Warum denn nach Island ???

 

von Katharina Stehr

Gletscherzunge auf Island
Gletscherzunge auf Island

„Ist es dort nicht immer kalt und dunkel?“ „Da sind doch überall Geysire, Vulkane und Erdbeben!“ In den abwegigsten Phantasien der Menschen leben die Isländer sogar in Iglus.

Island ist eine Insel der Größe von etwa einem Drittel der Bundesrepublik und hat ca. 280.000 Einwohner, von denen mehr als zwei Drittel in und um der Hauptstadt Reykjavík leben. Die Dunkelheit im Winter, nach der die meisten Menschen als erstes fragen, ist ein saisonaler Effekt, der durch die unmittelbare Nähe zum Polarkreis erzeugt wird und starke Unterschiede in der Sonneneinstrahlung hervorruft. Natürlich ist es dafür im Sommer fast die ganze Zeit hell. So liegen in der nordisländischen Stadt Akureyri am 21. Juni keine 40 Minuten zwischen Sonnenuntergang und dem Wiederaufgang. Das ist nicht einmal genug Zeit, dass die Dunkelheit über die Stadt einbrechen kann. Mitte Dezember hingegen wird es nur dämmerig. Sonnenaufgang ist um kurz vor 12 Uhr, und kurz darauf ist die Sonne auch schon wieder verschwunden. Im Jahresmittel jedoch genießt Reykjavík mehr Sonnenstunden als Berlin.

Die Landschaft Islands ist größtenteils geprägt von zerklüfteten Bergen, riesigen Lavafeldern, Flüssen und Wasserfällen, aber auch Fjorden, Seen und Gletschern. Die Vegetation ist karg, die typisch isländischen Wälder bestehen aus kaum mannshohen Birken. An den Küsten erstrecken sich breite Graslandstreifen, aber das Landesinnere besteht zum größten Teil aus Ödland. Die Städte und Dörfer Islands liegen fast alle an dem breiten Küstenstreifen und sind durch die Ringstraße miteinander verbunden, die einmal um die Insel führt. Im Landesinneren befinden sich hauptsächlich Schotterpisten, die nur im Sommer befahrbar sind. Nicht einmal die Ringstraße ist vollständig geteert. Außerdem kann es öfters vorkommen, dass die Hauptstraße von Schafen überquert wird, die gemütlich an den Straßenrändern grasen.

Trotz aller Ursprünglichkeit ist Island ein wirklich fortschrittliches Land. So hat es einen der höchsten Lebensstandards in ganz Europa. Der Reichtum des Landes liegt besonders in den Fischvorkommen und im zunehmenden Maße im Tourismus. Allerdings kann man bei etwa 300.000 Besuchern pro Jahr noch nicht davon sprechen, dass Island vom Massentourismus heimgesucht wird. Doch gemessen an der Einwohnerzahl macht sich der Touristenstrom schon bemerkbar, besonders an den bekanntesten Attraktionen des Landes. Aber es gibt genügend wunderbare Orte, an denen man tagelang allein sein kann. Außerhalb des Ballungsgebietes um Reykjavík ist es auch möglich, lange Zeit auf der Ringstraße zu fahren, ohne auch nur einmal Gegenverkehr auf den kilometerlangen geraden Strecken zu haben.
 Der Wasserfall Svartifoss
Wasserfall Svartifoss

Meine erste Autofahrt in Island im Juli 2003 führte mich durch den gesamten Süden des Landes, vom Internationalen Flughafen Keflavík durch die Lavafelder, vorbei an Wasserfällen und kleinen Dörfern, die ganze Zeit die grünen Steilhänge links und das Meer rechts, und dazu senkte sich die langsam einkehrende Abendstimmung in unbeschreiblichen Pastelltönen über den Atlantik. Was für ein atemberaubender erster Eindruck! Diese Fahrt führte mich zu einer Familie, die 30 km von Höfn, einem Fischerstädtchen mit 1.800 Einwohnern, lebte und mir einen Babysitterjob angeboten hatte. Eine kilometerlange Schotterpiste führte zu ihrem Haus, das in der Ebene zwischen dem größten Gletscher Europas, dem Vatnajökull, und dem Fjord Hornafjörður lag. Der Gletscher und die Berge schenkten einem jeden Morgen einen grandiosen Blick aus dem Küchenfenster! Keiner, der nach Island kommt, sollte sich die großartige Aussicht auf den Vatnajökull nehmen lassen. Ein guter Ort dazu ist der Nationalpark Skaftafell, wo man am Südwestrand des Gletschers zu einer tief hinabreichenden Gletscherzunge gehen und dort die Naturgewalten auf sich wirken lassen kann. Eine Wanderung über die untersten Ausläufer des Eises ist zwar nicht gerade ungefährlich, aber ein lohnenswertes Abenteuer! Im Nationalpark gibt es noch viele andere Naturattraktionen zu bestaunen, z.B. den Wasserfall Svartifoss mit seinen eigenartigen Basaltsäulen.

