Interview mit Kassettenkind Annette Bastian

 

von Markus Klausen
Interview mit Kassettenkind Annette Bastian, Autorin des Buches „Das Erbe der Kassettenkinder“
Für Fans: Die Drei Fragezeichen auf Live Tour
SpiriTV: Wie ist die Idee zu dem Buch entstanden?
Annette Bastian: Ich höre selbst für mein Leben gerne Hörspiele. Ich bin in den 70ern geboren worden, als Kassettenkind aufgewachsen und komme auch heute nicht von den Hörspielen los. Als ich bemerkt habe, dass es außer mir noch viele andere erwachsene Kassettenhörer gibt, lag der Gedanke irgendwann sehr nahe, darüber etwas zu schreiben, vor allem weil das Thema bislang von den Medien kaum beachtet worden war.
SpiriTV: Wann ist die Idee entstanden?
Annette Bastian: Vor ca. 1 1/2 Jahren, im Frühjahr 2002.
SpiriTV: Was war die Motivation, gerade ein Buch aus der Idee zu machen?
Annette Bastian: Da bin ich ein wenig familiär vorbelastet. Mein Vater schreibt schon seit vielen Jahren Sachbücher und hat 2002 den eccomedia Verlag gegründet, in dem jetzt auch das Kassettenkinder-Buch erschienen ist. Und stofflich gibt das Thema Hörspiele so viel her, dass man damit bestimmt noch viele weitere Bücher füllen könnte. Ich hatte schon Schwierigkeiten, das Thema sinnvoll einzugrenzen und habe mich schließlich dazu entschieden, die so genannten Jugendkrimiserien der 80er in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen.
SpiriTV: Wie ging die Recherche vonstatten? Gestaltete es sich schwierig an alte Informationen der "frühen Kassettenzeit" heranzukommen?
Annette Bastian: Zur Recherche gehörte in erster Linie das Anhören unzähliger Kassetten. Darüber hinaus war das Internet natürlich sehr hilfreich, um an Informationen zu kommen. Vor allem, um sich ein Bild von dem Hörspiel-Fankult zu machen.
SpiriTV: Welche Intention steht hinter dem Buch: Nostalgiereise oder Erforschung eines Phänomens?
Annette Bastian: Auf jeden Fall beides! Wer das Buch liest, soll in Erinnerungen schwelgen können und sich selbst wiedererkennen. Andererseits habe ich aber auch versucht, dem Rätsel des aktuellen Kassettenkinder-Phänomens auf die Spur zu kommen.
SpiriTV: Welche Bedeutung hat das Phänomen Hörspielkassette für Ihre eigene Kindheit/Jugend?
Annette Bastian: Hörspiele waren im Rückblick betrachtet sicher das wichtigste Medium meiner Kindheit. Der Kassettenrekorder unterstand im Gegensatz zum Fernseher nicht der elterlichen Kontrolle. Die Hörspiele liefen im Kinderzimmer eigentlich ständig im Hintergrund. Man hörte sie allein oder mit Freunden. Kassetten wurden gesammelt, bis man nachher schon nicht mehr wusste, wohin damit.
SpiriTV: Welche Kassette stellt Ihre Lieblingsfolge unter den Hörspielen dar?
Annette Bastian: Das ist schwer zu beantworten. Es gibt so viele Hörspiele, die ich mag. Wenn ich mich auf ein Hörspiel festlegen muss, nenne ich aber immer „Die drei ??? und der Karpatenhund“. Die fand ich als Kind extrem spannend.
SpiriTV: Gab es in der eigenen Kindheit/Jugend Identifikationsfiguren aus den drei Hauptserien (5 Freunde/3 ???/TKKG)? Wenn ja, warum war das so; wenn nein, warum nicht?
Annette Bastian: George von den Fünf Freunden fand ich früher immer toll, weil sie so mutig ist und sich nichts gefallen lässt. Aber ich habe mich auch ganz allgemein mit den Hauptfiguren aus den Jugendkrimis identifiziert, weil mir die Vorstellung, selbst Fälle zu lösen und Verbrecher zu überführen, so gut gefiel.
SpiriTV: Glauben Sie, daß es gerade für Mädchen leicht oder schwer ist, bei diesen drei Serien eine solche Identifikation herzustellen, gerade in Anbetracht der Ausgestaltung der Mädchenrollen in den Serien? Womit hängt das (mangelnde) Identifikationspotential zusammen?
