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von Tanja Betzmair
Vor kurzem entbrannte im Kölner Stadtanzeiger eine heftige Debatte über die Situation der Kölner Literaturszene. Entfacht hat diese der Schriftsteller Dieter M. Gräf. In der Ausgabe vom 31.7. veröffentlichte er eine Stellungnahme zu seinem bevorstehenden Umzug in die Bundeshauptstadt. Darin stellte er den Kölner Literaturbetrieb an den Pranger. In Köln, so der allgemeine Vorwurf, herrsche kein Interesse mehr an den bekanntlich brotlosen reinen Künsten. Vielmehr werde „eingekauft, was Rang und Namen hat“ und damit Geld bringt. Der Kommerz habe die Kölner Literaturszene überkommen, ohne Rücksicht darauf, dass Literatur eben gar nicht kommerziell funktionieren könne. Dialog und Kontroverse seien verschwunden zugunsten von allseits akzeptierter Bestseller-Präsentation. Bei alldem klang der bittere Unterton mit, dass man als Teil der freien, regionalen Szene im Kölner Raum keine Chance mehr habe, allein vom eigenen Talent zu leben, da es an Unterstützung, auch und besonders finanzieller Art, mangele.
Im Laufe von zwei Wochen meldeten sich daraufhin täglich andere namhafte Vertreter der Literaturszene zu Wort, nicht nur aus dem Kölner Raum, sondern auch aus Berlin. Die Meinungen zu dem Streitthema gingen dabei weit auseinander.
Die einen, so zum Beispiel Liane Dirks, stimmten Gräf begeistert zu und schwelgten in von Nostalgie vergilbten Erinnerungen an bessere Zeiten, als die Literatur in Köln noch angesehen war. Dirks betete die alte Leier vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt, klagte larmoyant über die schmerzhaften Erkenntnisse, die sie nach dem Einsatz für das Literaturhaus gewonnen habe. Köln als schlechte Familie, die aus unabhängigen Freigeistern Erbschleicher zu machen trachte - Berlin als gelobtes Land, in dem arme Vertriebene, andernorts Verkannte aufgenommen würden. Vor allem aber auch: Köln als Provinz. Andere wiederum, wie Stefan Weidner, sprangen für Köln in die Bresche und wiesen auf die große unabhängige Szene hin. Darüber hinaus hoben sie besonders die lit.cologne als medienwirksames Massenspektakel sowie das Literaturhaus mit seinem umfangreichen Programm als zentralen Anziehungspunkt für Literaturbegeisterte hervor. Köln brauche sich nicht zu verstecken, so der Tenor derer, die sich Gräfs Meinung widersetzten. Zwar könne Köln schon allein angesichts seiner vergleichsweise geringen Fläche nicht mit Paris, London oder Berlin gleichgesetzt werden. Trotzdem sei der literarische Markt beachtlich und ein optimales Umfeld für Autoren. Ein durchaus zufriedenstellendes Resümee also von dieser Seite. Köln ist zwar nicht die Welt, wie Weidner bemerkte, aber eben Köln.
Die Berliner schließlich, die ja aus Erfahrung sprechen sollten, zerschmetterten das goldene Bild von der Bundeshauptstadt, die zugleich auch Literaturmekka sein soll. Mit eigenen Beobachtungen der Berliner Literaturszene nahmen sie den Argumenten der hiesigen Autoren, die verträumt „gen Mekka“ schielen, den Wind aus den Segeln. Hendrik Jackson etwa, auch ein ehemaliger Kölner Brinkmann-Stipendiat, der nach Berlin entfleuchte, berichtete als Ansässiger durchaus nüchtern von der dortigen Literaturbühne. Sicher, Interesse sei da, aber mehr Aufmerksamkeit als in Köln werde den Autoren dort auch nicht zuteil. Besser ist immer anderswo.
