"Alles, was ich tat, galt einem Ziel: Den Ruhm Frankreichs zu mehren!"

 

von Sven Hansen

Anlässlich einer Ausstellung im Wallraf -Richartz-Museum in Köln (1.2. - 4.5.2003, unter dem Titel Richelieu: Kunst, Macht und Politik ) führte SpiriTv mit dem großen Franzosen Kardinal Richelieu ein hitziges und informatives Gespräch über die Staatswerdung Frankreichs und dessen Wirkung für das kulturelle Erwachen Europas.

Anmerkung: Diese Interview ist rein fiktiver Natur.

Henri Motte, Richelieu auf dem Deich von La Rochelle

 

SpiriTv: Herr Richelieu, Sie haben - gemessen an heutigen Maßstäben - nicht sonderlich lange leben dürfen! Dennoch haben Sie in 57 Lebensjahren (1585-1642) ein stolzes Werk hinterlassen, das nicht mehr viel mit dem Frankreich vor Ihrer Zeit gemein hatte.
Politisch schlugen Sie einen blutigen Weg zu einer europäischen Großmacht ein. Andererseits
kennt man Sie als eifrigen Mäzen, Ihre Freude an der zeitgenössischen Kunst und dem Theater verschaffte Frankreich schließlich ein eigenes Kunstprofil.
Was war Ihre Idee, was Ihre Motivation?

Armand-Jean Du Plessis, Kardinal Duc de Richelieu : Nun, mein Herr. Ich liebe Frankreich, und ich liebe den König (Ludwig XIII., Anm. d. Red.). Einzig ein starker Monarch ist dazu befähigt, einem Staat dauerhaft Frieden und Wohlstand zu verschaffen. Deshalb musste ich dafür sorgen, dass dem König seine legitime Gewalt wieder zukommen konnte. Damit ist die Zentralisierung der Verwaltung und der Gewalt verknüpft. Letztlich gilt es auch das Ziel des Friedens im Staat zugunsten des Volkes zu schaffen...

SpiriTv: ... aber gerade Sie haben doch zu kriegerischen Mitteln gegriffen, um Ihre Position durchzusetzen: Siehe die Kämpfe um La Rochelle gegen die Hugenotten.

Richelieu: Aber Monsieur, würden Sie mich bitte ausreden lassen; es gehört sich nicht andere in ihren Erläuterungen zu unterbinden (sammelt sich).
Natürlich beziehe ich zu Ihrem Vorwurf Stellung.
Frankreich ist mehrere Jahrzehnte durch Religionskriege zwischen Katholiken und Hugenotten ins Chaos gestürzt worden. Meine Reformen am Staat gehen auf die Ausführungen des Philosophen Bodinus zurück: Dem König kommt die Macht im Staate zu, der Adel und die Religionsgruppen haben sich ihm unterzuordnen. Mit dem König als Staatsoberhaupt und Integrationsfigur erreicht man nicht nur die Überwindung der religiösen Auseinandersetzungen. Nein, die Franzosen werden ein Volk, eine Nation und unter ihrem Monarche
n eine Macht in Europa. Wir konnten uns endlich den lästigen Habsburgern erwehren!
Die "Habsburgische Umklammerung" Frankreichs konnte nicht länger geduldet werden. Eine Flucht nach vorne wurde für uns zur Tugend. Im Gegensatz zu uns hat es das Deutsche Reich nämlich nicht vermocht den Staat zu zentralisieren und die Aufsplitterung in kleine Territorien zu verhindern ...

SpiriTv: ... was Frankreichs Stellung stärkte, weil der Kontrahent im Osten bedeutend geschwächt wurde ...

Richelieu: ... aber den Weg zu einem geeinten Frankreich eben nicht von sich aus hervorbrachte. Das hatten wir immer noch selber zu bewältigen, ist uns aber wohl gelungen, wenn man die Herrschaft des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Betracht zieht, nicht wahr ? (Richelieu lässt ein funkeln in seinen Augen erkennen)

SpiriTv: (insistierend) Und die Kunst ?

Richelieu: Ach ja! Was die Kunst anbetrifft, so lag meine Intention darin, Frankreich die kulturellen Errungenschaften - aus antiken Zeiten und dem Italien der Renaissance - zukommen zu lassen. Malerei, Bildhauerei, Literatur. Kunst und kulturelles Erleben wirken wie Klebstoff für eine Nation, die zusammenfinden soll; darin und dadurch atmet sie!
Keinem großen Staatengebilde ist eine große Zukunft beschienen, das seine Bürger nicht geistig-sinnlich versorgt. Machtpolitik allein ist da sinnlos. Schon meiner Liebe zur Kunst wäre ich aber genug verpflichtet gewesen, die Nation daran teilhaben zu lassen.

