Musikkritik: Neue Heimat Vol.2

 

von Florian Breithaupt

Neue Heimat 2 heißt das Corpus Delicti, das gleichzeitig wichtigstes Beweisstück ist. Beweisaufnahme: Die erste Sitzung gehört der Dance-Fraktion. Führende Vertreter und Zeugen dieses Ressorts versuchen durch einige spektakuläre Aussagen für ihre musikalischen Rechte einzutreten. Woody, Heiko Laux, Peaches, 2Raumwohnung (gar nicht in gewohnter 2 Mio. sternenklarer Romantik Stimmung), Timo Maas und die durch ihre Platte "Pläy" ins Gerede gekommenen Märtini Brös sorgen für einen starken Tenor. Manchmal ein wenig zu ungestüm, zu aggressiv und leider auch manchmal zu platt.

Einige wenige Zeugenaussagen verfehlen aufgrund ihrer inhaltlichen Schwächen sogar gänzlich ihren Zweck und tragen latent zur Erhaltung eines wenig erbaulichen Bildes deutschstämmiger Elektromusik bei. Peinliche Nummern von Sven Väth und Smash TV chmälern den sonst guten Ton.

In der zweiten Sitzung der Verhandlung besinnt man sich auf ein etwas ruhigeres, ja man könnte fast diplomatischeres Auftreten sagen. Notwist werden in dem Zeugenstand gerufen. "Pilot" ist sicher nicht das Stück, das den meisten elektronischen Inhalt hat, aber es überzeugt zumindest musikalisch den Richter und die Geschworenen. Die Turntable Rocker nehmen sich ein bisschen "Time für Music" und landen damit eine vortreffliche Dancenummer. Eighties-Hardrock-Gitarrenriffs zollen ihrer Forderung nach "make some noise" den angemessenen Tribut.

Plötzlich verschwindet die überzeugende Gute-Laune-Stimmung und mutiert in eine lethargische, plumpe Elektropop-Trance als Borneo & Sporenburg ihr "Wiedersehen" besingen. Schade. Chicks on Speed und Terranova versuchen noch mal ein Gutes zu leisten

Es scheint als würden Deutschlands Elektromusiker ihren Prozess zwar nicht sang- und klanglos, aber gegen den sich langsam erhärtenden Vorwurf allmählich verlieren. Immer wieder wird die Musik von einer schon mal erlebten musikalischen Vergangenheit eingeholt, die sich dick und fett, fast parasitisch in einer neuen Heimat einnistet. Von Innovation kann kaum die Rede sein. Auch Paula und Peterlicht können diesen Eindruck kaum mindern, wenn sie von ihren "guten Eltern" singt und er sorglos vom "transylvanischen Verwandten" trällert. Bozoo Bajou leisten noch einen Beitrag, der den scheinbar verlorenen Prozess aber auch nicht mehr maßgeblich beeinflussen kann.

Gespanntes Warten auf das Urteil. Der Richter: In Anbetracht der Vielfalt der gebotenen Musik ist es nicht einfach ein einheitliches und für alle verbindliches Urteil zu fällen. Sicher ist, dass einige Musik sich dem Vorwurf wenig innovativ zu sein nicht entziehen kann. Wo blieben diesmal Jazzanova, Beanfield und Ian Pooley? Andere sollen wohl auch die Chance bekommen. Aber hat deutsche Elektroszene keine anderen Stile zu bieten als kitschigen Elektropop? Ein halbes Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung - bis zur nächsten Neue Heimat Vol.3! Damit ist die Sitzung geschlossen

Florian Breithaupt

Info-Links:
www.ministryofsound.de
www.universal.com

 

 

 
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