Leni Riefenstahl – die Olympischen Spiele von 1936

 

von Sven Hansen

Dem Werk einer umstrittenen Regisseurin, die am 22.8.2002 ihren 100sten feierte, wurde damit eine Bühne geboten. Gerade sie musste sich nach 1945 anhören, im Auftrag Hitlers, als dessen protegierte Filmemacherin, dem NS-Regime propagandistisch und medial zu Prestige verholfen zu haben. Inwieweit sie der nationalsozialistischen Ideologie anhängig war, soll hier aber nicht geklärt werden. Tatsache ist, dass ihre eigenen filmischen Ansichten und die nationalsozialistischen Vorstellungen miteinander verschwammen und somit propagandistischen Zwecken zu dienen vermochten.

Nach einer einführenden Ausarbeitung mit allerhand wissenswerten Informationen des Redakteurs des „Filmdienst“, Josef Lederle, liefen die beiden Filme an, die für damalige Verhältnisse alles in den Schatten zu stellen vermochten: Mit einem Budget von 2,8 Millionen Reichsmark ließ sich ein dreieinhalb-jähriges Filmprojekt finanzieren, das 400.000 Meter Filmmaterial hervorbrachte und eine Laufzeit von 250 Stunden belichtete.

So kam es, dass der Film erst 1938 fertig gestellt war; dafür aber um so mehr Beachtung und Lobeshymnen erfuhr: Lederle konnte beispielsweise den Observer zitieren, der in Riefenstahls Werk „einen der herrlichsten Sportfilme, die je hergestellt wurden“, erblickte, aus Paris (Marianne) wurde ein „Meisterwerk“ gelobt, der Helsingin Solomat pries „ein Kunstwerk ersten Ranges“.

In der Tat üben diese Filme eine eigentümliche Faszination aus, die den Charakter eines Kunstwerks beschreiben; Riefenstahls Filmvorstellung ging über die einer rein sportlichen Betrachtung hinaus. So zieht sie bei nahezu jeder Disziplin den Zuschauer in ihren Bann. Nicht nur, dass man eine oft ungeahnte Nähe zum Geschehen erfährt, nein – insbesondere das Zusammenspiel mehrerer Elemente wirkt in verdichteter Form. Doch muss man sagen, dass diese darstellerische Nähe durch eine fern-wirkende Idealisierung gedämpft wird und somit ein kühles, aber dennoch faszinierendes Bild bietet. Riefenstahl gelingt es, in gewissem Grad durch darstellerische Nähe Sympathie zu den Sportlern oder Teams herzustellen.

Riefenstahl lässt mehrere Elemente und Faktoren mit einander wirken: Da ist zunächst die charismatische Stimme des Stadionsprechers, dann das ergriffene Publikum und seine Reaktionen. Kraft, Stärke und Eleganz werden im Wettbewerb hochgehalten, ohne martialische Untertöne, sondern unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik und einem sauberen und edlen Messen. Man ist immer wieder von neuem gespannt, ob denn – beispielsweise beim Kugelstoßen – nicht eine neue Bestleistung aufgestellt werde könne. Allerdings entsteht lediglich eine kurzweilige Spannung der jeweils gebotenen Situation, und ein Event folgt dem nächsten. Gerade das scheint Sportberichterstattung aber zu charakterisieren. Dennoch üben diese Spannungsmomente auch in ihrer Vielzahl eine hohe Anziehungskraft aus.

Darüber hinaus bemüht sich Riefenstahl um atmosphärisches Darstellen, das sich erst aus dem Zusammenwirken der musischen Elemente und der oft wiederkehrenden Sequenz der Zeitlupe erschließt. Es ist eine Atmosphäre in Form des „vor Ort Geschehens“ sowie das filmische Wirken auf den Betrachter: Seien es die sich über die Latte windenden Hochspringer, die von Hitze und Erschöpfung gezeichneten Marathonläufer, die leichtfüßigen Fechter oder die sich vor offenem Horizont in die Lüfte erhebenden Turmspringer, die wenig später aus den Wassertiefen auftauchen – die Riefenstahl-Filme atmen Ästhetik und Modernität – versperrten bloß nicht Hakenkreuz-Embleme die Sicht! Insbesondere das Bild einer Kugelstoßbewegung ist vor Augen, eine aus den Knien mit voller Wucht und ganzer Körperstreckung vorgetragene Explosion der Kraft bis die Kugel in die Luft entlassen wird – unterstützt und geradezu erst erfahrbar durch die minutiöse Zeitlupen-Perspektive.

Die große Leistung Riefenstahls liegt in der Schaffung einer Dramaturgie, die unterhält und fesselt.

Zwar mag man entgegnen, dass die Eindrücke kitschig, zu schön, seien, doch liegt gerade im ideal-kitschigen eine Attraktivität und Riefenstahls Intention, „sie will ihr Publikum verführen“: Sie will die Olympischen Spiele stilisieren, mythologisieren und aufleben lassen.

Allerdings muss gerade hier angemerkt werden, dass Riefenstahl eine Angriffsfläche bietet, wenn zu Beginn die von den Göttern erhaltene olympische Flamme vom antiken Griechenland ins Reich des „Führers“ hereingetragen wird und Hitler zum Herrn Olympias erhoben wird. Dergleichen vermittelt einen faden Beigeschmack.

Andererseits sind die Filme ein interessantes Zeitdokument, da Hochspringer sich erst durch einen spagatähnlichen Schritt über ihr Hindernis zu winden hatten, einen Fosbury-Flop gab es noch nicht. Man landete in den (Stab-)Hochsprung-Disziplinen anstatt auf weichen Turnmatten im Sand, und den Sprintern fehlten die Startblöcke: Sie gruben sich ihre Startvorrichtung auf der Aschenbahn einfach selber.

Leni Riefenstahl hat mit ihren Filmen die olympische Bewegung medial in neues Licht gestellt und gleichzeitig Standards für die internationale Sportberichterstattung gesetzt, die bis heute nachwirken.

Die Vorführung der Filme Riefenstahls im Haus der Geschichte bietet somit einen Einblick in das Wirken einer umstrittenen Regisseurin und zugleich einen Beitrag zur Erfahrbarmachung von Geschichte.

 

Infolinks:

www.hdg.de
www.filmdienst.de

 

 

 
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