Thomas Brussig: "Wie es leuchtet"
 

von Tanja Betzmeir

 

Thomas Brussig: "Wie es leuchtet"
Thomas Brussig: "Wie es leuchtet"
Thomas Brussig ist ja mittlerweile der König der Wendeliteratur. "Wasserfarben", sein Debütroman aus dem Jahre 1991, blieb noch weitgehend unbeachtet. Aber spätestens seit "Helden wie wir" (1995) kommt man nicht mehr um ihn herum, wenn man von der literarischen Aufarbeitung der Wende spricht. 1999 folgte "Am kürzeren Ende der Sonnenallee", ein Roman, der keinen vergleichbaren Aufruhr auslöste, aber immerhin doch wohlwollende Anerkennung fand. Beide Werke sind inzwischen verfilmt und damit quasi ad acta gelegt. Es ist ruhig geworden um die deutsche Wiedervereinigung.
Da bricht ein neuer Sonnenstrahl durch die Finsternis der deutschen "Nachwendeliteratur". Ein wahrer "Schinken", 606 Seiten an der Zahl, als Hardcover schon fast zu schwer zum "Eben-mal-mitnehmen". "Wie es leuchtet" ist sein Titel, ein Zitat, entnommen der Seite 600, als alles schon fast vorbei ist und doch gerade erst anfängt.

Dabei scheint alles so hoffnungsvoll im Spätsommer 1989. Lena, eine junge Physiotherapeutin, erhitzt mit einem selbstgeschriebenen Nummer-Eins-Hit die Gemüter und kämpft auf Rollschuhen um ihre Rechte. Ihr großer Bruder, der gar nicht ihr großer Bruder ist, fotografiert die Welt mit geschlossenen Augen und gibt ihr ein neues Gesicht. Der Reporter Leo Lattke hat den Moment der Maueröffnung verpasst, und geht nun auf die fieberhafte Suche nach der Wendestory, um sein Image wieder aufzupolieren. Werner Schniedel, ein 19jähriger Albino, nistet sich im Palasthotel ein, um "für einen Weltkonzern eine Volkswirtschaft zu sondieren". Die Luft flirrt nur so vor Anspannung, die auf Veränderung drängt. Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuße: Das Gurkenscheibchen im labbrigen McDonalds-Burger-Brötchen "schnurpst" nicht mal und die U-Bahn ist gerammelt voll und fährt unterirdisch.
Auch die Vergangenheit schiebt sich wieder ins Blickfeld. Die Stasiakten werden geöffnet und heraus kommen Details, auf die viele lieber verzichtet hätten. Wie Schuppen fällt es ihnen jetzt von den Augen. Zurück bleibt ein fader Nachgeschmack, der die Freude an den neuen Errungenschaften dämpft.
Nicht jeder verkraftet die Wende und die wenigsten profitieren davon. Außer vielleicht Waldemar Bude, der Portier des Palasthotels, der den Wegfall der Zensur nutzt, um seine lange unter Verschluss gehaltene Erzählung an einen Verlag zu bringen. Der pusht sie auch prompt zum Spitzentitel.
Neue Chancen, ein neues Leben, ein neues Spiel, ein neues Glück. Wer den Mut hat, macht was draus. Wer nicht, lässt es bleiben.

Ein Buch, das vor allem durch seine Komplexität beeindruckt. Ungefähr zwei Dutzend Charaktere werden hier zu einem Geflecht verdrillt, das in der Literatur seinesgleichen sucht. Ein wenig wie in dem deutschen Nachkriegsroman "Die Tauben" von Wolfgang Koeppen laufen hier wildfremde Menschen aneinander vorbei, durch einander hindurch, miteinander mit, ohne den anderen wahrzunehmen. Nicht alle Wege kreuzen sich, aber viele laufen parallel nahe nebeneinander her. Alles scheint irgendwie zusammenzuhängen. Es ist kein Zufall, dass Lena an die Chaostheorie glaubt. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Sturm erzeugen. Gerade in den stürmischen Zeiten des Umbruchs kann sich jeder kleine Zwischenfall zu einer Revolte auswachsen. Die Menge tobt. Stellenweise droht das Gewirr undurchdringlich zu werden, die Formen und Farben verschwimmen und formieren sich neu. Das Leben ist wie die Meeresoberfläche, immer gleich und doch immer anders. Ein stetiger Wechsel. Einige der fokussierten Akteure bleiben dabei auf der Strecke. Aber auch der Tod ist ein Teil des bunten Lebens.

Weitere Infos:
Thomas Brussig: "Wie es leuchtet", S. Fischer Verlag 2004, 606 S., Hardcover, 19,90 €.

 

 


 
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