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Vor 90 Jahren... |
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von Dimitrios Papatheodorou
Europa im Sommer 1914
Im Jahre 1914 befindet sich Europa in einem empfindlichen Gleichgewicht. Das deutsche Kaiserreich, seit 1888 von Wilhelm II. regiert, ist mit Österreich-Ungarn verbündet. England, Frankreich und das russische Zarenreich sind seit 1907 in der so genannten "Tripelentente" verbunden, Frankreich und Russland darüber hinaus noch in einem besonderen Bündnisvertrag. Deutschland sieht sich von Gegnern eingekreist, an deren Spitze Frankreich steht, mit dem wegen des zwischen beiden Ländern umstrittenen Elsass-Lothringen eine "Erbfeindschaft" besteht. Dieses System von Allianzen wird außerdem dadurch beeinträchtigt, dass Deutschland seit der Reichsgründung im Jahre 1871 zum Einen bemüht ist, überseeische Besitzungen zu erwerben, wodurch es die Interessen der kolonialen Mächte England und Frankreich stört. Zum Anderen rüstet es seine Flotte immer weiter auf und versucht dadurch, England seine Stellung als größte Seemacht der Welt streitig zu machen. Gleichwohl war es bislang gelungen, einen europäischen Krieg zu verhindern. Die Großmächte, allen voran Frankreich und England, aber auch England und Russland hatten vereinzelt Konflikte in ihren Kolonien ausgetragen, die sich aber niemals auf das europäische Kernland ausgedehnt hatten. Reichskanzler Bismarck hatte in den frühen Jahren des Kaiserreiches versucht, durch eine geschickte Bündnis- und eine zurückhaltende Kolonialpolitik Deutschland aus derartigen Konflikten heraus zu halten und abzusichern. Dieser Kurs hatte jedoch mit der Thronbesteigung Wilhelms II. sein Ende gefunden. Der Monarch war von einem starken Sendungsbewusstsein erfüllt und von der Führungsrolle des deutschen Reiches überzeugt. So führte er sein Reich auf einen immer eigenwilligeren und auf Konfrontation ausgerichteten Weg in der Außenpolitik, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer wahren Weltmachtpolitik wurde. Die anderen Großmächte Europas, mit Ausnahme des Verbündeten Österreich-Ungarn, standen dieser Entwicklung vorsichtig bis besorgt gegenüber.
Die anderen Großmächte jedoch betrieben ihre eigene Weltmachtpolitik. Ihre Außenpolitik war ebenfalls von dem Gedanken der eigenen Vormachtstellung in der Welt geprägt sowie von dem Bestreben danach, diese zu erhalten. Die Bündnisse, die bis 1914 zwischen ihnen entstanden, entsprangen weniger dem Wunsch nach einer sinnvollen Zusammenarbeit in Europa und der Welt, als vielmehr dem Bedürfnis nach Abwehr und Einschränkung fremder Expansion. Das Deutsche Reich war erst im Jahre 1871 erstmals in seiner Geschichte als einheitliches Staatsgebilde entstanden und so gleichsam als Nachzügler in das Konzert der Großmächte gerückt. Daher stellte es in ihren Augen eine große Bedrohung für das Gleichgewicht der europäischen Kräfte dar. Alle Seiten entwickelten Angriffspläne für den Fall eines Krieges. In Deutschland war dies der so genannte "Schlieffenplan". Anfang des 20. Jahrhunderts bedrohen erneut verschiedene Krisen den Frieden in Europa. Dabei verhärten sich die Fronten zwischen den Blöcken England-Frankreich-Russland auf der einen und Deutschland-Österreich-Ungarn auf der anderen Seite zusehends. Außerdem kristallisiert sich der Balkan als ein Brennpunkt der Politik der Großmächte heraus. Österreich, dessen aus vielen Völkern bestehendes Reich sich bis dorthin erstreckt, sieht seine Interessen durch nationalistische Strömungen in Serbien gefährdet, die alle Serben in einem "großserbischen Reich" vereinen wollen. Russland, das seinen Einfluss im Balkangebiet bewahren will, betrachtet sich unter der Prämisse des so genannten "Panslawismus" als Schutzmacht Serbiens. Im Sommer 1914 reist der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand zu Manövern in das zu Österreich-Ungarn gehörende Bosnien. Dort gerät der erste Stein ins Rollen: Der bosnische Serbe Gavrilo Princip erschießt am 28. Juni 1914 in Sarajevo den österreichischen Thronfolger und dessen Frau.
