| Wiener-Geschichten – Die Stadt die verwöhnt |
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Die erste Feststellung war: Auch im vermeintlich deutschsprachigen Ausland kann es Verständigungsprobleme geben und Momente, in denen nur Kopfnicken und Lächeln hilft. Denn was dem Kölner seine „kölsche Sproch“ ist dem Wiener sein „Schmäh“, und letzteres wird in Relation zur Geschwindigkeit des Sprechers immer schwerer zu verstehen. Andersherum reichen meist schon wenige Worte, um sich als Nichtösterreicher beziehungsweise Piefke oder auch freundlicher als Bundesdeutscher zu outen. Schon die Bestellung eines Kaffees reicht häufig dazu aus, denn der Kaffee hat in Wien eine ganz langes eeeeeee, und die hiesige Intonation wird von den Sprechern des Wiener Idiom nicht eben geschätzt. Die Reiseliteratur hatte zur Vorbereitung auf den Aufenthalt die Lektüre von Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“ empfohlen. Ein Buch, das wohl auch viele Wiener gelesen haben, denn die sprichwörtliche Wiener Gemütlichkeit ist kein Klischee sondern eine Tatsache. So kann es dann schon mal sein, dass die Straßenbahn (in Wien Bim genannt) einfach mal stehen bleibt und eine Pause macht. Auch sind sämtliche Kaffeehäuser fast immer so gut besucht sind, dass sich einige Firmen wohl gar nicht mehr die Mühe machen eigene Büros anzumieten, schließlich lässt es sich bei Melange und Sachertorte viel besser arbeiten. Gehört der Rheinländer ja schon nicht zum schnellsten was unsere Republik zu bieten hat, so haben unsere Nachbarn im Südosten die Gemütlichkeit im positiven Sinne perfektioniert. Wenn es in Uni oder Beruf mal zu stressig sein sollte, wird gemeinhin eine Kaffeepause eingelegt. Und so sind dann die Piefkes nicht so gut gelitten, weil sie ja immer nur arbeiten, arbeiten, arbeiten und selbst den Kaffe im Stehen trinken. Ein Stehcafe wäre in Wien sicherlich kein Unternehmen von Dauer. Das Kaffeehaus ist dort eine Art kulturelle Institution. Beim Besuch in einem der zahlreichen Wiener Kaffeehäuser ist dann auch der Kontakt mit einer Wiener Spezialität vorprogrammiert, dem Kellner. Wenn es bei uns Vorurteile über die unfreundlichen Bewohner der österreichischen Hauptstadt gibt, so rühren sie sicherlich vom Kontakt durch eben jene Kellner. Die Unfreundlichkeit scheint proportional zur Klasse des Hauses zu steigen und geradezu zur Berufsqualifikation zu gehören. Eine Dreiviertelstunde auf die Gnädigkeit eines solchen Herrn zu warten ist durchaus im Bereich des Möglichen. Dafür kommt der Gast dann allerdings ausführlich in den Genuss der Atmosphäre dieser berühmten Etablissements, die wohl auch als Wiens Wohnzimmer bezeichnet werden könnten. Die Einrichtung samt Kronleuchtern und Plüschsofa ist eine Art Spiegelbild für die sprichwörtliche Wiener Gemütlichkeit. Nicht selten werden auch schon mal drei Stunden im Kaffeehaus verbracht. Die Zeit lässt sich allerdings gut durch die Lektüre der zahlreichen Zeitungen überbrücken.
