| Julia Franck Porträt |
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von Tanja Betzmeir
Seit einigen Jahren macht eine neue Generation deutscher Autoren von
sich reden. Junge Menschen, die mit ihrer Experimentierfreude anstecken,
mit Worten und Klischees spielen, alte literarische Strukturen aufbrechen
und in andere Kontexte einbetten, den Blick auf alltägliche Kleinigkeiten
lenken, statt nur vom Außergewöhnlichen zu erzählen. Sie wurde 1970 in Ostberlin geboren, verließ aber 1978 mit ihrer Familie die DDR. Das Notaufnahmelager Marienheide diente ihnen als kurzfristige Unterkunft, bevor sie schließlich in Schleswig-Holstein eine Bleibe fanden. Seit 1983 lebt Julia Franck wieder in Westberlin. Immer wieder unternahm sie seitdem längere Reisen in die USA und nach Mittelamerika. An der FU Berlin studierte sie Altamerikanistik und Neuere deutsche Literatur. Heute lebt sie mit ihren beiden Kindern in Berlin. Ihr literarisches Debüt gab Julia Franck 1997 mit dem Roman „Der
neue Koch“. 1999 folgte der Roman „Liebediener“, 2000
der Erzählband „Bauchlandung“. Ihr neuestes Werk ist
der 2003 erschienene Roman „Lagerfeuer“. Julia Franck überzeugt vor allem durch ihre Liebe zum Detail. Mit
einfachen Worten und unkomplizierten Sätzen zerlegt sie die Welt
wie mit einem Seziermesser säuberlich in Einzelteile, die in nun
in all ihrer Blöße vor dem Betrachter bzw. dem Leser liegen.
Dadurch schafft sie es trotz des weitgehenden Verzichts auf äußere
Handlung eine psychische Spannung aufzubauen, der sich der Leser, einmal
gefangen, nur schwer entziehen kann. Ähnlich faszinierend ist ihr vielgerühmter Erzählband „Bauchlandung“. Er besteht aus acht in der Länge stark variierenden Erzählungen, die auf ihre Art alle die spielerische Natur entfalten, die für Kurzgeschichten so typisch ist. Ob es nun die Zugfahrt zu einer Hochzeit ist, das vertrauliche Klatschgespräch mit dem Barkeeper in der Kneipe oder der vorgezogene Leichenschmaus mit dem Großvater im kleinen Kreise der Familie, alle Situationen entfalten auf wenigen Seiten eine Skurrilität, die ihresgleichen sucht. Einerseits ist der Leser ständig versucht zu Schmunzeln, andererseits könnten ihm ebenso gut Tränen in die Augen treten angesichts der verborgenen Tragik. Gerade durch die nüchterne, einfache, geradlinige Sprache gelingt es der Autorin, die Atmosphäre jeder einzelnen Geschichte in ihrer ganzen Vielfalt einzufangen. Nicht fehlen darf außerdem die Pointe, die am Ende jeder Erzählung einen melancholischen, sarkastischen oder nachdenklichen Nachgeschmack auf der Zunge lässt. Alles in allem also ein Buch, das Raum lässt für eigene Gedanken und eigenes Weiterdenken; das zum Tagträumen verführt und dazu anregt, die eigene Umgebung genauer zu beobachten, als man das gemeinhin zu tun pflegt. Zumindest die ersten drei Bücher sind bereits als Taschenbuch erschienen (das vierte wird wohl bald folgen) und kosten jeweils ca. 9 €. Das sollte das Studi-Budget nicht allzu sehr strapazieren und ist allemal gut angelegtes Geld, zumal man gerade den Erzählband immer wieder in die Hand nehmen und darin schmökern kann. Man wird jedes Mal neue interessante Aspekte entdecken. Auch die überregionale Presse hat Julia Franck begeistert aufgenommen. So attestierte Sophia Willems in der „Westdeutschen Zeitung“ Julia Francks Erzählweise eine „sinnliche Wahrnehmungskraft von zuweilen apokalyptischen Ausmaßen.“ Die Neue Zürcher Zeitung schrieb: „Ihre Texte sind von einer ungewöhnlichen, fast beängstigend starken Sinnlichkeit geprägt, es ist eine Prosa der Körper, der Gerüche, der Blicke, der Sinne überhaupt ...“ . Und die Süddeutsche Zeitung ließ sich zu folgender Bemerkung hinreißen: „In ihren stärksten Momenten [...] rührt Julia Francks Erzählkunst an den geheimnisvollen Untergrund menschlicher Triebe, Gefühle und Affektlagen: an den wirbelnden Partikelstrom unter allen Regungen, in dem Liebe und Hass, Lust und Ekel, Furcht und Vertrauen nichts sind als Momente einer Allsinnlichkeit, in der es keinen Aggregatzustand gibt, der nicht zur äußersten Leidenschaft und Wahrheit eines Augenblicks werden könnte.“ Da bleibt nur zu hoffen, dass die junge Autorin ihren verheißungsvollen
Erstlingswerken noch viele weitere literarische Überraschungen folgen
lässt.
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