| Tschernobyl - Die Geschichte einer gewöhnlichen Stadt | |||||||
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von Dimtri Soibel
Als ob die Väter dieser Stadt schon im 12. Jahrhundert Böses geahnt hätten, nannten sie ihre Siedlung Tschernobyl, übersetzt aus dem Ukrainischen: "schwarze Sage". Die Stadt, die 130 Kilometer nördlich von der heutigen Hauptstadt der Ukraine, Kiew, liegt, erlebte in vollen Zügen die wechselvolle Geschichte des Landes. Mal von Mongolen, mal von den Polen oder den Russen besetzt, blieb sie über Jahrhunderte hinweg eine Kleinstadt am Ufer der Pripjat. Bis in das zwanzigste Jahrhundert bestand die Bevölkerung der Stadt je zu Hälfte aus Ukrainern und zur Hälfte aus Juden. Es gab zwei Schulen in dem Ort, eine ukrainische und eine jüdische. Die Juden lebten hier, wie überall in Osteuropa, weitgehend isoliert. Die Kontakte zu den Ukrainern bestanden nur auf der geschäftlichen Ebene. An der Ufer der Pripjat direkt neben dem kleinen Hafen gab es wöchentlich einen Markt, an dem die Bauern aus der Umgebung ihre Waren verkauften. Die meisten Einwohner führten ein bescheidenes Leben. Viele besaßen am fruchtbaren Ufer des Flusses einen kleinen Garten, in dem sie Obst und Gemüse anbauten und im Sommer feierten. Besonders im Sommer herrschte in der Gegend um Tschernobyl ein angenehmes Klima. Zur Sowjetzeit wurde hier ein Erholungsheim für die Arbeiter und Bauer errichtet. So floss das Leben ohne große Zwischenfälle bis in das für die Stadt verhängnisvolle zwanzigste Jahrhundert hinein. 1918 wurde die Stadt während des Ersten Weltkrieges von den Deutschen besetzt. Die Besatzer waren freundlich gesonnen und mischten sich kaum in die inneren Angelegenheiten der Stadt ein. So blieben sie den Menschen auch bis 1941 in Erinnerung , was für die eine Hälfte der Stadtbevölkerung zum Verhängnis werden sollte. Im August dieses Jahres wurde die Stadt erneut von den Deutschen besetzt. Nur wenige in der Stadt füllten sich veranlasst, vor den neuen Besatzern zu fliehen, zumal die Ukrainer, die Deutschen zuerst als Befreier begrüßten, die sie von dem stalinistischen Terror befreien sollten. Die Idylle dauerte nur einige Tage. Ende August wurde den Juden befohlen zu packen, da sie alle umgesiedelt würden. Nichts ahnende Menschen folgten dem Befehl. Die "Umzugsaktion" endete nicht weit von Kiew, in der Schlucht von Babij Jar. Genau dort starb die jüdische Hälfte Tschernobyls, zusammen mit den 30.000 anderen Juden aus der Umgebung, erschossen von den Sondereinsatzkommandos.
Noch aber blieb es eine gewöhnliche Stadt, die sich, wie grausam es auch klingen mag, kaum von den anderen Städten ihrer Umgebung unterschied. Nach dem zweiten Weltkrieg begann die Industrialisierung der Stadt. In Tschernobyl befanden sich das gewerblich-technische Zentrum der Dnipro-Dampfschifffahrt, eine Eisenhütte, Lebensmittelindustrie und Kunstgewerbe sowie ein Baustoffkombinat. Das zweite schicksalhafte Ereignis suchte die Stadt 1971 heim, als man beschloss, in der Nähe der Stadt ein Atomkraftwerk zu bauen. Es sollte bis zu ein Viertel des Energiebedarfes der Sowjetrepublik Ukraine decken. Nach und nach entstanden die vier Reaktoren des Atomkraftwerkes. In Planung waren noch zwei weitere. Für die Arbeiter des Atomkraftwerks errichtete man neben dem Kraftwerk eine Siedlung, die Pripjat genannt wurde. Diese wurde nach einem typisch sowjetischen Muster erbaut. Es entstanden viele Plattenbauten. Außerdem wurden hier vier Schulen, ein Kino, ein Krankenhaus, eine Musikschule und zahlreiche Geschäfte erbaut. Die Siedlung wurde schnell größer als Tschernobyl selbst. Zum Zeitpunkt der nächsten Tragödie, wohnten hier über 50.000 Menschen. Bis heute ist nur vage bekannt, was am 26 April des Jahres 1986 geschah. Bereits für den 25. April 1986 war im 4. Block ein Experiment angesetzt, bei dem überprüft werden sollte, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch genügend Strom liefern könnten, um die Notkühlung des Reaktors zu gewährleisten. Um das Experiment unter realistischen Bedingungen stattfinden zu lassen, wurde das Notprogramm "Havarieschutz" abgeschaltet, das alle wichtigen Sicherheitseinrichtungen wie die Notkühlung und das Einfahren der Brennstäbe umfasste. Doch der Beginn des Experiments wurde verschoben, so dass die unvorbereitete Nachtschicht des 26. April die Durchführung eines Experiments übernahm, dessen Versuchsanordnung den Reaktor praktisch schutzlos gemacht hatte. Das Experiment, das dann von der neuen Mannschaft eingeleitet wurde, ging durch die Unerfahrenheit der Mannschaft und der Fehlkonstruktion des Reaktors schief und die Notsysteme zur Kühlung des Reaktors konnten nicht einspringen, weil man sie vorher ausgeschaltet hatte. Es kam zur Explosion.
Von den herumfliegenden Teilen des Reaktors wurden zwei Mitarbeiter sofort erschlagen. Weitere 30 starben in den nächsten Tagen an den Folgen der Verstrahlung. Das heimtückische an der Radioaktivität ist , dass man die Gefahr, die auf den Menschen zukommt, weder riechen noch sehen kann. Wird der Mensch einer extrem hohen Bestrahlung ausgesetzt, entstehen im Körper freie Radikale, die die Zellen nach und nach zerstören. Am ganzen Körper bilden sich große Eiterwunden. Man stirbt unter furchtbaren Schmerzen. Stirbt der Mensch nicht sofort auf diese Weise, werden Körperzellen zu unkontrolliertem Wachstum angeregt und dies führt zu Krebs. Genau dies ist der Bedienungsmannschaft und den Feuerwehrleuten, passiert, die als erste am Unglücksort eintrafen. Nichts ahnend stolperten sie alle in den Tod. Bis heute starben an den Spätfolgen der Verstrahlung, Krebserkrankungen, Immunschwäche-Krankheiten (sogenanntes "Tschernobyl- Aids"), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen (Selbstmord) schätzungsweise bis zu 250.000 Menschen. Das Gebiet um Tschernobyl wurde zu einer 30 Kilometer breiten "Todeszone" erklärt. Die Bevölkerung wurde evakuiert und wird wohl nie mehr dorthin zurückkehren. Nach dem heutigen Stand der Technik wird die Verstrahlung der umliegenden Gebiete in Weißrussland, Russland und in der Ukraine in den nächsten tausend Jahren bestehen bleiben. Damit endete die fast eintausendjährige Geschichte einer Stadt und ihrer Bewohner für immer. So erlangte die Stadt Tschernobyl, von der sicherlich nie jemand Kenntnis genommen hätte, eine traurige Berühmtheit.
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