Auf den Spuren der Inka

 

von Gisela Hartmann

Atemberaubende Ansicht:
Machu Picchu

Cuzco, 6.00 Uhr morgens: völlig bedröhnt wache ich vom Dieter Bohlen-Song "Brother Louis" auf. Wo bin ich? Orientierungslos blicke ich mich um. Ach ja, ich sitze im Überlandbus und bin offenbar soeben in Cuzco angekommen, unserem Ziel im Süden Perus. Schwerfällig erhebe ich mich. Unter Backpackern ist es gang und gäbe, bei Nachtfahrten dem Schlaf mit leichten bis stärkeren Schlaftabletten nachzuhelfen. Das ist eines der ersten Dinge, die wir als Südamerikafrischlinge lernen mussten. Bei meiner ersten längeren Busfahrt von Puno nach Cuzco halte ich mich an diesen Tipp und nehme eine rosafarbene Tablette zu mir, die laut Apothekerin "leicht" dosiert ist. Ob das eine gute Idee war, weiß ich nicht. Fakt ist, dass ich am nächsten Morgen die Augen kaum aufkriege. Dank meiner hilfsbereiten Reisebegleitung schultere ich trotzdem tapfer meinen schweren Rucksack und zu sechst machen wir uns auf den Weg, ein Katerfrühstück einzunehmen. Nach einem doppelten Milchcafe und einer Scheibe steinharten Brots mit Marmelade kehren meine Lebensgeister endlich zu mir zurück. Als wir uns wieder einigermaßen fit fühlen, beschließen wir, Cuzco vorerst wieder zu verlassen und uns per Bus gen Inkatempel im Valle Sagrado – dem heiligen Tal - zu bewegen. Cuzco ist abgesehen von seinen Sehenswürdigkeiten der Knotenpunkt für jede Menge Ausflüge in die nähere und fernere Umgebung.

Leider müssen wir feststellen, dass die Micros – die Kleinbusse – streiken. Wir greifen also mal wieder auf ein Taxi zurück und handeln mit dem Fahrer einen fairen Preis aus. Während unserer 1 ½ stündigen Fahrt entlang des Rio Urubamba sind wir fasziniert von der Sicht auf die Anden – Hochgebirgstäler und Hochebenen im fliegenden Wechsel. In der Ferne erkennt man Felder, die durch ihre verschiedenen Farbgebungen aussehen wie ein Flicken-Teppich.

"David" und "Alan" lese ich laut. Die beiden Namen stehen überdimensional in die Vegetation der Anden tätowiert. Clauso, der Marketingstudent an meiner Seite, klärt mich darüber auf, dass die Peruaner auf diese Weise Wahlwerbung machen. Egal ob Präsidentschafts- oder Bürgermeisterkandidat: Alle lassen sie, wenn die Vegetation es erlaubt, mit Schablonen ihren Namen oder ihr Zeichen monumental in das Gebüsch brennen. Danach wird der verbrannte Boden mir Kalk getüncht, der verhindert, dass jemals wieder etwas an der Stelle wachsen wird! Und so kommt es, dass so unbeliebten Ex-Präsidenten wie Alan und Alberto Fujimori für immer ein Erinnerungsmonument gewidmet ist.

Im Valle Sagrado sehen wir uns die Inkaruine von Ollantaytambo an. Es ist eine Tempelanlage, die von den Spaniern irrtümlich für eine Festung gehalten wurde. Nicht ohne Grund: Die Inka gewannen hier eine Schlacht gegen die Spanier. Riesige Steinwürfel bilden das imposante Fundament der stufenartig angelegten Terrassenbauten. Wir verbringen den ganzen Tag hier. Nachdem wir uns die Ruine ausgiebig angesehen haben, genießen wir den schönen Tag an einer Brunnenanlage aus Inka-Zeiten, essen Maiskolben, machen ein Nickerchen im Gras und erfreuen uns der Tatsache, dass wir trotz Hindernissen doch noch diesen magischen Ort erreicht haben. Am späten Nachmittag begeben wir uns an den Bahnhof von Ollantaytambo. Wir beabsichtigen, Backpacker-Tickets für den Zug nach Agua Calientes zu kaufen, da diese wesentlich günstiger sind als die üblichen Fahrkarten. Dafür steht aber auch nur ein begrenztes Kontingent zur Verfügung, also heißt es, früh da sein!

Die Karten sind gekauft, die 2 Stunden bis der Zug kommt vertreiben wir uns mit lustigen internationalen Karten-Trinkspielchen. Unsere multikulturelle Truppe scheint die Bewohner Ollantaytambos neugierig zu machen: irgendwann stellen wir fest, dass sich ein regelrechter Fanclub um uns gebildet hat, der der Partie gebannt zuschaut. Als der Zug einrollt, hat der Alkohol seine Wirkung schon gezeigt und die zweistündige Reise nach Agua Calientes, dem Ort am Fuße von Machu Picchu, erscheint uns wie ein Katzensprung. Hier verbringen wir die Nacht, um uns am nächsten Morgen nach Machu Picchu aufzumachen.

