehalten wird.
Neben dem abwechslungsreichen Tagesablauf und der fachkundigen Betreuung
besticht die Kita durch einen für Studenten nicht unwesentlichen
Vorteil: Die Uni-Kids schonen die Geldbörse ungemein. Mit 92 Euro
im Semester werden die Studenten um eine vergleichsweise niedrige Summe
erleichtert. Verdienen die Eltern allerdings mehr als 17 000 Euro im
Jahr (1416,79 Euro im Monat), wird gemäß eines gestaffelten
Kostensystems ein höherer Beitrag berechnet. Die Eltern wissen
den geringen Kostenaufwand zu schätzen, so auch Harun Sevinc, dessen
Sohn Giray seit einem Jahr die Einrichtung besucht. „Bei anderen
Kitas zahlt man 300 bis 400 Euro monatlich, das ist einfach viel zu
teuer“, berichtet er. Mit den Uni-Kids hat Harun Sevinc offensichtlich
einen Glückstreffer gelandet. Filius Giray Sich mit der ungewohnten Situation anzufreunden, fällt nicht nur so manchem Neuzugang schwer. Gelegentlich werden auch einige Mütter von Zweifeln geplagt, ob die außerhäusliche Betreuung der Entwicklung ihres Kindes zuträglich ist. Diese Skepsis hängt weniger mit der Qualität der Betreuung zusammen, sondern vielmehr mit der Kollision unterschiedlicher Lebensauffassungen. Eine Frau, die sich sowohl in ihrem Beruf verwirklichen als auch eine Familie gründen möchte, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, bei der Ausübung ihres Jobs ihr Kind zu vernachlässigen und es regelrecht abzuschieben. „Kind und Karriere – das geht in Deutschland ja nicht,“ stellt Ulrike Wehn fest. Doch sie argumentiert umgekehrt: Dass die Kinder berufstätiger Frauen den halben Tag in einer Kita verbringen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie der emotionalen Verarmung preisgegeben werden. Im Gegenteil, für Ulrike Wehn stellt der Kita-Besuch eine Bereicherung dar:„Kinder sollten schon früh mit ihren Altersgenossen zusammen sein. Ein schlechtes Gewissen ist deshalb absolut unnötig!“
Wenn man bzw. frau sich diese Überlegung zu eigen gemacht und moralische Zweifel überwunden hat, kann per Internet oder bei einem persönlichen Besuch eine Anmeldung in die Wege geleitet werden. Der Andrang ist groß, auf der Warteliste stehen momentan die Namen von 80 weiteren Kindern, die noch in absehbarer Zeit in der Kita untergebracht werden sollen. Interessierte Eltern müssen sich also auf einen Stammplatz in der Warteschleife gefasst machen und sich mindestens zwei Semester lang in Geduld üben. Die Möglichkeit, schon während der Schwangerschaft eine Anmeldung zu tätigen, besteht nicht. Trotz der steigenden Nachfrage nach Kitaplätzen können die
aktuell vorhandenen Kapazitäten nicht ausgebaut werden. Der Träger
der Uni-Kids, das hiesige Studentenwerk, sucht zwar beständig nach
einer entsprechenden Lokalität, preiswerte Räumlichkeiten
oder geeigneter Baugrund in Uninähe gelten in Köln jedoch
bekanntlich als Rarität. Der finanzielle Aspekt ist hierbei nicht
zu unterschätzen, da die Uni-Kids ausschließlich auf die
Unterstützung durch das Studentenwerk angewiesen sind. Als 1999
die Kinderbetreuungsstätte auf Initiative von Studentinnen der
Heilpädagogischen Fakultät ins Leben gerufen wurde, weigerte
sich die Stadtverwaltung, die Kita zu unterhalten. Begründung:
Die Uni-Kids werden nur von Ein- bis Vierjährigen frequentiert
im Gegensatz zu anderen Kitas, bei denen die Altersspanne der kleinen
Besucher von vier Monaten bis sechs Jahren reicht.
Auch wenn organisatorische Hürden und finanzielle Engpässe die Nerven manchmal strapazieren, läßt sich Ulrike Wehn nicht beirren. Sie mag ihre Arbeit und gewinnt dem Kontakt zu ihren Schützlingen immer wieder spannende Seiten ab. „Die Altersstruktur ist unheimlich interessant. Es ist toll, die Motorik- und Sprachentwicklung der jüngeren Kinder zu beobachten.“ Außerdem stellt sich nach der erfolgreich abgeschlossenen Eingewöhnungsphase automatisch eine Vertrauensbasis ein, die Kinder und Betreuerinnen gleichermaßen einbezieht. „Die Kinder schließen nicht nur untereinander Freundschaften, sondern haben auch eine enge Bindung zu den Erwachsenen hier. Deshalb ist es so traurig, wenn ein Kind geht.“ Im Zeitalter der multimedialen Kommunikationstechnologie kann allerdings noch auf ein Fortbestehen des Kontaktes gedrungen werden, nämlich indem nach Austausch von E-Mailadressen fleißig elektronische Post verschickt wird. Manche „Ehemaligen“ schauen sogar manchmal noch selbst vorbei, einige verzichten aber auch darauf, die Stätte ihres frühkindlichen Tuns zu besichtigen: „Die wollen mit den „Babys“ hier nichts mehr zu tun haben.“
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