SpiriTv: Eine bemerkenswert- progressive Ansicht. Nichtsdestotrotz haben Sie die Kunst für sich zu instrumentalisieren gewusst, sich als selbstbewusster Staatsmann portraitieren lassen. Grenzt es nicht ein wenig an Selbstüberschätzung in allegorischen Figuren als Herkules aufzutreten und Herrscherpose einzunehmen?

Richelieu: Ich würde in diesem Fall nicht von Selbstüberschätzung reden. Im Übrigen diente ich im französischen Staatsinteresse: Die Einrichtung der Academie Française, die Gallerie des Hommes Illustres und der Neubau der Kapelle der Sorbonne sollten Zeugnis genug sein.
Man hatte sich als Persönlichkeit zu präsentieren; ob daraus gelesen wird, ich habe Bildnisse zur eigenen Machtdemonstration genutzt, ist mir einerlei (macht einen unschuldigen Blick).

SpiriTv: Sie sind ganz schön gewieft. Sie spielen die Intention und Wirkung der Kunst für die damalige Zeit herunter! Wir möchten nur an einen Kupferstich des Jahres 1637/38 erinnern: Sie befreien eine französische Lilie von einer schädlichen Raupe, während in der linken Seite des Bildes die habsburgischen Symbole Adler und Löwe wutschnaubend an der Kette gehalten werden. (Richelieu kneift die Lippen zusammen, schwenkt den Blick hastig weg und schaut in die Leere)
Aber, nun gut. Lassen Sie uns noch einmal auf Ihre Einigung Frankreichs zurückkommen. Neben Ihrem Kampf gegen den stolzen Adel hatten Sie es massiv auf die gemeine Bevölkerung abgesehen: Bauern, Städte und Gewerbetreibende pressten Sie bis zum letzten aus, selbst den Klerus verschonten Sie nicht!

Richelieu: Also bitte! Ich habe schließlich auch Armenfürsorge betrieben. Beabsichtigt hatte ich, bis 1630 blühende Landschaften zu errichten. Als sich dies allerdings als Illusion entpuppte, führte dies mich dazu, das Volk wieder zur Pflicht zu rufen. Alle Politiker stimmen darin überein, dass das Volk, wenn es ihm zu gut ginge, unmöglich in den Schranken seiner Pflicht zu halten wäre. Die Räson gestattet nicht, es von allen Lasten zu befreien (fester, bestimmter Gesichtsausdruck).

SpiriTv: Na, na, Sie alter Schönfärber. Die Lasten müssen unerträglich gewesen sein, das Land verelendete. Die Wut der Bürger führte regelmäßig zu Angriffen auf Ihre Steuereintreiber!

Richelieu: (ernstes, distanziertes Gesicht) Die Staatsminister sind in ganz besonderer Weise verpflichtet, alles aufzubieten, die Autorität ihres Herrn so zu erheben, dass er bei aller Welt in höchstem Ansehen steht. Jeder weitere Kommentar erübrigt sich.

SpiriTv: Selten hat jemand so viel für (oder gegen) sein Land getan, wurde dann (aber) so verachtet. Erst spät gelangten Sie zu Ruhm. "Die drei Musketiere" waren Ihr "Durchbruch".

Richelieu: Durchbruch ist gut gesagt. Dumas zeichnet mich als düster-intriganten Zeitgenossen. Er geht gar nicht auf mich als Staatsmann Frankreichs ein, ein Genie, das Frankreich über alle übrigen Nationen erheben wollte. Dieser Dumas hat meine Leistung beleidigt und mein Ehrgefühl verletzt. Das Bisschen Anerkennung, das er mir angeblich schenkte - er soll es sich in den Hut stecken!! (zieht die Augenbrauen zusammen und grollt)

SpiriTv: Nun, er präsentiert Sie aber doch als wahren Herrscher Ihres Landes!
Wie würden Sie denn sich und Ihr Lebenswerk beschreiben?

Richelieu: Oho. Zunächst ist der König mein Gebieter. Ich übte lediglich den Posten des Ersten Ministers aus.
Letztlich haben viele Leute mein Werk erkannt und verstanden: Ich als Voraufklärer Europas, den weltgewandten Staatsmann, Förderer der Künste, ich der Europas Kunstschätze zu vereinen verstand und die französische Nation auf den Weg brachte eine zivilisatorische Botschaft auszuformen, die späterhin in den Fürstentümern Europas rege Nachahmung fand, ich - bin zum Mythos geworden.


SpiriTv: (Unser Reporter rümpft die Nase, scheint aber auch krampfhaft ein Lachen zu unterdrücken) Vielen Dank für das Gespräch.


Danke sei an dieser Stelle auch Vera, Herrn Prof. Mai und dem Wallraf-Richartz-Museum ausgesprochen

 
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