Während besonders hartgesottene Gesellen den Inka-Trail bewandern, um nach Machu Picchu zu kommen, bevorzugen wir die frühmorgendliche Auffahrt mit dem Bus. Der Inka-Trail dauert vier Tage und soll durch die großen Höhenunterschiede, die bewältigt werden müssen, sehr anstrengend sein. Am Ende wird dann der eifrige Wanderer, ebenso wie der faule Eintagstourist für seine Mühen belohnt: das – im doppelten Sinne – atemberaubende Panorama von Machu Picchu mit seinen Tempeln, Opferstätten, Häusern, Sternen- und Sonnenwarten breitet sich vor einem aus. Der Frühaufsteher unter den Besuchern profitiert von einem besonders eindrucksvollen Bild: Oft sind die Berge um Machu Picchu noch von Wolkenbänken umhangen, und man sieht noch nicht überall in den Ruinen bunt gekleidete Urlauber rumklettern.

Endlich kann ich das langersehnte Panorama von Machu Picchu genießen. Beeindruckt beginne ich, meine Backentaschen mit einer neuen Ration Cocablätter gegen die Höhenkrankheit zu stopfen. Ganz höfliche Touristin biete ich der Runde, die mit mir zusammen steht, aus meinem Cocasäckchen an. Ein älterer Indiomann nimmt mein Angebot gerne an und greift sich eine Handvoll Blätter. Bevor er sich den Mund zu füllen beginnt, breitet er vier der Blätter feierlich auf seiner Handfläche aus und bläst sie in alle Himmelsrichtungen. Die Cocapflanze wird in der Andenregion angebaut und Indios schwören auf ihre Hunger und Durst lindernde Wirkung; außerdem soll sie anregend sein und – wie erwähnt – auch gegen Höhenkrankheit helfen. Machu Picchu liegt 2900m über dem Meeresspiegel, da kann einem schon mal die Puste ausgehen! Höhenkranke Touristen greifen daher dankbar auf dieses Naturheilmittel zurück.

Atemberaubende Ansicht:
Machu Picchu

Machu Picchu gilt als das kulturelle Highlight Südamerikas. Mehr als 3000 Stufen verbinden die verschiedenen Terrassenebenen, die die Inka landwirtschaftlich nutzten. In den teilweise mit Gras bewachsenen Ruinen weidet friedlich eine Herde Lamas, die sich auch von den neugierigen Touristengruppen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Am Fuße des Berges erkennt man den Rio Urubamba, der sich durchs Tal schlängelt.

Es ist kaum vorstellbar, dass Machu Picchu erst im 20. Jahrhundert – genauer gesagt 1911 – entdeckt wurde. Die Festung ist noch sehr gut erhalten, da die spanischen Eroberer nicht von ihrer Existenz wussten, hier keine Kämpfe stattfanden und die Architektur daher nicht zerstört wurde. Machu Picchu gibt den Archäologen noch heute viele Rätsel auf: Wann und zu welchem Zwecke wurde die Festung erbaut? Außerdem: Über 80 % aller Skelette, die man auf dem Friedhof von Machu Picchu fand, waren Frauenleichen. Beherbergte die Festung auserwählte Frauen, die die Aufgabe hatten, das Inkaerbe weiterzugeben?

Diese Fragen und die eindrucksvollen Bilder des Tages im Kopf kehren wir am späten Nachmittag erschöpft zurück nach Agua Calientes. Hier können wir den Tag herrlich ausklingen lassen und den leiblichen Genüssen frönen: In den Agua Calientes, den heißen Thermalquellen, oder bei einem leckeren Menü in einem der zahlreichen Restaurants. Wem es danach gelüstet, der kann auch mal cuy – zu deutsch Meerschweinchen vom Grill – probieren. Zugegeben, nicht jedermanns Sache!

In der Morgendämmerung des nächsten Tages verlassen wir Agua Calientes, um mit einem Backpacker-Zug zurück nach Cuzco zu fahren. Dort checken wir in einem sehr schönen Hostel oberhalb der Stadt ein. Beim Frühstück auf der Dachterrasse betrachte ich ungläubig eine 1-Soles-Münze: Ihr Prägedatum ist eindeutig das Jahr 2007. Erstaunt zeige ich meine Entdeckung herum, bis mich ein peruanischer Angestellter darüber aufklärt, dass in Peru 25% der Münzen gefälscht, aber im alltäglichen Handelsverkehr voll akzeptiert sind. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass man an eine solch futuristische Münze gerät.

