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von Marcus Gärtner
Leben auf der Frühgeborenenstation
Ein leises Schluchzen geht durch den Raum."Das kann doch
nicht sein,wegen so einer Scheiss Leisten-OP..."Sie wischt unter der Brille die Tränen weg.
Schwester Karen hat gerade erfahren, dass einer ihrer ehemaligen Schützlinge in einer anderen
Klinik bei der Operation eines Leistenbruchs verstorben ist.
Wohl an kaum einem anderen Ort liegt Leben und Tod so dicht beisammen wie auf der Frühgeborenenstation
der Universitätsklinik in Köln.Die auf der sicheren Seite liegen
auf der Frühchenstation;die,die noch kämpfen müssen im Perinatalzentrum(griech.peri=über...hinaus,natal=geboren).
Links die Fensterseite mit Blick auf das Vordach,rechts reihen sich die Zimmer
mit den Sorgenkindern.
Hier liegt auch Emily Marie im Brutkasten,zwei Handlängen
voll Leben,mit Haut wie aus Wachs,kaum sichtbar unter der roten Decke,nur das winzige
Händchen,das hervorlugt,zeigt das hier ein Mensch ist. "Auf dem Polaroid sehen sie grösser
aus", bezichtigt Emily´s Mami und streichelt der Kleinen zärtlich über die ersten Härchen
am Kopf. Auf dem Inkubator liegt ein rosa Handtuch, um dem Säugling farblich weiszumachen, er
befinde sich noch im Mutterleib. Doch der Kasten erinnert eher an ein hochtechnisiertes
Terrarium-allerdings zum Preis eines Kleinwagens.Von jeder Gliedmasse führt ein Kabel oder Schlauch
entweder zum Tropf oder zum Monitor, der über dem Kasten hängt.Darauf schlängeln die lebensentscheidenden
Kurven, die an verschiedene Bergketten erinnern: spitz, quadratisch,hucklig. Grün für die Herzfrequenz,Blau
für den Atem und Weiss für die Sauerstoffsättigung. "Die Lunge ist das Entscheidende", so Dr. Wolfgang Breuer
im Blaukittel ,"davon hängen die Erfolgschancen ab."
Er öffnet die seitlichen, ovalen Klappen und bahnt sich einen
Weg durch Kabelwirrwarr und Kuschelhase, um der jungen Patientin Blut abzuzapfen. Mit leichtem Druck auf die
Fusssohle entführt er tatsächlich einige Tröpfchen in die Kanüle. Emily merkt nichts von der Prozedur. Sie
saugt genüsslich an einem Wattestäbchen mit Zuckerlösung. Weil das
Geschmacksempfinden bei den Frühchen über die selbe Nervenbahn läuft wie das Schmerzgefühl, wird dieses
blockiert
und der Arzt hat freie Hand."Die sind hier in guten Händen-und ich auch", sagt die stolze Mama und meint
damit das
Konzept, das die Eltern so früh wie möglich in die Fürsorge
und Pflege für das Neugeborene einbindet.
Dazu gehört auch das sogenannte "Känguruhen". Dabei wird
das Kind Vater oder Mutter auf die Brust gelegt, um zum einen die Eltern-Kind Beziehung und das
Selbstvertrauen der Eltern zu fördern und zum anderen die Sinne des Kindes zu stimulieren, wie z.B durch
den Herzschlag des Elternteils. Dem scheint auch Luciano wohlig zu lauschen, denn ungewohnt still liegt er
bei Papa Caico auf der Brust. Der "känguruht" nebst Gattin-mit Zwillingsbruder Giuliano - im Liegestuhl
auf der Frühgeborenenstation und muss wegen seiner Erkältung einen grünen Atemschutz tragen- Infektionsgefahr.
Bei
der Schwangerschaft von Frau Caico kam es zu Komplikationen, vorzeitiger Blasenriss, das Urin gelangt in den
gemeinsamen Blutkreislauf, morgens starke Blutungen, zur Mittagszeit war das Blut schon infektiös-das bedeutet
Lebensgefahr für Mutter und Kind. Die Zwillinge werden auf die Welt geholt, bei Giuliano kommt
es zu Hirnblutungen und damit besteht die Gefahr von noch nicht abzuschätzenden Spätschäden. "Wir
waren realdenkend und hatten auch überlegt, das Kind lieber einschlafen zu lassen, bevor es leidet"
, erinnert sich Frau Caico, "hinterher hat man Hass, wenn irgendwelche Behinderungen auftreten, die
eine intakte Familie zerstören können."
Ding...Ding...der monotone Alarmton der Überwachungsgeräte
ist allgegenwärtig, immer nur ein paar Sekunden, dann haben sich die Werte wieder eingependelt."Im
Gegensatz zu anderen Ländern entscheiden in Deutschland die Ärzte über die Lebenserhaltung -die
Eltern haben kein Mitsprachrecht", kritisiert der besorgte Vater.
In solariumblauen Licht erstrahlt der Brutkasten gegenüber- keine Entführung von Ausserirdischen,
sondern Fototherapie gegen Gelbsucht. Der zerbrechliche Winzling im Kasten trägt eine weisse Augenklappe-und
hat ein Loch in der Brust. Allerdings nur beim Einatmen,denn der Brustkorb der Neugeborenen ist noch so weich,
dass er beim Atmen angesaugt wird. Vorne neben dem Namensschild hängt ein kleines Kunstwerk-ein schwarzer
Fussabdruck,daumengross. Schwester Manuela hebt sachte die zarten Beinchen an, um Temperatur zu messen. "Schön
ist es auch immer wieder, wenn die Eltern wiederkommen, noch nach drei, vier Jahren, da weiss man, dass es sich
gelohnt hat..."Dann drückt sie wieder mal den so wichtigen, gelben Knopf am Monitor: ALARM STOP. Frau
Caico lächelt wissend und unsicher:"Manchmal hör ich nachts im Bett die Alarme..."
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