Hinter den Kulissen von Bärbel Schäfer

 

von Mi Hae Lee

Szene I:

Montag, 14 Uhr. Der Fernseher bei Familie Schmitz ist auf RTL geschaltet. „....Talk to me...~“, erklingt es aus der Bildröhre. Die Talkshow „Bärbel Schäfer“ beginnt, und Familie Schmitz ist mittendrin.
„Ey, guckt Euch mal den Gast an! Man, ist der fett!“
„Die ist vielleicht dämlich! Was redet die da nur??“
„Iiiih, der hat ja total die verfaulten Zähne im Mund!!“
„Man! Die zoffen sich bestimmt gleich! So, wie die sich ankeifen!“

Talk - Ikone Bärbel Schäfer

So, oder so ähnlich läuft es wohl in den meisten Wohnzimmern ab, wenn „Talkshow-Zeit“ angesagt ist.
„Talkshow? Sowas guck ich mir doch nicht an! Das ist niveaulos...“
„Die Leute die dort auftreten sind sowas von hirnlos! Die spiegeln doch nicht etwa den Ottonormalverbraucher wieder, oder??“
„Ich frage mich wieso die Gäste ihre Beziehungsprobleme öffentlich diskutieren müssen...“

Viele sind den Talkshows abgeneigt, doch irgendwie schaut man doch hin und wieder rein.
„Das ist ein guter Zeitvertreib. Und manchmal sogar recht amüsant!“
Beim zappen durch die TV-Kanäle stößt man unweigerlich auf die vielen Talkshowangebote. Da gibt’s kein Entrinnen.
„Wenn meine Freundin sich nicht mehr die Beine rasiert, würde ich streiken. Ich würde dann einfach nicht mehr meine Zähne putzen. Wenn sie dann immer noch borstige, haarige Beine hat...würde ich sie kurzerhand verlassen....“
Bei solchen Kommentaren ist man dann doch gespannt wie es weitergeht und was erwidert wird.
Ist Talkshow vielleicht doch nicht nur Bloßstellung, sondern in gewisser Hinsicht auch Belehrung?
„Was soll man denn bitteschön von Talkshows lernen??? Wie man verblödet??“
Greifen wir doch mal das Thema auf: „Hilfe! Aber an meinem Körper stört mich etwas!“
Da saß ein junges Mädchen auf dem Podium und hat allen das Problem ihrer starken Beinbehaarung geschildert.
„Wieso stellt die sich denn bloß? Würde ich nie machen!“


Man muss doch sagen, dass sie enormen Mut bewiesen hat mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen. Viele ebenso betroffene haben sich bestimmt mit diesem jungen Mädchen identifizieren können. So gesehen galt sie doch als eine Leitfigur, oder auch „Aufklärerin“. Bei Krankheitsfällen ist meist ein Experte eingeladen der spezifische Hinweise und kompetente Ratschläge erteilt. Nicht nur Informativ für das junge Mädchen, sondern auch für alle anderen Zuschauer, die sich zu diesem Thema aufs Podium hätten setzen können, aber sich nie trauen würden. Dieses junge Mädchen war übrigends nur mit hoher Überredungs- und Überzeugungskunst in die Talkshow zu bringen. „Ich habe alles versucht. Die Haare sind einfach zu widerspenstig. Sie wachsen viel zu schnell nach. Da hilft keine einfache Rasur. Ich habe Tabletten genommen, sie versucht wegzulasern...alles ohne Erfolg...“ Da es ihr dann im Endeffekt doch etwas peinlich war sich Öffentlichkeit „zur Schau“ zustellen, blieb sie anonym. Ihr wurde kurzerhand eine Kutte übergeworfen. Beinfrei natürlich, so dass man ihre wundervollen Beine begutachten konnte...