Die Julikrise Als Reaktion auf das Attentat entwickelt sich zwischen Wien, Berlin, Moskau, Paris und London eine Krise, die das Räderwerk der Bündnisse in Gang setzt. Österreich glaubt die serbische Regierung in den Mord verwickelt und fühlt sich provoziert. Wien stellt Belgrad ein Ultimatum, an das fast unannehmbare Bedingungen geknüpft sind. So will sich Österreich unter anderem vorbehalten, an der Verurteilung des Attentäters sowie der Verfolgung möglicher Komplizen mitzuwirken Wilhelm II. lässt den Österreichern Deutschlands Bündnistreue versichern. Das Deutsche Reich stehe in "Nibelungentreue" zu seinem Alliierten, was auch geschehen mag. Russland droht Österreich mit Krieg, falls Serbien angegriffen würde. Frankreich versichert Russland seiner Bündnistreue für den Fall eines Krieges. Allein von England gehen Vermittlungsversuche aus, die jedoch erfolglos bleiben. Schließlich ist auch das Inselreich durch sein Bündnis mit Frankreich gebunden.
So steuern die europäischen Großmächte durch die Verfolgung ihrer eigenen Interessen und das Netzwerk der Bündnisse in eine Art schicksalhaften Automatismus, der den Krieg fast unvermeidlich erscheinen lässt. Als Serbien sich doch noch bereit erklärt, fast alle Bedingungen des österreichischen Ultimatums zu erfüllen, zögert die Regierung in Wien. Daraufhin garantiert Wilhelm II. erneut Deutschlands unbedingte Unterstützung, egal was von dort aus unternommen werde. Durch diesen "Blankoscheck" gestärkt beschließt die Donaumonarchie, gegen Serbien mobil zu machen und erklärt am 28. Juli 1914 den Krieg. Als Russland seinerseits seine Armee mobil macht, ist für Deutschland der Bündnisfall eingetreten: Das Deutsche Reich erklärt Russland am 01. und Frankreich am 03. August 1914 den Krieg.
Der erste Weltkrieg hat begonnen
Der britische Außenminister sagt: "In diesem Augenblick gehen in ganz Europa die Lichter aus; wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen."
Der Schlieffenplan Die Strategie, nach der die Deutschen im Jahre 1914 in den Krieg zogen, beruhte auf einem Plan des ehemaligen Chefs des Generalstabes, Graf von Schlieffen, aus dem Jahre 1905. Dieser ging von einem Zweifrontenkrieg gegen Russland und Frankreich aus. Dem Generalstab war bewusst, dass Deutschlands militärische Stärke nicht ausreichte, um gleichzeitig gegen beide Gegner Krieg führen zu können. Aus diesem Grund baute die gesamte Kriegsplanung auf der Idee auf, zunächst den einen Gegner in einem kurzen Feldzug zu besiegen, um sich anschließend gegen den anderen zu wenden. Der russische Kriegsschauplatz wurde als der Schwierigere eingeschätzt. Russland verfügte über gewaltige Ressourcen an Soldaten. Außerdem ließen die geographischen Verhältnisse - viel offenes Land und weite Steppen, was einer gegnerischen Armee viele Rückzugsmöglichkeiten bietet - einen schnellen Feldzug unwahrscheinlich erscheinen. Andererseits würde eine russische Mobilmachung aufgrund der schlechten Infrastruktur verhältnismäßig viel Zeit in Anspruch nehmen. Der Plan sah also vor, den größten Teil der deutschen Streitkräfte (ca. 9/10) gegen Frankreich zu mobilisieren und den Feldzug aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit innerhalb weniger Wochen zu entscheiden, um dann die Armee an die Ostfront zu verlegen und Russland in voller Stärke entgegenzutreten.
