Irgendwo in Mexiko - Unterwegs in einer der größten Städte der Welt
 

von Michael Restin

 

Mexico Stadt - Impressionen
Mexico Stadt - Impressionen
Erst als die Welt ausgesperrt ist, entspannen sich die Züge der jungen Frau auf dem Beifahrersitz. Das Surren der Zentralverriegelung schließt einen Mikrokosmos, wohltuend in diesem Ungetüm von einer Stadt. Mexiko-Stadt.

Wie ein Geschwür breiten sich Häuser und Straßen in alle Richtungen aus, um sich im Smog zu verlieren. "Ich verirre mich hier immer, diese Stadt ist einfach zu groß", sagt die Frau mit den langen braunen Haaren achselzuckend. Sie selbst ist klein, zierlich und vertrauenswürdig - ganz im Gegensatz zu der Stadt, in der sie lebt. Inzwischen bahnt sich der orange Kleinwagen seinen Weg durch die chronisch verstopften Verkehrsadern der Metropole. Vannessa Tena Lopez hat alle 23 Jahre ihres Lebens hier verbracht; sie kennt das Gesicht der Stadt, doch die Stadt als Ganzes kennt auch sie nicht.
Fliegende Händler, Studenten, Halunken, Banker und Schuhputzer vermengen sich zu einer undurchsichtigen Masse, ob hier zwanzig oder dreißig Millionen Menschen leben - keiner weiß es genau. An jeder Ampel zieht ein Heer von Verkäufern, Scheibenputzern und Bettlern zwischen den Autos hindurch. "Ein Freund von mir wurde vor kurzem in seinem Auto gekidnappt, ausgeraubt und irgendwo ausgesetzt", erzählt Vannessa mit ernster Miene. Diese Angst fährt immer mit. Ihr Studienfreund Manuel, der neben ihr am Steuer sitzt, lässt seinen Blick bei jedem Halt unruhig durch die Gegend wandern. "Manuel wurde auch schon überfallen", fügt sie leise hinzu.

Mexiko Stadt - Die legendären Käfer-Taxis
Mexiko Stadt - Die legendären Käfer-Taxis

Die beiden gehören zur Bildungsschicht des Landes, haben im vergangenen Jahr ihren Abschluss in "International Relations" an der privaten "Universidad de las Americas" gemacht. "Letztes Jahr habe ich auf einem Kongress der Welthandelsorganisation gearbeitet und ausländische Delegationen betreut", sagt Vannessa in fast akzentfreiem Englisch. Einen festen Job hat sie noch nicht. Sie sieht die Probleme ihres Landes, während sie den Blick aus dem Fenster schweifen lässt und gedankenverloren in das Lied, das aus dem Radio tönt, einstimmt.

Die vielen abgekämpften Menschen, die versuchen, raubkopierte CDs, Kitsch oder etwas Essbares zu verkaufen. "Bei uns gibt es keine Sozialhilfe. Man kann gar nicht sagen, wie viele arbeitslos sind. Jeder versucht irgendwie, etwas zu verdienen." Sie sieht eine Stadt, die kurz vor dem Kollaps zu stehen scheint. Verschmutzt durch die wuchernde Industrie und Millionen von Autos, langsam versinkend in dem morastigen Boden, auf dem sie gebaut wurde. Menschen mit Mundschutz hasten vorbei. An jeder Ecke steht ein Polizist, doch die Sicherheit ist trügerisch. Die Polizei ist chronisch unterbezahlt und von Korruption gebeutelt.

Vannessa sieht mehr als das. "Ich lebe gerne hier. Ich mag die vielen Geschäfte und Clubs, meine Freunde und meine Familie leben hier." Hier, am Fuße der schneebedeckten Vulkane Popocatépetl und Ixtaccíhuatl pulsiert das Herz des Landes. Es ist eine besondere Melancholie, die das Leben hier ausmacht, eine Schönheit, die sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

Mexiko Stadt - bei Nacht
Mexiko Stadt - bei Nacht

Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass die große graue Masse aus vielen bunten Farbklecksen besteht. Geschäftige Plazas, knatternde VW-Käfer, die als grün-weiße Taxis das Straßenbild prägen, das lebhafte Treiben in den "Cantinas", wo würzig gefüllte Tortillas und feuriger Tequila serviert werden. Kleine Oasen in der großen Betonwüste.

Mittlerweile steuert Manuel den Wagen durch die Hügel im Süden der Stadt. Es ist dunkel geworden und eine Kurve gibt den Blick auf ein endloses Lichtermeer frei - als hätte die Stadt ihr schönstes Kleid angezogen, um ihre Schönheit zu beweisen.

"Tschüß, passt auf euch auf!", sagt Vannessa, als sie aussteigt und im Haus ihrer Eltern verschwindet. Das hohe Gittertor wird von einem Elektrozaun gekrönt. Mit dem Tor schließt sich ein neuer Mikrokosmos, der Sicherheit verspricht.
Manuel hat noch einen weiten Weg vor sich. Er wohnt im Norden der Stadt.

 

 

 

 


 
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