Rechtschreibreform
 

von Tanja Betzmair

 

Duden
"Eislaufen gehen" ist ja an sich als Ausdruck schon ein wenig seltsam. In der Form "Eis laufen gehen", die seit Einführung der neuen Rechtschreibung 1998 Anwendung findet, mutet es noch eigenartiger an. Eis essen – Eis laufen: Da besteht nun wirklich keinerlei syntaktischer Zusammenhang. Die Getrenntschreibung zusammengesetzter Begriffe, die bei der Umwandlung von "angsteinflößend" in "Angst einflößend" noch Sinn machen mag, wird hier gemäß dem Modell der "Hypercorrection" zur Posse.

Kurz vor dem endgültigen Inkrafttreten der umstrittenen Reform zum 1.August 2005 scheint auch ihren Machern die Absurdität einiger Teilbereiche bewusst geworden zu sein. Statt alles für alle einfacher und eingängiger zu machen, ist vieles für viele schwerer und unverständlicher geworden. Von allen Seiten hagelt es Kritik. Niemand ist zufrieden. Führende Vertreter der deutschen Presse, so die FAZ, der Spiegel und alle Zeitschriften des Springer-Verlags, haben sich bereits angewidert von dem ewigen Hin und Her der Reformgegner und –befürworter abgewandt und sind wieder zum altbewährten zurückgekehrt, ohne sich um die bald verbindlichen Neuregelungen zu scheren. Denkbar schlechte Voraussetzungen für die neuen Formen und Regeln. Also: Was tun, wenn’s brennt? Der Rat der deutschen Rechtschreibung unter Dr. hc. Zehetmair versucht nun, in einer Schnellschussaktion zu retten, was zu retten ist. Besonders die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Zeichensetzung und die Trennung am Zeilenende sollen noch einmal unter die Lupe genommen werden, auf dass sich das Chaos lichte. Bis Anfang Juni sollten die ersten änderungsvorschläge ausgearbeitet sein. Um den geregelten Gang der Dinge zu gewährleisten, sprich: nach Beschlussfassung im Rat und öffentlicher Anhörung von Verbänden, ist eine Umsetzung dieser neuen Vorschriften auch nach dem Stichtag 1. August möglich, insofern sie die Belange der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt.

Von Rücksichtnahme allerdings kann schon jetzt keine Rede mehr sein. Die Schüler, die nächstes Jahr unter noch weiter verschärften Bedingungen zum Abitur antreten, lernten drei Jahre lang, dass die Schiffahrt auf dem Rhein aus wohl ästhetischen Gründen auf ihr drittes f verzichtet und dass der Phantasie hinsichtlich ihrer Schreibweise etymologische Grenzen gesetzt sind. Ab der vierten Klasse waren diese Grundlagen plötzlich nichts mehr wert. Die Schifffahrt piekte jetzt wie die Brennnessel in der Mitte mit sperrigen Dreifach-Konsonantenanhäufungen und ob die Fantasie nun mit "f" mit einem durchgeht oder mit "ph", blieb ebendieser des Autors überlassen. Zwar, so der Trost für alle, die ihren Abschluss vor der verbindlichen Einführung ablegen konnten, war die alte Rechtschreibung noch nicht ungültig. Allerdings war sie trotzdem in der Korrektur rot als veraltet zu kennzeichnen, auch wenn dies nicht in die Bewertung eingehen sollte. Ein frustrierender Anblick für alle, die in der alten Rechtschreibung einen halbwegs sicheren Stand gefunden hatten. Keine einschneidende Veränderung ergab sich jedoch für diejenigen, die schon vorher mit der Orthographie auf Kriegsfuß standen.
Denn Regeln bleiben Regeln, und wer die alten Regeln nicht verinnerlichen konnte, wird auch mit den neuen nichts anfangen können. Rechtschreibung wird nie „intuitiv bedienbar“ sein wie die gute Navigationsleiste einer Website. Orthographieregeln an sich sind eine aufoktroyierte Angleichung verschiedener Aussprachen, Dialekte und Akzente. Auch wenn in weiten Teilen Deutschlands der Spaß wie der Fuß ausgesprochen und auch so geschrieben wird, wird in den Landstrichen, die sprachlich anderweitig ihren Spass haben, das verbleibende ß auf Unverständnis stoßen.
Die vielleicht gut gemeinte, aber leider nicht gut gemachte Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung scheint ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Leser wie Verlage sind verärgert. Jeder schreibt, wie er will. Besonders die älteren, die ohnehin niemandem mehr Rechenschaft über ihre schriftlichen Aufzeichnungen schuldig sind, sträuben sich. Verständlich, da ja der Löwenanteil der Literatur weiterhin aus Ausgaben von vor 1998 besteht, als die Rechtschreibreform noch säuselnde Zukunftsmusik war. Verwirrung und ärger, wohin man schaut. Außer Spesen nichts gewesen?
Vielleicht hätten sich die Herren vom Rat der deutschen Rechtschreibung vor ihrer Formierung ein Beispiel an unseren Inselnachbarn nehmen sollen. In der englischen Sprachlandschaft redet jeder, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und die Orthographie hat damit eben so wenig zu tun wie mit Logik. Da wird >futt< ebenso geschrieben wie >buut< und der seltsame Laut zwischen a und o aus dem Verb „to pour“ findet im Schriftbild die dieselbe Umsetzung wie das >aua< aus „to devour“. Die englischsprachigen Schüler in Großbritannien, Irland, Amerika, Australien etc. scheinen mit diesen widrigen Umständen auch irgendwie zurechtzukommen. Aber uns Deutschen traut man soviel Intelligenz nach den Ergebnissen der letzten Pisatests wohl nicht mehr zu.

Weitere Infos:
www.schriftdeutsch.de

 

 


 
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