Um den schnellen Erfolg an der Westfront zu ermöglichen, setzte der Schlieffenplan auf die Überrumpelung der französischen Armee: Die deutschen Truppen sollten dergestalt aufgestellt werden, dass nur ein kleiner Teil entlang der deutsch-französischen Grenze postiert wurde, der weitaus größere Teil aber an den Grenzen zu Belgien und Luxemburg. Dieser überstarke rechte Flügel sollte durch Belgien und Luxemburg nach Nordfrankreich marschieren, und sodann im Westen um Paris herum schwenken, um die an ihrer Ostgrenze stationierten französischen Armeen im Rücken zu fassen und zu vernichten. Das Gelingen dieses Plan war entscheidend von zwei Bedingungen abhängig, die bei seiner tatsächlichen Umsetzung nicht erfüllt wurden: Einer peinlich genauen Einhaltung des festgelegten Terminplanes für den Vormarsch und der bedingungslosen Verwirklichung der vorgesehenen Truppenverteilung - Entblößung des linken zugunsten eines starken rechten Flügels. Nach von Schlieffens Ausscheiden aus dem Generalstab im Jahre 1905 wurde der Plan bis 1914 mehrfach überarbeitet. Letztlich wagten es die deutschen Befehlshaber nicht, den Franzosen einen derart schwachen linken Flügel zu präsentieren und verstärkten ihn auf Kosten des rechten. Ein weiteres Risiko, das der Plan in sich barg war der geplante Durchmarsch durch Belgien, das sich für neutral erklärt hatte. Dieser Durchmarsch stellte nicht nur einen Bruch des Völkerrechts dar, er würde auch den Kriegseintritt Englands provozieren, das Belgiens Neutralität garantiert hatte. Die Zahl potentieller deutscher Kriegsgegner wurde immer größer, noch ehe ein Schuss gefallen war.
Der Krieg Am 04. August 1914 marschiert das deutsche Heer in Belgien und Luxemburg ein. Bereits in den ersten Tagen des Angriffs ist der Terminplan gefährdet: Die Einnahme der belgischen Grenzfestungen erweist sich als schwieriger als erwartet. Schweres Belagerungsgerät - riesige Geschütze mit Kalibern von 30,5 und 40 cm - muss herbeigeschafft werden. Am 20. August wird Brüssel eingenommen. Die Truppen werden nun an der französischen Nordgrenze zum Einmarsch nach Frankreich aufgestellt. Das französische Oberkommando, das seinerseits einen Angriff gegen den deutschen linken Flügel geplant hatte, erkennt in letzter Minute die Bedrohung und versucht hastig, gemeinsam mit dem kleinen englischen Expeditionskorps die Umfassung der eigenen linken Flanke zu verhindern. Es entwickeln sich heftige und verlustreiche Grenzschlachten, in deren Verlauf die Franzosen zwar zurückgedrängt, den Deutschen aber zum Teil schwere Verluste zugefügt werden. Was vielleicht noch wichtiger ist: Es geht kostbare Zeit verloren.