Talkshows verzeichnen eher den Ruf ein geringes Niveau zu haben, und doch verzeichnen eben diese Sendungen eine enorme Resonanz. Niemand will die Sendungen gesehen haben, aber alle sind informiert. Ein Widerspruch an sich...
Die Themen sind so unterschiedlich gefächert, dass jede Altersgruppe ihre „Identifikationsperson“ findet, und so auch Interesse an der jeweiligen Sendung.
„Die meisten die da was sagen sind doch Machos!“
Ja, aber sind nicht gerade die aufmüpfigen Gäste gerade die Leute, die genau das ausprechen was unsereiner denkt, aber nicht wagen würde laut auszusprechen?
„Ich hatte mal ein Zwergkaninchen. Eines Tages war das Tier verschwunden, dafür hatten wir aber seit langer Zeit mal wieder Fleisch zu essen. Hinterher habe ich erfahren, dass mein Vater mein Haustier geschlachtet hat....“

Talkgäste, die sich und ihre Probleme Millionen Menschen offenbaren

Im ersten Moment klingt das vielleicht witzig, aber wenn man genauer hinhört ist doch ein Vorwurf gegenüber dem Vaters zu hören. Traut sie sich nicht dem Vater privat ihren Zorn, Ärger, oder Frust mitzuteilen? Warum rückt sie erst in der Öffentlichlkeit damit heraus?
„Wenn man in der Öffentlichkeit ist bekommt man mehr Gehör. Außerdem ist gerade in Taklshows das (Aus-)Sprechen der inneren Gedanken erst möglich. Hier werden einem die Chancen gegeben, die vielleicht privat nicht gegeben sind.“

 

Szene II:

Montag 9-10 Uhr: Die Redaktion „Bärbel Schäfer“ trudelt so langsam in die Redaktionsräume ein. Ein weiterer Arbeitstag beginnt. Schon bald wird die morgendliche Stille durch schrillles Telefongeklingel und wirres durcheinanderreden geprägt. Der Drucker surrt unablässig, man hört das Tippen auf der Computertastatur, die Fernseher laufen , um ja die neusten News mitzubekommen, dazwischen Aufrufe zu Redaktionssitzungen, hektisches hin-und her Gewusele...Im großen und ganzen ist es nicht ganz so schlimm wie es jetzt geschildert wird- aber so in etwa kann man sich schon das Treiben in den Redaktionsräumen vorstellen- eben HINTER den Kulissen von Bärbel Schäfer. Aber, was passiert da genau? Wie kommt eine Sendung zustande? Wo kommen die Gäste her? Wie, wo, was, warum? Jetzt mal ganz von vorne:
Man glaubt gar nicht wieviel Arbeit es ist so eine Talkshow auf die Beine zu stellen. Und es ist ja auch nicht so, dass man im Team an einer Sendung herumwerkelt- normalerweise ist es gerade mal ein Redakteur und der zuständige Chef vom Dienst für eine Sendung zuständig.
Produziert werden in der Woche 9 Sendungen, d.h. an 3 Tagen werden jeweils 3 Sendungen am Stück produziert.
Aber jetzt mal ganz von vorne:
Die Redaktion bei Bärbel umfasst ca. 15 Redakteure, 3 Cvd`s (Chef vom Dienst) und einen „Ober“-Chef. Jeder Redakteur bekommt nach entsprechenden Sitzungen Themen zugeteilt, die er dann innerhalb von ca. 5 Wochen als Talksendung präsentieren muss.

 

Ein Thema wo ich u.a. mitgearbeitet habe lautete in etwa: „Hilfe! Aber an meinem Körper stört mich etwas!“
-Schritt 1: Was soll die Zielsetzung der Sendung sein? Was soll im Endeffekt den Zuschauern übermittelt werden?
-Schritt2: Anfangen potentielle Talkgäste ausfindig zu machen. Da gibt es jetzt mehrere Möglichkeiten:
1) Leute rufen bei der Hotline an und melden sich freiwillig zu einer Sendung. (Die nächsten Sendungen werden im Videotext, über Aufruf oder per Aushang mitgeteilt.)
2) Wir haben eine Datenbank, wo potentielle Talkgäste verzeichnet sind. (u.a. von Castings)
3) Man schnappt sich interessante Gäste von den anderen Redakteuren, die keinen Gebrauch mehr für die einen oder anderen Leute haben...

Talkshows - ein guter Zeitvertreib ?

