Querkopf

 


von Falco Henkel

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Querköpfe haben es nicht leicht im Leben, sie gelten gemein hin als etwas schwierig, irgendwie schieflagig, nicht ganz normal. Und als wäre das noch nicht genug, wird der Stempel "Querkopf" von den Querköpfen selbst als Auszeichnung empfunden, was "den Anderen" wiederum nur als Beweis ihrer Verschrobenheit dient.

Sogenannte Verschrobenheiten, die in Presseerzeugnissen nichts zu suchen haben oder als Randthemen behandelt werden. In Köln fanden sich daher die Querköpfe unter den Arbeits- und Obdachlosen zusammen. Sie gründeten vor fast fünf Jahren den Verein "Querkopf e.V." als Herausgeber der gleichnamigen "Arbeitslosen- Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung".

Sie ist seitdem das Sprachrohr der etwas anderen Perspektive. Überwiegend satirisch werden hier Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft behandelt. Probleme, die sonst Randgruppen zugeschrieben werden, findet man hier in einen gesamtgesellschaftlichen Bezug gesetzt.

Auf einer vom Querkopf organisierten Demonstration wird dann schon mal neben der schlechten Vermittlungspolitik des Kölner Arbeitsamtes die menschenunwürdige Unterbringung der Asylbewerber in Köln Kalk angeprangert. So zeigt man hier, dass die Angst vor Ausländern, die einem die Arbeit wegnehmen sollen, unbegründet ist - das Boot der Arbeitslosigkeit bietet viel Platz und ist multikulturell besetzt, und eine Gesellschaft, die Asylbewerber schlecht behandelt, geht mit den eigenen Randgruppen nicht besser um.

Die Stimmung auf der Redaktionssitzung, die jeden ersten und dritten Samstag im Monat im Q-Hof stattfindet, ist dementsprechend verhalten. Keiner glaubt so wirklich daran, durch die Zeitung eine Veränderung in der Gesellschaft zu erreichen. Zielgruppe seien daher vor allem die Betroffenen selbst, welche durch den Zeitungsverkauf eine Unabhängigkeit vom Sozialamt erreichen sollen.

Ob dies immer gelingt, ist fraglich. Zumindest sind die Ansprüche nicht sehr hoch. So genügt es einigen, pro Tag 10 Zeitungen zu verkaufen. Bei einem Preis von 1,50 Euro pro Zeitung, von dem der Verkäufer jeweils 75 Cent erhält, beträgt der Tagesverdienst dann gerade mal 7,50 Euro.

Wenn aber ein Querkopf-Verkäufer nach neun oder zehn Stunden Verkaufmarathon in den Kölner U-Bahnen von Jugendlichen als Penner, "der sich "erst mal ´nen Job" suchen soll, bezeichnet wird, gewinnt das vollständige Brecht-Zitat für die Arbeitslosigkeit dieselbe Bedeutung wie für den Krieg: Stell dir vor, es ist Arbeitslosigkeit und keiner geht hin, dann kommt die Arbeitslosigkeit zu dir.

Aufgeben will hier aber auch niemand. Eine wirkliche Wahl hat man auch nicht. Zumindest die Auflage von mittlerweile etwa 9000 Stück pro Monat kann sich sehen lassen. Vertrieben wird der Querkopf neben Köln auch in Berlin.

Und sie wären keine Querköpfe, wenn sich nicht doch ein wenig Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung in ihren Köpfen regen würde. In der Sonderausgabe werden jedenfalls nicht nur kräftig neue Mitglieder geworben, sondern es wird auch Anschluss an ein europäisches Netzwerk von Gleichgesinnten gesucht.

Falco Henkel



 
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