Cuzco ist die ehemalige Hauptstadt des Inkareiches. Die spanischen Besatzer ließen sie allerdings nicht unangetastet (im Gegensatz zu Machu Picchu), sondern bauten ihre Paläste auf den Fundamenten der von ihnen zerstörten Inkatempel. Mit dem Charme einer Kolonialstadt erinnert Cuzco daher auch eher an spanische und italienische Renaissancestädte als an die Erbin der Inkahochkultur. Trotzdem zeugt auch hier noch einiges vom Nachlass der Inka, und der Spaziergang durch die Stadt bringt eine Menge Sehenswertes zum Vorschein: Im Museo Historico Regional informiert die spanischsprachige Führerin über die vorkolumbianischen Kulturen, zeigt dabei archäologische Funde (darunter auch die eine oder andere Mumie) und erläutert schließlich, wie sich die Inkakunst mit der europäischen Sakralkunst vereinte: Madonnenbilder, deren Körper an Berge und deren Heiligenscheine an Sonnen erinnern. Hier erkennt man Patchamama – die Erdmutter. Bis zur Ankunft der Spanier verehrten die Inkavölker sie. Als der Glaube an Patchamama von den Besetzern unterdrückt wurde, suchten sie sich ein alternatives Anbetungsziel: die Madonna, die sie bewusst mit den genannten Attributen ausstatteten.

Cuscos Plaza de Armas.

Jetzt erhalte ich endlich die Lösung auf das Rätsel, warum der alte Indiomann meine Cocablätter dem Wind überlassen hat. Auch das ist ein Geschenk an die Erde, an Patchamama, die heute noch in vielen Andenregionen verehrt wird. Auf Geheiß unserer Führerin betrachten wir dann die Stadtkarte: In der Straßenführung der Altstadt, die auf der ehemaligen Anlage der Inka basiert, erkennt man deutlich die Form eines Pumas. Der Puma ist neben der Schlange und dem Kondor eines der drei heiligen Tiere der Inkareligion. Ein weiteres Relikt aus Inkatagen, das sich mit der spanischen Kultur verbindet und daher noch bis heute erhalten ist.

Wenig später sitzen wir bei Sonnenschein auf der von Arkadengängen umrundeten Plaza de Armas – dem Herzen der Stadt – und führen uns das peruanische Kultgetränk "Inka-Cola" zu Gemüte. Das ist übrigens gewöhnungsbedürftig: Eine neongelbe Plörre, die ganz furchtbar nach Chemie schmeckt und auf die die Peruaner ungemein stolz sind. Während wir so vor uns hinnippen, stelle ich fest, dass neben der rot-weißgestreiften Peruflagge auch die Regenbogenflagge der Homosexuellen im Zentrum der Plaza weht. "Was für eine aufgeschlossene und tolerante Stadt" denke ich. Kurz darauf werde ich auch schon desillusioniert: Die Regenbogenflagge steht für Tahuantinsuyo, die vier Teile des Inkaimperiums und es scheint sogar heftige Kontroversen zwischen Cuzcoanern und Homosexuellen zu geben, da beide die Fahne für sich beanspruchen.

Genug Kolonialstil für heute! Wir beschließen, uns noch einmal den Inka zuzuwenden und schnappen uns ein Taxi, das uns nach Saqsayhuaman bringt. Saqsayhuaman ist eine Inkaruine in Cuzcos unmittelbarer Umgebung. Spannend ist, dass sie den Kopf des schon erwähnten Pumas im Stadtbild Cuzcos darstellt. Riesige Steinblöcke formen eine Mauer im Zick-Zack-Muster, unverkennbar die Zähne des Pumas. Wir schlendern über das riesige Gelände und erfahren, dass hier alljährlich am 24. Juni die Geburt der Sonne zelebriert wird. Das ist der höchste Inka-Feiertag und Indios aus dem ganzen Land reisen zu diesem Anlass nach Cuzco. Wir sind leider einige Monate zu früh für diese Feierlichkeiten, doch was soll's? Wir einigen uns darauf, den Abend mit unseren eigenen Feierlichkeiten zu begehen. Denn Cuzco ist nicht nur Unesco-Weltkulturerbe, sondern bietet auch ein umfangreiches Nachtleben. Bis Mitternacht legen wir uns aufs Ohr, um uns dann frisch und munter ins Partyleben zu stürzen. Was uns auch gelingt. Wir durchtanzen die Nacht und finden uns pünktlich zum Sonnenaufgang wieder auf der Terrasse unseres Hostels ein.

Einige Stunden später heißt es auch schon Abfahrt. Als ich im Reisebus sitze, der mich nach Tacna, an die chilenische Grenze bringen soll, werde ich fast melancholisch: Die Zeit in und um Cuzco mit seinen faszinierenden Inkaheiligtümern hat bei mir einen Kulturschock im positiven Sinne ausgelöst. Als der Bus abfährt, erneuere ich meinen oralen Cocablatt-Vorrat, denn mein Sitznachbar – ein weiser Indiomann – flüstert mir zu, dass dieses Allroundmittel auch gegen jede Art von Schwermut wirkt.

 
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