Wobei wir schon bei einer weiteren Besonderheit wären, nämlich der berühmten Kronenzeitung. Diese Zeitung, die wohl noch mehr zwischen Wahnsinn und Tabulosigkeit schwankt, als das heimische vierbuchstabige Exemplar, nimmt für sich in Anspruch die größte Leserdichte der Welt zu besitzen, nämlich über 3 Millionen täglich. Bei Acht Millionen Einwohnern bedeutet das also fast 40 Prozent der Gesamtbevölkerung. Allerdings wäre es unfair anhand dieser Verbreitung auf den Geisteszustand der Österreicher zu schließen. Eines ist aber klar, wer bei der Kronenzeitung in Ungnade fällt, der hat es nicht leicht in Österreich. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle auch ein paar Worte über die kulinarischen Spezialitäten der alpenländischen Metropole verlieren. In hiesigen Gefilden wird ja den meisten sicherlich das Wiener Schnitzel ein Begriff sein. Größe und Dimension der hiesigen Version lassen sich allerdings nicht mit den Exemplaren vergleichen, die in den Wiener Lokalen gereicht werden. Dort scheint die Devise zu sein, dass das Schnitzel mindestens doppelt so groß sein sollte wie der Teller, auf dem es liegt. Das führt dann zu einem Platzproblem, für die Beilage. Einfache Lösung, das Schnitzel wird einfach auf die Pommes gelegt. Meistens reicht so eine Ladung Schnitzel dann auch schon aus, so dass die Pommes eigentlich egal sind. Dass wir deutsche große Wurstfans sind, ist ja hinlänglich
bekannt, die Österreicher haben diese Leidenschaft allerdings wesentlich
weiterentwickelt. Was für den Kölner die Dönerbude an der
Ecke ist, das ist für den Wiener sein Würstlstand. Ist der Abend
auch noch so spät, für eine schnelle Wurst mit Semmel ist immer
noch Zeit. Besonders beliebt sind die Käsekrainer, die wegen des
herausquellenden flüssigen Käses auch „Eitrige“
genannt werden. Interessanterweise gibt es in Wien Frankfurter, Berner
oder Krakauer aber keine Wiener Würstchen, die ja in hiesigen Lokalen
Gestrudelt wird in Wien natürlich auch in jeder Lokalität, die etwas auf sich hält. Egal ob Apfel, Topfen oder Marillenstrudel, Schlagobers oder Vanillesoße, nichts ist unmöglich. Auch die Kaffeebestellung gerät, abgesehen von der bereits erwähnten Intonation, öfters zu einer kleinen wissenschaftlichen Übung, und das nicht nur wegen der Trägheit einiger Kellner. Ist der gemeine Deutsche die beschränkte Auswahl von schwarz, weiß oder mit Zucker gewöhnt, so tummeln sich in Wien schon mal Zwanzig verschiedene Kaffeesorten auf einer Karte. Und ein großer Brauner ist nicht etwa ein rassistisches Relikt, sondern einfach ein großer Espresso eine Wiener Melange ist nicht etwa gleichzusetzen mit dem Kölner Klüngel, sondern ist vielmehr so eine Art Milchkaffee. Und wer in Wien einen weißen Spritzer bestellt, verhält sich nicht sittenwidrig, sondern bestellt vielmehr einen gespritzten Weiswein, und zwar nicht mit Glucose sondern mit Mineralwasser.
Natürlich kann so ein Artikel über Wien nicht einen der wichtigsten Aspekte aussparen, nämlich den Wiener an sich. Was für ein Wesen ist das also, das die Hälfte seines Lebens im Kaffeehaus zwischen Melange, Strudel und Kronenzeitung verbringt? Nun ja wenn es so etwas gibt wie den Wiener an sich, so ist er oder sie doch zur ruhigen Herangehensweise an das Leben geneigt. Auf der Straße schmettert er einem ein freundliches „Grüss Gott“ entgegen (soviel zum säkularen Weltbild), das eventuell noch mit einem Herr Magister, Ingenieur oder Doktor verbunden wird. Das Tragen eines Titels, egal welcher Art, ist in Österreich besonders in der älteren Generation enorm wichtig. So gibt es noch solche etwas altmodisch klingende Titel wie Kommerzienrat, Hofrat oder als Klassiker den „wirklichen Geheimrat“. In diesem Zusammenhang sei ein Besuch auf einem Friedhof empfohlen, wo sich mitunter mehrere solcher Titel auf einem Grabstein tummeln, was oft zu extrem großen Steinen führt. Eine Maxime des Wiener Lebens scheint ebenfalls zu sein, dass nichts einfach, sondern alles kompliziert ist. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, müssen erst einmal alle Optionen analysiert werden. So kann dann schon einmal die Frage nach dem Weg zu einem halbstündigen Diskurs ausarten, ob denn jetzt die Bahn, die Füße oder vielleicht doch das Auto zu benutzen seien.
Generell skeptisch zeigt man sich auch gegenüber Neuerungen, und da ja alles erst einmal gründlich ausdiskutiert werden muss, kann es schon einmal hundert Jahre dauern bis zum Beispiel eine U-Bahn gebaut wird. Auch sind natürlich alle Gebäude die nach 1900 gebaut wurden, hässliche Neubauten, die nur den Blick auf die schönen Palais und Kirchen stören. Daraus zu schließen, Wien wäre keine weltoffene Stadt, ist allerdings falsch. Auch wenn hierzulande immer wieder das Schreckgespenst FPÖ stilisiert wird, so zeigt sich Wien doch als eine sehr multikulturelle Metropole.
Am Ende eines langen Aufenthalts lässt sich feststellen, dass gerade
wegen der immer wieder benutzen Klischees und Besonderheiten, über
die der Besucher manchmal nur den Kopf schütteln kann, Wien eine
Stadt ist, die verwöhnt. Wo sonst gibt es Straßenbahnen, die
im Kreis fahren, Schnitzel in T-Shirt Größe oder Kaffee der
auch wirklich seinen Namen verdient und eine Bevölkerung die immer
einen Song zu summen scheint: „Versuchs mal mit Gemütlichkeit“.
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