Ein anderer Ort, an dem die Urgewalten des Gletschers zu beobachten sind, ist Jökulsárlón. Hier brechen von einer Gletscherzunge große Eisberge ab, die langsam über einen See in den Atlantik treiben. Um sich der Dimension dieses Geschehens bewusst zu werden, sollte man unbedingt eine Bootsfahrt über den riesigen See zwischen den Eisbergen mitmachen.

 

Auf dem Höhepunkt des Sommers mit seinen angenehmen Temperaturen, die bei etwa 25°C lagen (welche hoch waren für Island, aber fast bis September anhielten), trat ich Ende Juli mit meiner Gastfamilie den Umzug in den Westen an. Die Fahrt durch den Süden dauerte fast den ganzen Tag und eine Reifenpanne ermöglichte mir einen Ausritt auf einem der für das Land typischen Pferde (andere Pferde als die Islandpferde gibt es auf Island nicht, aufgrund von Einfuhrverboten, um die Reinheit dieser Rasse zu erhalten) in der Nähe des Skógafoss, dem meiner Meinung nach schönsten Wasserfall des Landes, der gleichmäßig über ca. 60 m in die Tiefe stürzt. Am Grund soll der Sage nach ein Schatz liegen…

Mein neues Domizil war nun nicht mehr ganz so abgeschnitten von der Außenwelt wie das vorherige, 5 km waren es ins nächste Dorf Hvanneyri, das ca. 200 Einwohner hat und eigentlich nur aus der landwirtschaftlichen Fachhochschule Islands besteht: Studenten, Professoren, Forscher, Bauern und deren Familien. Außerdem war es vom Borgarfjörður, das Gebiet um Hvanneyri ist nach dem anliegenden Fjord benannt, nur noch eine Stunde bis nach Reykjavík.
Sonnenuntergang auf Island
Sonnenuntergang auf Island

Aber bevor ich das erste Mal in die Hauptstadt kam, unternahm ich einen Wochenendtrip nach Akureyri, der mit seinen 15.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt des Landes. Akureyri ist eine wunderschöne Stadt am Eyjafjörður, dem längsten Fjord Islands. Als Fan der Nonni-Bücher, deren Verfilmung „Nonni und Manni“ vor einigen Jahren an Weihnachten im Fernsehen lief, war der Besuch des „Nonnahús“, des damaligen Wohnhauses des Verfassers Jón Sveinsson, ein absolutes Muss für mich. Der Besuch, der auch Einblicke in die frühere isländische Kultur gestattete, hat sich absolut gelohnt. Ebenso die Fahrt auf die andere Seite des Fjordes, von der man einen schönen Ausblick über die Stadt mit den typisch nordischen, bunten Holzhäusern genießt. An dieser Stelle sollen der Legende nach Elfen ein Handelszentrum unterhalten… Ein Höhepunkt des Trips war ein Ausflug ins noch nördlichere Dalvík, wo ich in der Abendstimmung mit Bekannten einen Bootsausflug über den ruhigen Eyjafjörður machte.

Die etlichen Ausflüge nach Reykjavík in der folgenden Zeit waren für mich nicht annähernd so eindrucksvoll wie die Fahrt in den Norden. Viele andere Besucher Islands können das nachvollziehen, denn die meisten suchen hier nicht die Stadt, sondern das Land. Trotzdem hat Reykjavík viele schöne Ecken zu bieten. Als erstes fällt einem bestimmt die Hallgrímskirkja auf, die große, moderne Kirche, die auf einem Hügel thronend das Stadtbild dominiert. Vom Glockenturm aus hat man eine prächtige Aussicht über die Stadt und bis weit ins Land und aufs Meer. Bei klaren Wetterverhältnissen, kann man sogar den über 100 km entfernten Vulkan Snæfellsjökull und sogar seine Schneedecke erkennen.

Das neue Rathaus von Reykjavík liegt sehr zentral und steht zum Teil auf Stelzen im Tjörnin, dem Stadtsee, der auch Anziehungspunkt für viele Wasservögel ist. Gar nicht so weit entfernt befindet sich die Universität, und wer sich mehr für die Kultur der nordischen Länder interessiert, sollte dem „Norræna Húsið“ (dem Nordischen Haus) unbedingt einen Besuch abstatten. Das ist eine Kultureinrichtung mit Vortragsräumen, Café und großer Bücherei, in der man Bücher in der Originalsprache der Nordischen Länder findet, sogar von Grönland und Färöer. Lohnenswert ist auch ein abendlicher Spaziergang im Hafen, oder ein Besuch des Perlans, eines sich drehenden Restaurants in einer Kuppel, die sich auf Wassertanks befindet.