Dieter Wellershoff griff letzten Endes das Thema auf, das schon in anderen Artikeln unterschwellig angeklungen war. Spricht hier mit dem enttäuschten Gräf nicht jemand, der aus dem gemachten Nest von Stipendien und Förderungen geschubst worden ist? Einer, der es gewöhnt war, Geld als Vorschuss ohne garantierte Gegenleistung zu kassieren, und der sich damit in die Abhängigkeit des Literaturbetriebs begeben hat, der ihm jetzt angeblich so zuwider ist? Darf der Verfasser unabhängiger, nicht-kommerzieller Literatur den Anspruch haben, dass die Welt, für die er nicht schreiben will, ihn ernährt, ohne von ihm einen Gegenwert zu fordern? Mit philosophischen Grundsatzfragen über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft endete die im Stadtanzeiger ausgetragene öffentliche Auseinandersetzung über die Lage der Kölner Literaturszene.
Viel Widersprüchliches ist in dieser Debatte zu erkennen. Lob für das Literaturhaus hier, Enttäuschung darüber da. Berlin als attraktive Alternative für die einen oder als gleichwertiges, beinahe reizloses Pendant für die anderen. Die ultimative „Erkenntnis“ freilich war nicht dabei, aber das war auch nicht zu erwarten. „Jeder Jeck is anders“. Wer bleiben will, bleibt, wer nicht, geht eben.
Interessant ist jedoch die Frage, die Wellershoff letzten Endes im Raums stehen ließ: Kann für Autoren, die sich berechtigterweise der Bestsellerliteratur verweigern, das Vertrauen in den alten Glaubensgrundsatz gelten: „Sieh die Vögelein auf dem Felde: Sie säen nicht, sie ernten nicht, und der liebe Gott ernährt sie doch“? Ist die Erwartungshaltung vieler hoffnungsvoller Jungschreiber, die sich von großzügigen Stipendien unterstützen lassen und dabei ihre literarische Unabhängigkeit wahren möchten, nicht ein wenig überzogen?
Rein pragmatisch gesehen ist auch ein Schreiner ein Künstler, doch könnte dieser sich erlauben, am Wunsch des Kunden vorbei einen bestellten Schrank nach seinen ureigenen Vorstellungen zu bauen? Natürlich könnte er das, doch wahrscheinlich mit erheblichem Geld- und Ansehensverlust. Der Schreiner ist Teil einer Gesellschaft, die ihm gibt, um etwas von ihm zu bekommen. Ob er neben dem Pensum, mit dem er sein Leben verdingt, seine eigenen Wünsche in Holz realisiert, sei ihm vorbehalten. Nicht anders ist es mit dem Schriftsteller, der auch in irgendeiner Weise im wechselseitigen Austausch mit der Gesellschaft stehen muss. Ob er nun seine Unabhängigkeit dadurch erreicht, dass er in einigen Aspekten seines literarischen Schaffens Zugeständnisse an den vorherrschenden Geschmack macht, oder ob er neben dem Schreiben noch einem „Brötchenberuf“ nachgeht, diese Entscheidung bleibt jedem Einzelnen selbst überlassen. Das ist in Köln nicht anders als im Rest der Welt.
Infos zu den erwähnten Personen:
| Dieter M. Gräf: | geboren 1960 in Ludwigshafen/Rhein, lebt seit 1991 als Schriftsteller in Köln, Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland, Träger diverser Förderpreise und Stipendien |
| Liane Dirks: | geboren 1955 in Hamburg, lebt heute als freie Autorin in Köln und Berlin, Mitglied im P.E.N., Trägerin zahlreicher Preise und Auszeichnungen |
| Stefan Weidner: | geboren 1967, lebt heute als Autor und Übersetzer in Köln, Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Fikrun wa Fann/Art & Thought“ |
| Hendrik Jackson: | geboren 1971 in Düsseldorf, lebt in Berlin, Träger des Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendiums der Stadt Köln |
| Dieter Wellershoff: | geboren 1925 in Neuss, lebt als freier Schriftsteller, Kritiker, Lektor in Köln, Träger des Heinrich-Böll-Preises |
Die ausführliche Debatte ist nachzulesen unter www.ksta.de/literatur.
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