| Fremde Sprache und fremde Ansichten | |||||||
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von Tanja Betzmeier
Die teilten eben meistens die eigenen Ansichten und konnten z.B. meine Todesängste im Stadtverkehr von Catania nachvollziehen. Beinahe täglich war ich gezwungen, auf dem Weg zur Uni durch gekonnte Sprünge zwischen geparkte Autos meine Füße vor mit Tempo 80 heranrasenden Rennsemmeln in Sicherheit zu bringen. Zu Beginn der ersten Vorlesung war der erste Teil meines Survival-Trainings bereits überstanden. Wenn ich mittags von der Uni wieder heimwärts strebte, war der morgendliche Berufsverkehr schon durch die mittägliche Rush Hour abgelöst worden und ich gönnte mir noch mal eine Portion Abgase und Adrenalin-Kicks. Nur nachmittags herrschte Totenstille. Auch als die Hitzeperiode längst vorbei war und der Nachmittag eigentlich die angenehmste Zeit des Tages darstellte, zog sich das Leben in Catania zwischen zwei und sechs Uhr in die Schlafzimmer und vor die Fernseher zurück. Alle Läden einschließlich der kleinen Tabacchi waren geschlossen und die Straßen menschenleer. Von irgendwoher schien leise die Melodie des "High Noon" zu schwirren. Durch die Straßen fegte ein schwaches Lüftchen und trug, statt des mangels Bäumen nicht vorhandenen Herbstlaubs, Plastiktüten mit sich... Erst abends gegen sieben erwachte die Stadt wieder zum Leben, dann aber auch richtig. Wer an von der Konsumflaute geleerte deutsche Kaufhäuser gewöhnt ist, kann an einem Samstagabend bei Rinascente (dem italienischen Kaufhof-Pendant) leicht Anwandlungen von Klaustrophobie bekommen. Um neun Uhr schlossen die letzten Geschäfte, aber der Trubel in der Via Etnea löste sich nicht vor elf auf und auch dann verließen die meisten nur sehr zögerlich die beliebte "Flaniermeile".
Nach einiger Zeit hatte ich mich mit den Widrigkeiten dieser fremden Mentalität dann doch soweit abgefunden oder sogar angefreundet, dass ich glaubte, meinen Aufenthalt nun uneingeschränkt genießen zu können. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, war der sizilianische Winter. Der ist zwar nicht zu verwechseln mit dem ähnlich klingenden sibirischen Winter, zeichnet sich aber durch ständigen Regenfall bei nasskalten Temperaturen knapp über der Frostgrenze aus. Was Sizilien die Sommermonate über an Wasser entbehrt, schwemmt winters alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Leicht abschüssige Straßen verwandeln sich in reißende Gebirgssturzbäche, hoffnungslos überlastete Dachrinnen bersten unter der Last der Wassermassen, windige Fensterschließkonstruktionen geben dem Druck des stürmischen Windes nach und machen den Böen den Weg ins Haus frei, was dann zu einem heillosen Durcheinander in Küchen und Bädern führen kann.
Schön war es trotzdem, gerade weil es eben anders war. Auch wenn viele Dinge am Anfang zumindest befremdlich wirkten, war es eine interessante Erfahrung. Ich hab in diesem Semester vieles dazugelernt, nicht nur, was Kultur und Sprache betrifft, sondern auch und vor allem in Bezug auf Menschenkenntnis. Während eines Aufenthalts im Ausland sind alle viel aufgeschlossener. Es ist leichter, Menschen kennen zu lernen, aber auch, sich täuschen und enttäuschen zu lassen. Dafür wird man häufig mit neuen Erkenntnissen belohnt und schließt Freundschaften, die vielleicht unter "normalen" Umständen nicht zustande gekommen wären. Das Bewusstsein, dass alles nur befristet ist, lässt einen oft wie in einem Zeitraffer agieren. Beziehungen werden schneller als gewöhnlich vertieft und Gespräche rutschen, ehe man sich's versieht, in Ebenen, die man mit vielen langjährigen Bekannten zuhause nie betreten hat. Ich kann wirklich jedem nur dazu raten, sich einmal auf das Abenteuer Ausland einzulassen und eigene Erfahrungen fürs Leben zu sammeln. Verlorene Zeit ist das in keinem Fall! Ob für die eigene Persönlichkeit oder auch nur für den Lebenslauf, seinen Nutzen hat jeder davon. In welchem Ausmaß man jedoch davon profitiert, bleibt jedem selbst überlassen. Übrigens: Wer ein paar Tipps haben will, wo man in Catania zu Studentenpreisen gutes Essen bekommt, kann sich vertrauensvoll an mich wenden. Für viele andere Infos zur Stadt natürlich auch. Ich hatte schließlich genug Zeit, mich mit ihr vertraut zu machen!
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