Wer zum Einkaufen nach Reykjavík kommt, findet alles im Überfluss in den riesigen Shopping-Malls Krínglan und Smáralind. Auch in der Innenstadt gibt es Läden zur Genüge, aber das sind hauptsächlich Designerläden. Zwar sind die Isländer der deutschen Mode meistens mindestens ein halbes Jahr voraus, aber Shopping in Island ist eine sehr kostspielige Angelegenheit, da fast alles viel teurer ist als auf dem europäischen Festland. Ebenso ist es mit Lebensmitteln, dafür weiß man bei den meisten Waren im Supermarkt jedoch, dass es sich um qualitativ hochwertige landwirtschaftliche Produkte aus dem Inland handelt.
Tor
Tor

Besonders der ländliche Raum legt noch großen Wert auf Traditionen. So ist der Schafabtrieb Mitte September auf der ganzen Insel ein Fest für die Bevölkerung. In der Gegend vom Borgarfjörður verbringen ca. 17.000 Schafe den Sommer in den Bergen. Im Herbst werden sie dann mit Pferden zusammengetrieben, um im Tal aufgeteilt und ihren Besitzern übergeben zu werden. Viele Menschen aus der Region helfen bei diesem Event, meine Nachbarin und ihre Freunde schwänzten sogar die Schule, um Schafe zu fangen und ins richtige Gehege zu bringen.

Im Herbst, als das Wetter schon hauptsächlich von starken Stürmen, Regen und Kälte geprägt war, unternahm ich mit einer deutschen Bekannten, die auch in Island arbeitete, einen Wochenendtrip auf die Halbinsel Snæfellsnes. Der Gletscher Snæfellsjökull wird auf Grund seiner Symmetrie und dem gleichmäßigen Anstieg bis zum doppelten Gipfel als einer der schönsten Berge der Welt bezeichnet. Übrigens beginnt dort Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Doch das schlechte Wetter (der Nebel und der Schnee) verhinderten eine gute Aussicht auf den Berg. Zu dieser Zeit fuhren nicht einmal mehr alle Linienbusse, so dass wir zum Teil per Anhalter fahren mussten, um von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Übrigens ist das Fahren per Anhalter in Island bei Touristen eine sehr beliebte Reiseart, denn es finden sich schnell freundliche Autofahrer und eigentlich braucht man dabei in Island auch keine Angst zu haben.

Nach dieser abenteuerlichen Fahrt unternahm ich noch einen langen Trip durch den Südwesten zu den beliebtesten Touristenzielen. Als erstes ging es in die Ebene von Þingvellir, wo vor über 1000 Jahren das älteste Parlament der Welt gegründet wurde. Nahe des Sees Þingvallavatn befindet sich noch eine weitere Attraktion. Der große Graben, der sich durch die Ebene zieht, ist ein Teil des Risses, der sich zwischen den auseinanderdriftenden Kontinentalplatten Amerikas und Eurasiens auftut. Jedes Jahr verbreitert sich die Schlucht immerhin um einige Zentimeter. Mittlerweile ist er ein paar Meter breit. Die Tour, die bei Reiseanbietern unter dem Namen „Golden Circle“ angeboten wird und besonders beliebt ist bei Reisenden auf dem Weg von Europa nach Amerika, die in Island einen kurzen Zwischenstopp einlegen, führt weiter zum Geysir. Der Geysir „Strokkur“ (auf Deutsch: Butterfass) eruptiert etwa alle 5 Minuten: nachdem sich in Sekundenschnelle eine türkise Blase über dem Wasserbecken gebildet hat, schießt das heiße Wasser plötzlich ca. 20 Meter in die Höhe. Er befindet sich inmitten eines Gebiets, in dem die Luft voll von Schwefeldämpfen ist und das Wasser um einen herum nur so brodelt, blubbert und spritzt.
Geysir auf Island
Geysir auf Island

Weiter geht die Fahrt zum Gullfoss, dem „Goldenen Wasserfall“. Beeindruckend an ihm sind die riesigen Wassermassen, die mit wahnsinnigem Getöse über 2 Stufen ca. 30 Meter tief in einen kilometerlangen engen Canyon stürzen. Den Abschluss meiner Tour stellte die „Blaue Lagune“ da, ein Heilbad voll von Mineralien inmitten eines Lavafeldes auf der Halbinsel Reykjanes. Das geo-thermal erhitzte Wasser hat eine durchschnittliche Temperatur von 36-39°C und ist im Sommer wie im Winter geöffnet. Übrigens sind fast alle Schwimmbäder in Island Freibäder und ebenso warm wie die Blaue Lagune. Der Besuch eines Freibads an einem Winterabend kann ein ganz besonderes Erlebnis werden, wenn es kalt genug ist und riesige Polarlichter über den pechschwarzen Sternenhimmel zucken.

