| Catania - eine Stadt für sich | |||||||
|
von Tanja Betzmeier
Ja, ich hab ihn gesehen, den Pflichtfilm für alle, die es während des Studiums ins Ausland zieht. "L'auberge espagnol". Und ja, ich hab mich natürlich davon beeinflussen lassen. War das Auslandsstudium bis dahin für mich noch ein verschwommener Zukunftstraum, hat mich der Film dann doch soweit überzeugt, dass ich im Dezember 2003 meine Bewerbung um einen Erasmus-Studienplatz abgegeben habe. Aber nicht nach Barcelona wollte ich, nein, das sonnige Italien, das Land der opulenten Festmähler, von Käse und Wein, lockte mich. Und Rom sollte es sein, die Stadt, in der ich, obwohl ich im Urlaub ständig in Italien bin, bis jetzt nur drei Tage verbracht habe. Die waren allerdings ausreichend, um mich zu verzaubern. Ja, Rom... Als dann um Ostern 2004 herum der Zulassungsbescheid kam, stand in der Spalte "Universität im Gastland" Catania. Immerhin meine zweite Wahl, nach dem Motto "Besser als gar nichts", denn bei Angabe von möglichen Alternativen steigt die Chance, überhaupt einen Platz zu ergattern. Ich sagte zu. Catania. An der Ostküste Siziliens gelegen, 18 km Strand, ca. 300 000 Einwohner, angeblich die meisten Sonnenstunden Europas. In regelmäßigen Abständen vom Ätna begraben und wie der sprichwörtliche Phoenix aus der Asche wieder auferstanden. Der letzte große Ätna-Ausbruch war 2002, als die Lavamassen eine komplette Skistation mit sich rissen (ja, auf Sizilien kann man tatsächlich Ski fahren!). Im Durchschnitt alle vier bis fünf Jahre spuckt der Ätna, doch auch zwischendurch bringt er sich mit kleineren Ausbrüchen und Aschewolken über dem Krater wieder in Erinnerung. Humorigen Reiseführern zufolge beruht die Lebensfreude und Spontaneität der Catanesen auf dem ständigen Hintergedanken, dass jeder Tag der letzte sein könnte, bevor die Stadt am Fuße des Ätna wieder einmal mitsamt ihren Bewohnern unter erstarrender Lava verschwindet.
Aber das klingt alles schlimmer, als es ist. Meine einzige Befürchtung den Ätna betreffend war die, dass der Vulkan vor einem meiner Flüge in die Heimat wieder kleine Kostproben seines Könnens geben und der kleine Flughafen Fontana Rossa daraufhin seinen Betrieb für einige Tage einstellen könnte. Meistens war die Sehenswürdigkeit ohnehin derart von Wolken eingehüllt, dass man nicht einmal von der Via Etnea aus, der Hauptverkehrsader im von Autos und Vespas dominierten Catania, auch nur den Gipfel erahnen konnte. Die ersten Wochen, sizilianische Mitbewohnerinnen und andere Kuriositäten
Etwas verwundert geschaut haben muss ich z.B. bei diversen Meinungsverschiedenheiten über Religion ("Wie, du bist nicht getauft?? An was glaubst du denn dann??"), über Essen ("Du bist Deutsche und isst keine "Wurstel"??") und über Stromsparen ("Tanja, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du die Schreibtischlampe ausschalten sollst, wenn du ins Bad gehst! Letztes Jahr hatten wir einmal 300 Euro Stromrechnung in zwei Monaten!!" Aber zwei Fernseher den ganzen Tag auf Standby laufen lassen...).
Nun wird den Italienern ja auch oft Faulheit unterstellt. Ob es sich dabei nur um ein bloßes Gerücht handelt, sei an dieser Stelle dahingestellt. Tatsache ist, dass zumindest eine meiner Wohnungsgenossinnen im ganzen Semester wohl nur deswegen ein paar Mal an der Uni war, weil sie irgendwelche Formalitäten im Sekretariat zu erledigen hatte. Wirklich "empören" konnte ich mich nach einiger Zeit darüber aber nicht mehr. Von dem dortigen Uni-System war auch ich zugegebenermaßen mehr als enttäuscht. Seminare, die wenigstens pro forma Mitarbeit erfordern, gibt es in Catania nicht. Stattdessen besteht der Stundenplan aus vierstündigen Vorlesungen, aufgeteilt in zweimal zwei Stunden, die zumeist zwischen 8 und 14 Uhr stattfinden. Die Gestaltung dieser zwei Stunden beschränkt sich mangels technischer Hilfsmittel auf den mündlichen Vortrag, was nicht nur bei nicht hundertprozentiger Beherrschung der italienischen Sprache schnell zu einer Kraftprobe für die Konzentration werden kann. Außerdem waren besonders zu Beginn des Semesters die Raumverhältnisse an der Facoltà delle lingue katastrophal. Die Aulen (Kellergewölben ähnelnde Ställe eines ehemaligen Klosters mit nur einer Tür und ohne Fenster) sind im Durchschnitt für 55 Personen ausgelegt. Da auf Anmeldungen zu den Kursen im Allgemeinen verzichtet wird und jeder Angehörige des jeweiligen Studienjahres zugangsberechtigt ist, kamen zu den ersten Sitzungen meines Semesters aber ca. jeweils 120 Studenten. Die resultierende Luftknappheit in den Verliesen wurde durch die letzte große Hitzewelle Mitte bis Ende Oktober nicht gerade verbessert. Danach begannen die Teilnehmerzahlen dann auch schon kontinuierlich zu sinken, bis gegen Ende des Semesters in einigen Kursen gerade mal noch fünf oder sechs hartnäckige Interessierte übrig geblieben waren, die sich über sechs Sitzreihen verteilten.
|
![]()
© SpiriTV
e.V. 2001 - 2005. Impressum
SpiriTV e.V. ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Seiten.
Hinweise zum RealPlayer