So...Jetzt fängt die Arbeit erst so richtig an! Jetzt heißt es nämlich recherchieren- telefonieren im Klartext. Wäre Frau X evtl. für die Sendung interessant? Welchen Gegner könnte man ihr verschaffen? Welcher Gast hat Power? Welcher ist angreifbar? Wer sollte aufs Podium? Wer ins Publikum als Meinungsgast? (Viele die vom Publikum ihre Meinung kundtun wurden sozusagen vorher von der Redaktion gecastet. Aber nicht alle!)
Wenn man also anfängt mit Frau XY zu telefonieren muss man sie zaghaft darauf vorbeireiten, dass wir sie als evtl. Gast vor der Kamera (und das in einer Talkshow) haben wollen. Die Reaktionen reichen von „Talkshow? Nein, danke!“ bis hin zu „Krieg ich dafür Geld?“ (150-200 DM sind die Regel-Aber Vorsicht! Wer versucht die Redaktion zu veralbern und denen eine Story auftischen möchte, mit dem Hintergedanken an das Geld zu gelangen, der sei gewarnt. Man muss vor der Sendung nämlich einen Vertrag unterschreiben indem man sich verpflichtet die Wahrheit zu sagen. Andernfalls droht eine Geldstrafe von 6stelliger Anzahl....Ihr seht: Die Talkgäste sind „echt“!)
Also, wenn man nun all seine Gäste zusammengetrommelt hat bleibt dem Redakteur dann selbst überlassen, ob er dann die Gäste nochmals Kasten geht, d.h. die Leute nochmals persönlich besucht um sich ein genaueres Bild von den Leuten zu machen und sich von den „Qualitäten“ der Gäste zu überzeugen- kurzum sie also kennenzulernen, und das Eis zu brechen. Andernfalls handled man eben alles per Telefon, was natürlich etwas riskant ist, da erfahrungshalber viele Gäste vor der Sendung abspringen- einfach weil die „Bindung“ zwischen Redakteur und Gast nicht , oder wenig zustande kam. Ist ein Gast abgesprungen muss man schnell einen neuen finden, was gar nicht so einfach ist, oder man muss sein ganzes Konzept umstrukturieren. Stress pur sag ich da nur. Aber es macht Spaß. Irgendwie. Wem wundert´s, dass dieser Job zum schnellen Ergrauen der Haare führt, oder zur Glatze...zum Haareraufen manchmal...
Sind die Gäste komplett und der Sendeablauf fertig heißt es für die Talkgäste am Tag der Aufzeichnung: Ab in die Maske...ab zur Tonprobe...Und: GO!
Jetzt ist Bärbels Auftritt, was sie immer locker und souverän bewältigt. So locker wie sie in der Sendung wirkt, ist sie auch Backstage. Eine wirklich nette, aufgeschlossene, herzliche Frau. Sympathisch- ganz ohne Starallüren.
„Eine nette Tante diese Bärbel. Wirkt tough.“
Nach der Sendung gibt’s dann noch Autogramme und Sekt- die alten Gäste gehen, die neuen für die danach aufgezeichnet werden wollende Sendung sind im Anmarsch...auf ein neues! Für einen reibungslosen Ablauf der Sendung sind natürlich noch unzählig andere Leute verantwortlich, z.B. die Leute von der Regie, die Gästebetreuer, die Aufnahmeleiter, der Warmupper, usw.usf

Schlussszene:

Wieder ist ein erfolgreicher Tag zu Ende. Die Redakteure haben ihr Werk getan und die Familien zuhause können sich wieder befriedigt ihrem Alltag zuwenden.

Am nächsten Tag in der Hotline von Bärbel Schäfer:

„Meine Frau hat ein Sockenproblem. Immer wenn sie vom langen tragen ihrer Socken Löcher bekommt, stülpt sie sich einfach andere Socken drüber anstatt sie zu wechseln...Ich glaube sie hat ein Problem...“

 

 
Wie gefällt Euch dieser Beitrag? Sagt uns Eure Meinung im Forum !!!
 


© SpiriTV e.V. 2001. Impressum
SpiriTV e.V. ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Seiten.
Hinweise zum RealPlayer