Ab Ende Oktober begann es zu schneien, und was für mich ganz neu war, waren die wüsten Schneestürme, die wunderbar große Schneewehen hinterließen. Ab Mitte November war die Sonne in Hvanneyri nicht mehr zu sehen, das lag daran, dass die Sonnenbahn tiefer lag als die im Süden liegenden Berge. Den ganzen Tag, der spät begann und früh endete, herrschte ein seltsam schönes Dämmerlicht und bei klarer Sicht konnte man auf dem Meer in einigen Kilometern Entfernung noch Sonnenstrahlen sehen.

In der Weihnachtszeit beginnen die Isländer die Polarnacht zum Tag zu machen, indem sie ihre Häuser und ihre Gärten wahnsinnig kitschig mit Lichtern in allen Farben schmücken, die bestenfalls ständig blinken. Je mehr Lichterketten und Leuchten, desto besser! Übrigens haben die Isländer sehr interessante Weihnachtstraditionen, angefangen damit, dass es insgesamt 13 Weihnachtsmänner gibt. Ab dem 13. Tag vor Weihnachten kommt jeden Tag einer und wenn alle an Heiligabend da sind, verschwindet jeden Tag wieder einer, sodass am 6. Januar der ganze Spuk vorbei ist. Die Weihnachtsmänner haben alle unterschiedliche Aufgaben, die alle darin bestehen, die Menschen in irgendeiner Art zu ärgern. Das fängt an bei denen, die Töpfe und Pfannen ausschlecken, bis hin zu jenen, die darauf spezialisiert sind, die Kerzen oder das Fleisch zu stehlen oder durch die Fenster in die Häuser hineinzuglotzen. Einer saugt sogar mit seiner gewaltigen Nase den ganzen schönen Weihnachtsgeruch aus dem Haus! Die Weihnachtsmänner haben auch Eltern. Grýla, die Mutter, ist eine böse, alte Trollfrau, mit deren Namen den isländischen Kindern Angst gemacht wird, wenn sie unartig sind („Grýla wird kommen und dich fressen, wenn du nicht gehorchst!“). Der Sage nach hat sie das nämlich früher getan. Genauso gefräßig wie die Mutter der Weihnachtsmänner ist die Weihnachtskatze. Sie ist angeblich haushoch und frisst alle Kinder, die zu Weihnachten keine neuen Kleider anziehen. Die isländische Literatur ist voll von solchen Sagen und Legenden, und wer einmal nach Island kommt, wird bestimmt einigen begegnen. Die meisten Isländer glauben sogar ganz fest, dass es Elfen gibt. Es gibt kaum einen Felsblock, eine Insel oder einen einzeln stehenden Baum, über den man nicht eine kurze Geschichte erzählen könnte. Die Isländer sind ein sehr kontaktfreudiges Volk, die Hauptgesprächsthemen unter ihresgleichen sind wohl Verwandtschaften und das Wetter, das so wechselhaft ist, dass man von Regen über Schnee bis hin zu schönstem Sonnenschein und dann Sturm alles an einem Tag erleben kann. Verwandtschaften spielen auf Grund der geringen Einwohnerzahl eine große Rolle. Wenn man jemanden kennen lernt, könnte es ja sein, dass man gemeinsame Bekannte oder sogar Vorfahren hat. Die meisten Isländer behaupten auf jeden Fall, man könne ihre Wurzeln bis auf den ersten Siedler zurückverfolgen. Aber auch gegenüber Ausländern sind sie sehr offen und kontaktfreudig. Mir begegneten sie überall mit Interesse, Höflichkeit und Gastfreundschaft.

Auf jeden Fall hat es sich gelohnt, die Menschen, die Kultur und zum Teil auch die Sprache kennen zu lernen. Mit der Familie hatte ich viel Spaß (der Altersunterschied zwischen mir und den Eltern war auch nicht allzu groß, da die Isländer durchweg recht früh Kinder bekommen), auch wenn der 3-jährige Sohn oft genug unter Beweis stellte, wie frech isländische Kinder sein können! Ich kann jedem nur raten, dieses Land selber einmal zu besuchen, denn es ist so abwechslungsreich und einzigartig, dass man es bestimmt nicht vergessen wird.

 

 
Wie gefällt Euch dieser Beitrag? Sagt uns Eure Meinung im Forum !!!
 
zurück ...


© SpiriTV e.V. 2001. Impressum
SpiriTV e.V. ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Seiten.
Hinweise zum RealPlayer