Eilig wird in Frankreich eine neue Armee aufgestellt, die die Front verstärken soll. Inzwischen beginnt sich die Modifikation des Schlieffenplans auszuwirken: Dadurch, dass am rechten deutschen Flügel weniger Truppen als geplant stehen, sind nicht genügend Soldaten vorhanden, um die Schwenkung durch Nordfrankreich wie geplant durchzuführen. So müssen sich die deutschen Armeen früher nach Süden wenden, um nun östlich statt westlich von Paris vorbeizumarschieren. Der beherzte, wenngleich verlustreiche Widerstand der französischen Armee verhindert eine Umfassung ihrer Flanke und somit zunächst einen deutschen Sieg. Doch noch ist die Gefahr nicht gebannt. Die Deutschen sind immer noch zahlenmäßig überlegen und drängen die Franzosen weiter zurück. Ein weiterer Faktor macht sich nun bemerkbar: Je weiter die deutschen Armeen nach Frankreich vorstoßen, umso weiter entfernen sie sich von den Eisenbahnendpunkten, an denen ihr Nachschub ankommt. Der Vormarsch wird also immer schwieriger, zumal der Durchmarsch eines Heeres dieser Größe (ca. eine Million Mann) mit Artillerie und Ausrüstung ohnehin ganz erhebliche logistische Probleme verursacht. Anfang September schließlich haben die Deutschen die Engländer und Franzosen östlich an Paris vorbei, in Richtung Süden, über den Fluss Marne gedrängt. In Paris steht die neu aufgestellte französische Armee bereit. Das französische Oberkommando sieht die Gelegenheit, den Deutschen in die rechte Flanke zu fallen. Um die Armee schneller an die Front zu bringen, werden in Paris Taxis und Droschken requiriert, die die Soldaten in das Schlachtgebiet fahren. Das Vorhaben gelingt. Die deutsche 1. Armee, die den äußersten rechten Flügel bildet, muss umschwenken, um dem französischen Angriff zu begegnen. Dadurch entsteht zwischen der 1. und der 2. Armee eine Lücke, in die das britische Expeditionskorps hineinstößt. Andere französische Truppen greifen die Deutschen über die Marne hinaus an. In der nun folgenden Marneschlacht, die vom 06. bis 12. September dauert, werden die deutschen Armeen rund 70 Kilometer zurückgedrängt, wo sie starke Verteidigungsstellungen einrichten.
Der Bewegungskrieg im Westen ist vorbei. Beide Seiten sind erschöpft. Frankreich hat bis zu diesem Zeitpunkt Verluste von ca. 300.000 Mann erlitten. Viele deutsche Verbände verfügen nur noch über eine Gefechtsstärke von 50 bis 60 Prozent. Bis Weihnachten 1914 versuchen beide Seiten noch, die Flanke des Gegners zu umgehen, wodurch die Front bis an die Nordsee in Flandern verlängert wird. An dieser über 700 Kilometer langen Frontlinie graben sich die Armeen ein. Sie wird sich in den nächsten vier Jahren nicht mehr wesentlich verändern. Der Stellungskrieg hat begonnen.
Ausblick Der deutsche Angriffsplan hat versagt. Schuld daran war zum einen die Veränderung der ursprünglich vorgesehenen Truppenverteilungen, die eine großräumige Umfassung der französischen Flanke unmöglich machte. Außerdem verkannte auch bereits der ursprüngliche Plan die Schwierigkeiten, die bei Manövern mit Millionenheeren entstehen mussten: Nachschub und Artillerie wurde im wesentlichen mit Pferden bewegt, das Straßennetz war nicht so gut ausgebaut wie heute und nicht darauf ausgerichtet, derartige Massen von Menschen und Material zu bewegen. Darüber hinaus steckte die Funktechnologie noch in den Kinderschuhen, so dass die Nachrichtenübermittlung zwischen den Truppenteilen schwierig war. Luftaufklärung wurde noch nicht in großem Maße eingesetzt. Die Militärtheoretiker waren den neuen Anforderungen nicht gewachsen.
Der erste Weltkrieg dauerte noch vier Jahre. In seinem Verlauf wurden 32 Länder zu kriegführenden Parteien. Über 10 Millionen Soldaten starben, rund 20 Millionen wurden verwundet. Neue Technologien wurden entwickelt oder verbessert: Bomber und Jagdflugzeuge, U-Boote, Panzer, Maschinengewehre, Giftgas. Die militärischen Führer aller Seiten erwiesen sich als unfähig, ihre Taktiken den veränderten Umständen anzupassen und verursachten durch sinnlose Operationen gewaltige Verluste.
Der Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919 ordnete die Verhältnisse in Europa neu. Das deutsche und das österreichische Kaiserreich hörten auf zu existieren. Die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie wurde zerstückelt und die Republik Österreich entstand. In Deutschland wurde die Weimarer Republik gegründet, die aufgrund der Bedingungen des Vertrages ein schweres Erbe antrat: Verkleinerung der Armee auf 100.000 Mann, bei Verbot aller schwerer Waffen und einer Luftwaffe, Anerkennung der alleinigen Kriegsschuld und die Verpflichtung zur Leistung horrender Reparationen (226 Millionen Goldmark). Der französische Marschall Foch sagte damals über den Vertrag: "Das ist kein Frieden, das ist nur ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre."
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