Elke Heidenreich: "Der Welt den Rücken"
 

von Tanja Betzmair

 

Elke Heidenreich: "Der Welt den Rücken"
Elke Heidenreich: "Der Welt den Rücken"
Glück. „Glück ist Sonne auf der Hoteltapete. Ansonsten gibt es so was wie Glück immer nur in der Erinnerung. Man weiß erst, was Glück ist, wenn man es verloren hat."
Ist das alles, was bleibt nach fünfundzwanzig Ehejahren? Das Glück in der Erinnerung? Das Glück der ersten Jahre, Monate, Stunden, Sekunden? Muss man davon ein Leben lang zehren können? Muss das wirklich alles sein, was bleibt? Oder gibt es ein Leben nach dem Leben? Ein Leben, das beginnt, wenn die Tage gezählt sind?
Zu ihrem fünfundzwanzigsten Hochzeitstag haben Alma und Ben einige enge Freunde eingeladen. Ein gemütliches Dinner in vertrauter Runde soll es werden. Doch aus unverfänglichem Smalltalk wird bald melancholisches Schwelgen in Erinnerungen, das in der harten Konfrontation mit der Gegenwart zerbricht. Der Kreis wird kleiner, die Stimmung immer gedrückter.
Nichts bleibt vom Glück als eine Erinnerung. Und die schale Erkenntnis, dass es einem zwischen den Fingern zerronnen ist, noch ehe man es zu greifen bekommen hat.
Am Ende des Abends, als sie die Gläser ins Spülwasser taucht, hat Alma einen Entschluss gefasst: Leben.

So wie Alma in der Geschichte "Silberhochzeit" geht es auch den meisten anderen Charakteren in Elke Heidenreichs Erzählband "Der Welt den Rücken". Das Leben ist an ihnen vorbeigezogen, ohne dass sie auch nur den Luftzug mitbekommen hätten. Nun stehen sie vor dem, was ihr Leben war und was es ist, und wissen nichts mehr damit anzufangen. Fremd kommt es ihnen vor. Die Vergangenheit ist unter dem Grauschleier der Gegenwart verblasst. Leben war damals. Jetzt, in einem Alltag aus Gewohnheit und Anpassung, keimt der Wunsch auf, zurückkehren zu können in die Freiheit von einst, zu dem Glück von vor vielen Jahren. Allein, es fehlt die Kraft. Die Kraft, sich aus dem Netz der Routine zu lösen. Die Kraft, die Sicherheit der Gewohnheit zu verlassen und sich aufzumachen ins Ungewisse. Zu einfach ist es, in den alten Fesseln zu bleiben, die vertrauten Abläufe beizubehalten. Doch irgendwo spukt immer die Erinnerung an den Geruch frischen Heus, an den Rausch des besten Konzerts, an das samtige Gefühl weicher Haare zwischen den Fingern.
Die meisten der Frauen in den sieben Erzählungen fassen schließlich Mut. Entschlossen, ein Stück vom Glück zurückzuholen in die Gegenwart, brechen sie aus aus dem, was ihnen so lange Schutz geboten hat. Ein Sprung ins Ungewisse. Ob das Glück sie wohl wiederfindet?

Weitere Infos:
Elke Heidenreich: "Der Welt den Rücken", Rowohlt Taschenbuch Verlag 2003, 192 S., Paperback, 7,90 €.

 

 


 
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