Vonda Shepard - Open Air am Tanzbrunnen

 

von Susanne Lange

Mittwoch, 06.06.2001:
Vonda Shepard kann auch singen - und das sogar sehr gut !
Um 18:30 Uhr stehen meine Schwester und ich am Eingangsportal des Kölner Tanzbrunnens und warten auf Einlass. Hier beehrt uns heute abend nach langer Ankündigung Vonda Shepard mit einem Open Air-Konzert. Vor uns in der Schlange sagt eine etwa 35-jährige schick gekleidete Frau zu ihrem Begleiter: „Du wirst hier sicher eine Menge Anwälte treffen...!“.

Wieso, fragt sich nun jeder, der mit dem Namen Vonda Shepard auf Anhieb nichts weiter verbinden kann. Das ist übrigens keine Schande. Der „Ahaaa“-Effekt stellt sich sicher mit dem Zusatz ein, dass es sich um die Song-Interpretin der bekannten TV-Serie „Ally McBeal“ handelt. In der Serie dreht sich alles um die Irrungen und Wirrungen des Berufs- und Privatlebens der quirligen Anwältin Ally und ihrer Kollegen der Anwaltskanzlei „Cage & Fish“.

Shepard singt längst nicht nur die Titelmelodie der Serie. Sie gibt Ally’s Unterbewusstsein eine „Stimme“, ist sozusagen „the heart and soul of Ally McBeal“. Shepards Songs unterstreichen die neurotischen Momente und romantischen Phantasien der dürren TV-Anwältin. Oft enden die TV-Folgen in Ally’s Stammkneipe, in der Vonda Shepard als Haussängerin zu sehen und zu hören ist.

Hastig und grob werden unsere Rucksäcke am Eingang auf Fotoapparate und Getränke durchsucht, dann sind wir drin. Etwas enttäuscht darüber, dass es keine Sitzmöglichkeiten gibt, suchen wir uns einen guten Stehplatz vor der Bühne. Immerhin kosteten die Karten im Vorverkauf über 65,- DM. Den Vermerk „Freie Platzwahl“ haben wir offensichtlich falsch ausgelegt... Na, dafür hält sich das Wetter ganz gut, das Kölsch ist teuer aber schmeckt, und unsere Laune könnte nicht besser sein!

Zunächst treten Sven Schuhmacher und Band im Vorprogramm auf. Die Songs sind allesamt sehr langsam und recht „schnulzig“, eher was zum Kuscheln und Wegdösen. Keine Frage, der junge Hamburger hat eine gute Stimme. Manchmal haucht er vielleicht etwas zu leise ins Mikro, aber sonst wär’s ja auch nicht mehr so romantisch. Wir fragen uns, ob er die richtige Wahl war, um das Publikum schon mal „anzuwärmen“. „Play with me“ könnte einem zum Ohrwurm werden, darüber hinaus hat aber kaum ein Stück wirklich „Groove“. In seiner Erscheinung erinnert mich Sven Schuhmacher sehr stark an Deutsch-Latino Sascha und der Gitarrist und Background-Sänger ein wenig an Dieter Bohlen.
Gesamter Eindruck: Leider eine schwache Performance, in jedem Fall aber ausbaufähige Songs und Persönlichkeiten. Später höre ich mir zuhause seine Sample-CD mehrmals an, und finde die Songs von mal zu mal besser.

Das Gedrängel vor der Bühne wird immer größer und behindert langsam unsere Sicht. Wir lösen uns von dem Pulk und finden einen weit besseren Platz auf einem Treppenabsatz etwas seitlich der Bühne.

Publikumsnah und natürlich - Vonda Shepard kam bei den Fans gfut an

Es ist 20:00Uhr und, obwohl bedenkliche Gewitterwolken über uns aufziehen, lässt Vonda Shepard uns immer noch warten. Wir sind der festen Überzeugung, dass sie mit ihrem Hit „Searchin’ my soul“ (Titelsequenz von „Ally McBeal“) beginnen wird, das würde fetzen! Als sie dann endlich die Bühne betritt, beginnt sie mit „Maryland“ und begleitet den Song allein am Flügel. In das tiefsinnig-traurige „La-la-la-la-la-la“ stimmt die Fangemeinde zaghaft mit ein, und die Phrase „In Maryland it’s raining somewhere in some Cafe“ könnte nicht besser untermalt werden, als durch den kurzen Regenschauer, der nun über den Kölner Tanzbrunnen fällt. Zusammen mit ihrer Band spielt Shepard im Anschluss „Neighborhood“, auch ein Song, der in „Ally McBeal“ zu einem sehr bestimmenden Motiv geworden ist. Bei diesem Song hängt Ally in holographischen Rückblenden ihrer großen Liebe Billy nach.

Zu diesen getragenen Melodien wiegen die Besucher verträumt und still hin und her. Die meisten Stücke, die Vonda Shepard singt und spielt, sind nun mal melancholisch und besinnlich, eben etwas zum Zuhören und Träumen. Daher wird die Menge nur langsam „wach“. Mit „Sweet Inspiration“ rüttelt sie das Publikum endgültig aus seiner lethargischen Haltung. Zu den funkigen Akkorden und Vondas Soul-Stimme erheben sich alle Hände in die Höhe, klatschen im Rhythmus mit. Die Sängerin zieht jetzt alle Register und zeigt, was sie wirklich drauf hat! Zeitweise denke ich dabei an Anastacia oder Jennifer Lopez. Was Vonda Shepards volltönige Sopran-Stimme und ihr musikalisches Gefühl betrifft, so kann sie leicht mit den beiden Pop-Größen mithalten. Es folgt „Someone you use“ und die Menge heult begeistert auf. Selbst der schüchternste Teenager wippt nun mit der Hüfte, selbst der unmotorischste Tänzer steppt vom einen auf den anderen Fuß. Der Höhepunkt des Gigs ist erreicht!

