Karneval in Köln?!? Der SpiriTV-Tipp: Stunk rockt!

 

von Vera Fichtner

Keine Uni ohne Eingewöhnungswochen mit extralangen Warteschlangen, keine Kneipe ohne Kölsch, keine U-Bahn ohne Verspätung und kein Karneval ohne Kamelle (= Bonbons oder ähnliches Wurfmaterial bei Straßenumzügen).

Seit Jahren ist ein Schulungsprogramm auf dem Markt, dass den als "fünfte Jahreszeit" bekannten kölnischen Ausnahmezustand von seinem Lernzentrum in Köln-Mülheim (E-Werk) aus erfolgreich an den (zum Beispiel) norddeutschen Einwanderer weitervermittelt: Die Stunksitzung!

Anders als klassische Karnevalssitzungen ist die Kölner Stunksitzung auch für Imis relativ leicht verständlich. Der Grund: Rockige Stimmungs-Musik mit Hits von Elvis-Presley bis Las Ketchup, interpretiert von Köbes Underground. Diese Band bedient sich internationalen Liedguts, statt sich auf das sonst leider im Kölner Karneval übliche lokale Einheits-Schunkeln zu beschränken. Die Texte sind immer ein bisschen deutsch aber auch kölsch oder kauderwelsch. Das Publikum singt, swingt und klatscht bei "krassen Beats und vollen Riffs" mit (Zitat Stunksitzungs-Präsidentin Biggi Wanninger bei der Ansage des ersten Köbes Underground Musikvideos). Spätestens zur Zugabe, bei dem 1999 aus der Taufe gehoben Karnevals-Schlager "Ich war noch niemals in Köln-Kalk" steht der ganze Saal auf Tischen und Bänken und tanzt.

Wer bei der Stunksitzung an (politisches) Kabarett denkt, hat nicht ganz Unrecht. Bereits zu Beginn macht das Ensemble klar, worum es bei der Stunksitzung geht: "Wir sind keine Karnevalssitzung, hier wird nicht geschunkelt, hier tritt kein Dreigestirn auf, Sie werden froh sein!" Um dann ebenso treffsicher zu behaupten: "Ich bin der Bauer, dies ist eine Karnevalssitzung, wir sind so, wie sie gerne sind, wenn sie sind, wie sie sein wollten, wenn sie könnten.!" Tatsächlich geht es auf der Stunksitzungsbühne immer um Karneval und immer um Köln. Wiederum ist hier anders als in anderen Karnevalssitzungen "Köln" nicht nur Selbstzweck, sondern auch Hilfsmittel zum besseren Verständnis größerer/globaler Zusammenhänge. Selbstverständlich ist George W. Bush anwesend und erklärt Sinn und Zweck von Krieg. Die (Kerzen-)Ständer in der Kirche werden thematisiert, Asterix und Obelix erklären die Globalisierung, der Muezzin rockt, Genosse Schröder und Kabinett werden besungen, der Unteroffizier bügelt Bikini und Bustier seiner Vorgesetzen und beklagt "Frauenversteher" und die Anti-Ageing-Welle bringt die müden Gäste in Bewegung.

Doch Köln bleibt der Nabel der Welt, und so stehen lokale Politik-Ereignisse auch im diesjährigen Stunksitzungsprogramm im Vordergrund: Die Sozi-Ritter befreien die vom bösen Dark Rüther verschleppte Vertreterin der Bürgerinitiative aus der Müllverbrennungsanlage in Niehl, das Stadt Köln Call-Center kollabiert, Elvis fällt beim Festkomitee mit seinem Motto-Lied-Vorschlag durch und dank Fernsehduell nach 100 Tagen Regierung erfährt das Publikum, dass sowohl der Präsident der roten Funken als auch sein Gegenspieler von den blauen Funken alle Kraft verwenden, um den "Dom in Kölle" zu lassen. Ein Schelm wer dabei denkt, diese Themen seinen genauso global, wie sich Köln und sein Karneval stets versteht.

Doch nicht nur das Programm könnte sich hören und sehen lassen, auch das Bühnenbild war ein Augenschmaus. Besonders zwei Nummern im Stunksitzungs-Programm 2003 verdienen einen Innovationspreis für besondere Inszenierung und Bühnengestaltung. Das altbewährte Stunksitzungsthema "Nationalsozialismus" streift der Auftritt der 1000jährigen – Pardon – 100-jährigen Leni Riefenstahl als Talk-Gast, inklusive der Vorführung eines Ausschnitts aus ihrem Werk "Fest der Funken". Der Einsatz des Mediums TV hätte kaum kunstvoller sein können. Auch ein Stück über die Kölner Stadtgeschichte mit aufschlussreichen Erläuterungen über die Kölner
Mentalität und Lebensart ist liebevoll dekoriert: Mit Hilfe einer großen Spiegelwand werden im Wasser schwebende und gleitende Gestalten präsentiert. An dieser Stelle wird deutlich, warum sich die Stunksitzung besonders als Karnevalseinführungsveranstaltung eignet. Sie ist sehr kompakt im Vergleich zu anderen Sitzungen und dank eines professionellen Teams sehr überzeugend. Die Stunksitzung ist ein von Fachkräften produziertes Produkt. Der Quereinstieg vom Bühnenhelfer zum Ensemblemitglied ist nur in Ausnahmefällen möglich (aber im Falle von Özan Akhan sehr gut gelungen!!!).

Aus norddeutscher Perspektive wird der Besuch einer Stunksitzung zur Vorbereitung auf Karneval in Köln stark empfohlen. Eine Annerkennung der Stunksitzung als Weiterbildungsträger wird derzeit noch von den Kölner Arbeits-Sozial- und Einwanderungs-Ämtern sowie von der KVBGEWGAGIHK geprüft.

Kölle alaaf!

 

Mehr Infos zum Thema "Alternativer Karneval in Köln" unter:

www.stunksitzung.de
www.geisterzug.de


 


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