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Buchkritik: "Keto von Waberer - Schwester" |
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von Judith Ackermann
Der Roman "Schwester" von Keto von Waberer beginnt eigentlich mit seinem Schluss; nämlich der Aufklärung des Lesers darüber, dass die Schwester der Ich-Erzählerin, um die es wie der Titel schon vermuten lässt in diesem Werk geht, nun schon seit zwei Jahren tot ist. In seinem weiteren Verlauf beschäftigt sich der Roman mit den episodenhaft zusammengestellten Erinnerungen der Ich-Erzählerin an ihre Schwester und die Beziehung der beiden untereinander. Doch darauf beschränkt sich das Werk nicht. So skizziert Keto von Waberer in ihrem Roman gleichsam auch noch sehr ausführlich die gesamte Familie der Ich-Erzählerin um diese Schwesternbeziehung herum. Angefangen bei der Mutter, die die Ich-Erzählerin, die jüngere der beiden Schwestern gar nicht wollte, und die ihre ganze Aufmerksamkeit der älteren zuwendet, da diese sehr kränklich ist, und endend mit dem Vater, der sich immer einen Sohn gewünscht hat und glaubt, ihn nun in der Ich-Erzählerin gefunden zu haben. Dennoch bleibt das Zentralthema diese atemberaubend spannende, symbiotische Beziehung der Ich-Erzählerin zu ihrer Schwester, die einfach alles beinhaltet: Liebe und Hass, Sorge und Gleichgültigkeit, Fürsorge und Feindseligkeit, Komplizenschaft und Todesfeindschaft. Die gesamte Beziehung ist ein einziges Hin und Her. Sie stellt ein Wechselspiel zwischen Füreinander und Gegeneinander, Hinwendung und Abweisung dar. Gezeigt wird das Leben hier einerseits als Bewältigung von Schmerz, aber andererseits auch als Zufügung von Seelenqualen. Die gesamte Geschichte hat von der ersten Seite an etwas Tragisches, da der Tod der Schwester schon von Anfang an sicher ist, und somit die Versuche der Schwestern wieder zueinander zufinden von vornherein vom Leser als aussichtslos empfunden werden. Der Leser ist hierbei ständig hin und hergerissen zwischen den einzelnen Fronten, weiß nicht, wen er als Sympathieträger wählen soll. Er hat mal Mitleid mit der Schwester und mal mit der Ich-Erzählerin, um daraufhin wieder von beiden enttäuscht zu sein. Keto von Waberer gelingt es, den Leser in die Schwesternbeziehung zu integrieren. Er macht ein ähnliches Gefühlsdurcheinander wie die Geschwister mit. Nur über einen Punkt ist er sich stets im Klaren, nämlich dass die Eltern eine sehr große Mitschuld an der tragischen Entwicklung der Geschwisterbeziehung haben. Anstatt zu versuchen sie zueinander zu führen, haben sie die beiden durch ihr Verhalten nur noch mehr entzweit. Im Laufe der Erzählung durchläuft die Ich-Erzählerin mehrere "Rangstufen" in der Familie: Ist sie anfangs noch die eindeutig unterlegenere der Schwestern, die um die Anerkennung der beiden anderen Frauen im Hause buhlt, so wird sie durch die internatsbedingte und später studienbedingte Trennung von der Familie immer stärker. Schon bald ist sie der gesamten Familie überlegen, da sie als Einzige Verständnis für alle Parteien aufbringen kann und versucht zwischen diesen zu vermitteln. Dennoch ist ihre Rolle der starken und toughen Frau unmittelbar mit der Rolle der Schwester als kleines hilfloses Mädchen verknüpft. "Mein ganzes Leben hat sie mir mit ihrem Elend dazu verholfen, Superman sein zu dürfen," erkennt die Ich-Erzählerin später. Sie braucht die unterlegene Schwester, um sich selbst stark fühlen zu können. Die beiden sind Gegenpole, doch das wird der Erzählerin erst bewusst, nachdem ihre Schwester gestorben ist und sie, die Lebende, mit einer totalen inneren Leere zurücklässt. Keto von Waberer lässt in ihrem Roman die Ich-Erzählerin ihre Erinnerungen mit einer Neutralität, die beinahe kühl erscheint, beschreiben. Das scheint sie vollkommen unabhängig davon zu tun, dass diese Erinnerungen von ihrem eigenen oder dem Leiden der Schwester handeln. Obwohl es im Roman nicht gesagt wird, scheint es sich bei dem Roman um einen selbstanalytischen Versuch Keto von Waberers zu handeln, den Tod ihrer eigenen Schwester zu verarbeiten. |
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