Annette Bastian: Ich glaube, die meisten Mädchen sind da flexibel. Wenn sie sich mit den Mädchenfiguren nicht identifizieren können oder wenn, wie bei den Drei ???, gar keine Mädchen zum Ermittlerteam gehören, halten sie sich eben an die Jungenrollen. Ich selbst jedenfalls habe mit Begeisterung Die drei ??? gehört und mit Freundinnen zusammen gespielt, dass wir in Rocky Beach ermitteln.
SpiriTV: Wie beurteilen Sie die Entwicklung einer Serie wie die 3 ??? angesichts des Dilemmas einer derartigen Serie, in der Realität einem Zeitablauf von z.T. mehr als 20 Jahren ausgesetzt zu sein, zusammen mit der Entwicklung neuer Technologien (z.B. Internet, Handy), während innerhalb der Serie mehr oder weniger ein Stillstand stattfinden muß, um das typische Gepräge zu erhalten?
Annette Bastian: Das Ganze ist sogar noch komplizierter. Internet, Handys etc. sind heute auch Bestandteil der Drei-???-Welt. Auch in Rocky Beach ist inzwischen das 21. Jahrhundert angebrochen. Nur die drei Detektive selbst sind in der Zeit eingefroren, denn sie werden einfach nicht älter. Dass die Drei ??? nicht oder kaum altern, ihre Umgebung dagegen immer moderner wird, finde ich aber nicht störend. Man sollte die Stimme im Kopf, die einem sagt „Das ist doch unlogisch!“ einfach ausschalten und sich in die Welt der Hörspiel-Zeitlogik begeben. Ich hätte dieses Problem als Autor wahrscheinlich genauso gelöst.
SpiriTV: Sind die Serien auch und gerade in ihrer Ausgestaltung noch zeitgemäß?
Annette Bastian: Das Genre Jugendkrimi, das Serien wie den Drei ??? zugrunde liegt, begeistert Kinder schon seit sehr langer Zeit, ob in Buch- und Hörspielform oder auch im Fernsehen. Das Konzept, dass eine Gruppe Jugendlicher in Kriminalfällen ermittelt, wird so schnell nicht seinen Reiz verlieren. Allerdings muss man die Geschichten der heutigen Erfahrungswelt der Kinder anpassen. Die alten Schmugglergeschichten von Enid Blyton wirken auf Kinder von heute sicher schon sehr fremd.
SpiriTV: Was glauben Sie: Welchen Stellenwert haben Kassetten und Hörspiele in 10-15 Jahren?
Annette Bastian: Das ist eine spannende Frage, die ich mir auch oft stelle. Ich glaube schon, dass Hörspiele und vor allem Kinderhörspiele auch im heutigen Mediendschungel noch eine gute Überlebenschance haben. Der Hörspielmarkt in Deutschland ist einfach wahnsinnig stark, und das wird sicher auch noch viele Jahre so bleiben. Was ich aber ganz schlecht einschätzen kann, ist, wie lange die Kassette sich noch neben der CD behaupten kann. Momentan werden ja die meisten Kinderhörspiele noch in Kassettenform konsumiert. Das kann aber in 10-15 Jahren ganz anders aussehen.
SpiriTV: Glauben Sie, dass im Zeitalter von DVDs und Playstations etc. Kassettenkinder eine aussterbende Rasse sind?
Annette Bastian: Eine Kassettenkinder-Generation, wie ich sie in meinem Buch beschrieben habe, wird es in dieser Form wohl nicht mehr geben. Zum einen, weil es heute neue Medien gibt, denen Kinder sich neben Hörspielen auch zuwenden, zum anderen, weil der Hörspielmarkt nicht mehr so übersichtlich ist wie noch vor 20 Jahren.
SpiriTV: Können Kinder von Hörspielen etwas lernen; wenn ja, sollten sie etwas lernen?
Annette Bastian: Ich denke, dass Hörspiele sehr die Kreativität anregen. Viele Kinder spinnen die Geschichten ihrer Hörspielhelden weiter und nehmen mit ihren Freunden zusammen selbst kleine Hörspiele auf. Am wichtigsten finde ich aber, dass die Kinder Spaß an Hörspielen haben.
SpiriTV: Danke für das Interview.

 


 
Wie gefällt Euch dieser Beitrag? Sagt uns Eure Meinung im Forum !!!
 
zurück ...


© SpiriTV e.V. 2001. Impressum
SpiriTV e.V. ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Seiten.
Hinweise zum RealPlayer