Uncle Ho und die Selbstzerstörung

 

von Judith Ackermann und Eva Lau

Wir schreiben das Jahr 1994, als die Wuppertaler Jungs Julian und Doc beschließen, eine Band namens Uncle Ho zu gründen. Kurze Zeit später stößt Björn dazu und gemeinsam erspielen sich die drei schnell eine große Fangemeinde in der Punk/Rock/Popszene. Es folgen Touren durch ganz Europa. Gruppen wie z.B. die Smashing Pumpkins werden von Uncle Ho supported.

1998 springt die Plattenfirma Subway nach Veröffentlichung des zweiten Albums ab, doch schon 1999 geht's für Uncle Ho wieder bergauf – diesmal in Amerika. Zusammen mit Risk Records wird eine CD produziert. Es folgt der absolute Durchbruch.

Auch in Deutschland hat die Band mittlerweile einen großen Namen. 2001 landen sie hier einen absoluten Hit mit "Come on Come Clean". Danach richtete sich das Trio ein eigenes Studio ein, bastelt auch dort an neuen Songs.

Nach neunjähriger Bandkarriere heißt es für Uncle Ho im Jahr 2003 "Everything must be destroyed". Die Band, die am 7.4. das gleichnamige Album veröffentlicht hat, strebt aber nicht nach Tod und Vernichtung. Viel eher geht es um Dekonstruktion und Aufreißen alter Konzepte. So wird ihre Tour, die am 11.4. startet, vorerst die letzte sein. Am 31.12.2003 wird sich Uncle Ho getreu ihres Mottos auflösen. Gittarist Doc stieg jetzt schon aus, allerdings aus privaten Gründen. SpiriTV hat Björn und Julian in Köln getroffen und ihnen ein bisschen auf den Zahn gefühlt. Der Name SpiriTV gefiel den beiden sofort.

Julian: Zur Kriegszeit, zweiter Weltkrieg und danach, gab's immer in den Sonntagszeitungen zum Aufklappen einseitige Comics und "Spirit" war eins davon, von Will Eisner. Einerseits ein bisschen so ein dummes Superheldending, aber dann hat das auch ne sehr poetische Seite. Kann ich echt empfehlen, das ist so der Kampf des Guten gegen das Böse aber ohne die normalen Dummheiten solcher Comics wie Supermann. Das ist echt ein gutes Comic, finde ich. "The Spirit"
SpiriTV: Bist Du so ein Comic Leser?
Julian: War ich früher mal, eigentlich les ich gar keine Comics mehr, aber das fand ich immer toll, "The Spirit"
SpiriTV: Jetzt kommt ja gerade das neue Album raus und der Titel "Everything must be destroyed" hört sich ja ein bisschen böse an. Wie seid ihr denn auf diesen Titel gekommen?
Björn: Grundsätzlich erst mal ist "Everything must be destroyed" entlehnt aus einem Zitat vom amerikanischen Schriftsteller William Carlos Williams.
Julian: Das komplette Zitat geht so: "However hopeless it may seem, we have no other choice: we must go back to the beginning; it must all be done over; everything that is must be destroyed" Das stammt aus einem Essay von Williams, und da ging es ihm vor allem darum, dass unter den Schichten europäischer Kultur dichterische Originalität und eigene Sprache unmöglich waren. Seine Zerstörungswut zielte daraufhin, sich selber von diesen Formaten und Strukturen der Kultur zu entfernen. Und insofern war das der ideale Titel für unser Album, weil es uns darum geht, wie es zu diesen Formaten kommt, und warum ich ständig – ich beschreib das im Voraus mal als einen Formatgehorsam – ein Format produziere, was irgendwo reinpasst, ohne dass es mir einer vorschreibt. Ständig werden diese Formate produziert, und da kommt unsere Zerstörungswut her. Auf dem Album haben wir die Band in einzelne Elemente zerstört. Es ist ganz klar ein Konzeptalbum und beschäftigt sich vor alle mit der Zerstörung der Strukturen im eigenen Kopf. Dass man nicht ständig schon immer mitdenkt, für wen man produziert, für wen man Musik macht, dass man nicht immer schon ne Live-Situation mitdenkt, das ist so ein bisschen die Stoßrichtung unseres Konzeptes. Dass es eigentlich um ein Ideal geht, das so heißen könnte: Vorraussetzungsloses Musizieren!
Björn: Wir sehen den Albumtitel gar nicht als düster, sondern total positiv, weil das irgendwie ne Art Befreiungsschlag oder vielleicht auch eher so ne Art Aufbruchsstimmung für uns bedeutet. Insofern, als dass wir mit dem Album jetzt so ne Art Grundstein gesetzt haben, für das, was wir bis heute noch nicht wissen.
Julian: Wir suchen die Antwort auf die spannende Frage „Wie sieht denn unsere Musik aus, wenn wir unsere Vorstellungswelten wegfallen lassen?“ Und deshalb haben wir uns auch entschieden die Band aufzulösen. Nicht dass wir nicht mehr zusammen Musik machen wollen. Es geht nicht darum, dass man sich „leid“ geworden ist. Es geht nur ums Musikmachen. Deswegen sind wir in unserer Zerstörungswut so radikal und sind
ganz gespannt, wo uns das hinführt.
SpiriTV: Und glaubt ihr, dass ihr euch dann noch mal wiedergebären werdet als Band, nachdem ihr euch zerstört habt?
Julian: Also ganz bestimmt nicht als Uncle Ho. Das ist natürlich ein Gedanke, der mir erst mal sehr fern liegt, zu sagen „Ich lös meine Band auf, um ne Band zu gründen“. Aber
dass wir natürlich weiterhin zusammen musizieren ist klar. Ist die Frage, ob man dann was anderes sein kann als ne Band. Es wird wohl dahin gehen, dass man sagt, wir musizieren jetzt, und alle weiteren Schritte versuchen wir auszublenden. Wir wollen gerne diesen Zustand der Planlosigkeit haben, dass man nicht immer schon vorausplant. Und wenn ich heute schon vorausplanen würde, stell ich mir das so vor, vielleicht ne Band zu machen, die aber nicht länger als sechs Wochen existieren darf. Und dann sind glaube ich die Voraussetzungen völlig andere.
Björn: Das ist ne gute Idee!
Julian: Also, dass man sagt, egal was man macht, man hat sechs Wochen Zeit.
Björn: Alle sechs Wochen.
Julian: Und dann fertig. Das wäre zunächst erst mal was, wo ich denken würde, da ist Musizieren automatisch ganz anders.
SpiriTV: Euer Gittarist ist ja jetzt ausgestiegen. War das Teil des Konzeptes?
Julian: Das ist ne super Frage. Natürlich, irgendwie ist es Teil des Konzepts, das stimmt schon. Nur um das mal vorwegzunehmen: Also das hatte nichts mit nem Streit zu tun. Und bestimmt wird es so sein, dass wir noch mal zusammen Musik machen. Aber es ist schon so, dass es seltsam gut ins Konzept passt.
SpiriTV: Und jetzt am 11.4. fängt ja dann eure Tour an. Wo seid ihr denn dann überall?
Julian: Erst mal sind wir in Wuppertal, daheim!
Björn: Also erst mal natürlich nur in Deutschland, Österreich und Schweiz. Und im Herbst dann das nähere Ausland
Julian:

