Kommentar zum Schillerjahr 2005
 

von Tanja Betzmair

 

Es schillert allerorten im Jahr 200 nach des Dichterfürsten Tod. Kein Medium bleibt davon verschont. Ob Buch-Bestsellerlisten oder Hörspiele, ob Filmbiographien oder Zeitungssonderausgaben, zu seinem Ehrenjahre ist der Verfasser der „Glocke“ überall präsent wie SpiriTV-Reporterin Tanja Betzmaier feststellte.

Wer den Namen Friedrich Schiller „googelt“ (wie es neudeutsch so schön heißt), bekommt innerhalb von 0,05 Sekunden eine Liste mit ca. 1,37 Millionen Suchergebnissen. Was es über Schiller zu sagen gibt, wird hier gesagt. Angefangen bei seiner Biographie über Werkverzeichnisse bis hin zu Fotos von seiner Tabaksdose. Informationen zu Schillers Schuhgröße scheinen noch auszustehen, sind aber bei Bedarf sicher zu erfragen. Genüsslich feiern die Deutschen ihren Helden, den Kämpfer für Freiheit und Gleichheit, und sonnen sich in seinem späten Ruhm. Er hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass das ehemalige Reich der germanischen Barbaren mit der floskelhaften Alliteration „Land der Dichter und Denker“ belegt wurde, die so herrlich mit dem Anfangsletter der neuen Nation harmoniert.

Solange Schiller lebte, hielt sich die Euphorie um seine Person in Grenzen. Zwar wurden einige seiner Werke („Die Räuber“, „Kabale und Liebe“) gut aufgenommen. Dennoch war der Schriftsteller meistens in Geldnöten und auf die barmherzige Unterstützung besorgter Mäzene wie z.B. Henriette von Wolzogen und Christian Gottfried Körner angewiesen. Die Einnahmen, die mit seinem Namen gemacht wurden, flossen schon zu seinen Lebzeiten an ihm vorbei. Mehr als Ruhm war Schiller in den seltensten Fällen beschieden. Der allerdings hing ihm lange nach.

Jetzt, 200 Jahre nach seinem Tod, schwindet auch dieser letzte Lohn von Gottes Gnaden langsam dahin. Sicher, in der Champagnerlaune des Festjahres wird der gute alte Schiller wieder exhumiert und auf seinen verdienten Thron gehoben. In zeitgemäßer Bearbeitung wird ihm noch einmal die Ehre erwiesen. In Medienebenen transformiert, von denen er selbst noch nicht zu träumen wagte, bahnt er sich nun wieder den Weg in unser Bewusstsein. Doch der Verdacht liegt nahe, dass es dieses Mal wirklich und endgültig die letzte Ehre ist. Längst steht die um sich greifende Abstumpfung der Gesellschaft der angemessenen Rezeption der Schillerschen Meisterwerke im Wege. Noch kennen die meisten die gängigen Schlagworte im Zusammenhang mit dem poetischen Genie, aber mehr als eben die bekanntesten Titel und vielleicht der Anfang der Bürgschaft ist auch in vielen intellektuellen Geistern nicht mehr verankert.

Seine filmische Verkörperung findet er in Gestalten, die fröhlich darüber plaudern, dass es schon ein anderes Gefühl sei, der damaligen Zeit entsprechend auf Absatzschuhen zu schreiten: Der Gang sei plötzlich so „akkurat, nich so schluffig“ wie heute, gab der Schauspieler zum Besten, der von der ARD mit der Darstellung des wehrlosen Verstorbenen betraut worden war. Und 1782, ja, das sei schon was Besonderes, das hätte man halt nicht alle Tage, 1782. Ob er sich denn auf seinen Rolle vorbereitet habe, wurde der hier nicht genannte Akteur gefragt, ob er auch Texte gelesen habe, um der Figur auf die Spur zu kommen. „Wie, also von Schiller jetzt??“ war die relativ eindeutige Antwort, bevor er auf Schauspielermanier den Fauxpas zu übergehen versuchte. Angesichts solcher Äußerungen im Jahr 2005, so möchte man meinen, müsste Schiller sich im Grabe umdrehen. Doch es bleibt still in der Gruft. Schiller hat schon lange resigniert:

„Ein Lügenbild lebendiger Gestalten,
Die Mumie der Zeit,
Vom Balsamgeist der Hoffnung in den kalten
Behausungen des Grabes hingehalten,
Das nennt dein Fieberwahn – Unsterblichkeit?“

Aus Resignation, Eine Phantasie (1786)

 

 

 


 
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