Die 38-Jährige bietet uns die Highlights aus dem Repertoire der bisher veröffentlichten „Ally-McBeal“-Soundtracks. Sie singt aber auch neue, selbstgeschriebene Songs von Alben, die nicht im Zusammenhang mit der Serie stehen. Mit diesen unbekannten Stücken kann sie das Publikum nicht so beeindrucken. Das ist natürlich bedauerlich, aber schließlich weiß sie selbst, dass sie ihren Ruhm nur dem Erfolg von „Ally McBeal“ zu verdanken hat. Und es ist weniger auf einen amerikanischen Zufall á la Hollywood zurückzuführen, als auf das allgemeingültige Erfolgsrezept des 21. Jahrhunderts - Vitamin „B“-, dass gerade sie für die musikalische Gestaltung dieser Fernsehserie ausgewählt wurde.

Shepard ist befreundet mit Michelle Pfeiffer und die wiederum war verheiratet mit David E. Kelley, dem Produzenten vieler bekannter Anwalts-Serien wie z.B. „L.A. Law“ und eben auch „Ally McBeal“. Nachdem Shepard 1996 bereits mit drei Soloplatten gefloppt war, fand sie den Karrieresprung über diese Freundschaft. Kelley war von ihren Stimmkünsten beeindruckt und engagierte sie für die Serie. Seither, so sagt Shepard, komponiere sie ihre Songs nicht mit dem Gedanken an das konfuse Liebesleben der TV-Anwältin, sondern völlig unabhängig von der Serie. Es sei eher Kelley, der sich von Shepards Musik für seine „Ally“-Geschichten inspirieren lasse.

Am Ende singt sie dann doch noch „Searchin’ my Soul“, „Tell him“ und „Hooked on a feeling“, und die Menge singt und klatscht, wippt und steppt mit.

Während des gesamten Konzerts zeigt sich Vonda Shepard außergewöhnlich natürlich, sympathisch und warmherzig. Sie geht auf ihr Publikum ein, macht Witze und holt bei der Zugabe drei junge Mädchen aus dem Publikum, die sie mit Percussion begleiten dürfen.
Mit rund 2000 Besuchern kam am Tanzbrunnen eine fast „familiäre“ Stimmung auf. Dieser angenehmen Gemütlichkeit kam noch zu Gute, dass Shepards Show nicht auf Special Effects setzte und sich Sängerin und Band von ihrer lockeren Seite zeigten. Keine Star-Allüren, stattdessen vermittelten sie das Gefühl, gerne für das Kölner Publikum zu spielen.

Fazit: Die Location des Tanzbrunnens war für den Auftritt gut gewählt, und für das Geld bot Vonda Shepard ein gelungenes und rundes Programm. Meiner Schwester und mir hat’s super gefallen. Ich persönlich kam zu dem Entschluss, dass Vonda Shepards musikalische Begabung bis dato völlig unterschätzt wird. Es ist ihr zu wünschen, dass sie sich über kurz oder lang einen renommierten Namen ohne den Zusatz „Ally McBeal“ ersingen kann!

Und übrigens: Ich denke, es sind doch nicht so viele Anwälte gekommen. Seit langem habe ich kein Event mehr erlebt, bei dem das Publikum derart bunt durchmischt war! Teenager, Studenten, Yuppies, Ärzte, Kassiererinnen, Beamte, Homosexuelle, Heteros, Snobs, Jeans-Träger, Konservative, Alternative, Unentschiedene ..... ein repräsentabler Schnitt durch die Kölner Bevölkerung!

Das Geheimnis von „Ally McBeal“

Die Kult-Serie „Ally McBeal“ ist ein Psychogramm. Allen Protagonisten haftet etwas tragikomisches an: keiner ist perfekt, jeder hat seine guten und schlechten Seiten. Ungleich anderer Serien werden diese menschlichen Macken und bösen Charakterzüge nicht übergangen, sondern mit viel Gefühl, Humor, Zynismus und Übertreibung extra scharf hervor gehoben. Tabuthemen werden nicht ausgeblendet, sondern besonders beleuchtet. Ungewöhnlich ist dabei auch die Art der Darstellung: Verbildlichte Metaphern und Gedanken bewirken eine Vermischung der TV-Realität und TV-Phantasien. So findet sich der Zuschauer in einem oder in mehreren Charakteren wieder. Die Geschichten bringen ihn zum Schmunzeln, Träumen, Nachdenken und manch einen vielleicht sogar zur Selbsterkenntnis. Gut möglich, dass die Serie besonders bei Juristen und Psychologen Anklang findet, weil die Figurenkonstellationen und Beziehungskisten wie Fallgutachten logisch durchanalysiert werden.
In Deutschland schalten rund eine Million Fernsehzuschauer jeden Dienstag um 22:05 Uhr VOX ein, um die Geschichten rund um Ally McBeal weiter zu verfolgen.

Links:

www.sonymusic.de (zu herausgegebenen Alben von Vonda Shepard)
www.allymcbeal.com
www.allymcbeal.tvsite.de
www.svenschuhmacher.de

 
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