Jetzt hab' ich die Tourdaten grad nicht dabei. Aber die findet man natürlich unter www.uncleho.net.

SpiriTV: Und was habt ihr für Gäste im Gepäck?
Julian: Also, das Ganze beginnt mit einer Lesung von Philip Schiemann, einem befreundeten Untergrund Literaten. Ganz großer Sport ist das mit Philip Schiemann. Und dann kommen wir. Davor kommt übrigens doch noch die klassische Vorband und danach gibt's noch einen Film, mit uns in der Hauptrolle
SpiriTV: Und was passiert in dem Film?
Julian: Der Film heißt passenderweise "Uncle Ho und die letzte halbe Stunde," und es geht um Auflösung in diversen Stadien. Ist aber spannend. Es gibt auch so ne Rahmenhandlung. Es geht um Geld, Gewalt und Sex und das ist alles was es braucht, um die Massen zu unterhalten.
SpiriTV: Da spielt der dritte im Bunde dann aber auch noch mit?
Julian: Doc? Klar, natürlich spielt der mit. Das wäre ja schlimm, wenn der nicht mitspielen würde. Der steigt, um das vorwegzunehmen, in dem Film auch aus der Band aus, was ich sehr, sehr passend finde.
SpiriTV: Aber da wusstet ihr das noch nicht?
Julian: Natürlich wussten wir das da.
Björn: Mehr wird nicht verraten.
Julian: Der Film ist ja auch letzte Woche erst endgültig fertig geworden. Wir haben ganz schnell das Storyboard geändert, als es dann klar war, dass er die Tour nicht mitspielt. Da haben wir gesagt: „Doc, jetzt musst Du auch im Film aussteigen,“ und da hat er gesagt: „Klar, muss ich jetzt aussteigen.“ Ist die Frage, ob er wie ich denke und davon gehen wir alle aus, dieses Jahr wieder einsteigt. Darüber würde ich mich sehr freuen, und dann müssen wir eigentlich einen neuen Film drehen.
SpiriTV: Habt ihr denn für euer letztes Konzert noch irgendetwas besonderes in Planung?
Julian: Ja, wir spielen in einem Wohnzimmer, so wie wir begonnen haben. Wir spielen für Freunde in einem Wohnzimmer, vielleicht für Atha. Bei Atha in Schwelm.
Björn: Vielleicht haben wir nächste Woche noch ne viel bessere Idee...
Julian: Das kann sein, aber vielleicht auch so ne Abschiedstournee durch die Wuppertaler Wohnzimmer. Ich glaub, das find ich momentan so die beste Idee. Da muss erst mal ne bessere kommen.
Björn: Find ich auch gut. Aber das sich auch wirklich noch ändern. Vielleicht machen wir auch noch ne ganze Tour.
Julian: Das sehen wir dann. Bei uns ist es jetzt so, es ist wirklich, es ist wirklich vieles möglich. Wer weiß...
SpiriTV: Danke für das Interview.


Die Tourdaten und alles weitere wissenswerte über Uncle Ho findet ihr im Netz unter www.uncleho.net

 

 
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