| | von Martina Matuschik
Vom
6. bis zum 10. Juni 2007 stand Köln ganz im Zeichen des Evangelischen
Kirchentages. Wer mit einem Programm nur bestehend aus Gottesdiensten,
Predigten und Bibelarbeit gerechnet hat, der wurde überrascht: Es bot
genauso Diskussionen zu Globalisierung oder Klimaschutz wie auch
Popmusik-Konzerte auf den verschiedenen Open-Air-Bühnen in der Kölner
Innenstadt. Bei sommerlichen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein
besuchten insgesamt rund eine Million Dauer- und Tagesgäste die
vielfältigen Veranstaltungen des 31. Evangelischen Kirchentages in Köln.
Selbst
die Hohenzollernbrücke erhielt zu diesem Anlass eine spezielle
"Verkleidung": Eine rote Stoffbahn, an den Stahlträgerbögen der Brücke
befestigt, gab ihr die Gestalt eines halben Fisches - das Symbol des
Christentums. Das Logo des 31. Evangelischen Kirchentages verbindet den
Fisch als christliches Symbol mit der Rückenflosse eines Haifisches,
was auf das Motto des diesjährigen Kirchentages verweist: "Lebendig und
kräftig und schärfer". Die drei Worte sind der Bibel (Hebräerbrief 4,
12) entnommen und sollten für einen abwechslungsreichen Kirchentag in
der Domstadt Köln stehen. Das Programmheft, das man in gedruckter Form
für 5,- Euro erwerben konnte, umfasste auf mehr als 600 Seiten ein
breit gefächertes Angebot bestehend aus rund 3000 Veranstaltungen.
Zusätzlich boten Kölner Theater, Kinos und Museen ein reichhaltiges
Kulturprogramm anlässlich des Kirchentages. Schon zu den Begrüßungsgottesdiensten, die am Mittwoch, den 6. Juni 2007 ab 17.30 Uhr an
mehreren Plätzen in Köln gleichzeitig stattfanden, war der Andrang
groß. Der Kirchentag wurde unter anderem auf der Bühne am Heumarkt und
auf dem Roncalliplatz eröffnet. Die meisten Menschen kamen aber
wie erwartet auf den Poller Wiesen zusammen, um dieses Großereignis
mitzuerleben. Bei strahlendem Sonnenschein und gefühlten 35° C
pilgerten hunderttausende Besucher von der Kölner Innenstadt zu Fuß zu
der Bühne auf den Poller Wiesen - manche freiwillig, andere weniger:
"Wir haben gefragt, aber keiner wusste, welche Bahn hier hin fährt -
noch nicht mal die Helfer" sagten Caro (17) und Vanessa (18), die für
den Kirchentag aus Hessen angereist sind. Sie machten es sich für den
Begrüßungsgottesdienst auf der Wiese bequem und blieben auch noch zum
darauf folgenden "Abend der Begegnung", der nach Einbruch der
Dunkelheit mit einem Lichtermeer aus Kerzen besinnlich ausklang. Rund
400.000 Menschen kamen im Laufe des Abends hier zusammen. Das Kirchentagprogramm hatte jedem etwas
zu bieten - das fanden auch Caro und Vanessa: "Es ist interessant, so
viele Leute und Stände zu sehen, zum Beispiel den "Markt der
Möglichkeiten". Auf diesem "Marktplatz" in den Hallen 2-5 des Kölner
Messegeländes kamen rund 750 Vereine, Verbände und ehrenamtliche
Gruppen zusammen, um den Besuchern ihre Arbeit und Projekte näher zu
bringen. Der Markt der Möglichkeiten war in die drei Kategorien Mensch,
Gemeinschaft und Welt eingeteilt und umfasste Themen wie Armut,
Hospizarbeit, Bioethik, interkultureller Dialog, ökumenischer Dialog,
Fairer Handel, Globalisierung und Migration. Das
Programm des Evangelischen Kirchentages vereinte geistliche,
thematische und kulturelle Angebote. Ein zentrales Thema war unter
anderem auch der G8-Gipfel in Heiligendamm. Am Donnerstagabend kamen
deshalb auf der RheinEnergieBühne am Dom Kirchenvertreter und Vertreter
verschiedener Verbände und Non-Government-Organisations zusammen, um
unter dem Motto "Die Macht der Würde - Globalisierung neu denken" ihre
Statements zum G8-Gipfel abzugeben. Zeitlich parallel dazu gaben die
Kölner Wise Guys auf der Bühne der Poller Wiesen eine Kostprobe ihrer
Songs. Musikalisch reichte die Bandbreite des Programms vom
Freestyle-Rap mit teilweise religiösen Inhalten bis zum Musical nach
einer biblischen Geschichte, vorgetragen von einem Kinderchor. Politisch
wurde es wieder am Samstag: Nach dem G8-Gipfel besuchten sowohl
Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Bundespräsident Horst Köhler den
Evangelischen Kirchentag. Auf einer Podiumsdiskussion zum Thema
"Globalisierung gestalten" forderte Köhler weniger Arroganz der großen
Industrienationen gegenüber Entwicklungsländern. Man müsse begreifen,
"dass wir mit Afrika in einem Boot sitzen" und dürfe "die Afrikaner
nicht länger für dumm verkaufen", appellierte Köhler. Nach
vier Tagen mit vielfältigen Veranstaltungen und vielen Besuchern bei
hochsommerlichem Wetter endete der Kirchentag am Sonntagvormittag mit
einem festlichen Schlussgottesdienst. Auch hier waren die Wise Guys als
musikalische Unterstützung auf den Poller Wiesen anwesend. Sie
gestalteten den Gottesdienst mit und ließen anschließend noch bis
mittags die kirchliche Großveranstaltung melodisch ausklingen. Ohne
sie wäre der ganze Kirchentag kaum organisier- und denkbar gewesen: ca.
4500 freiwillige Helfer (erkennbar an den orangefarbenen Halstüchern)
standen an allen Veranstaltungsorten bereit. Sie verteilten Liedtexte
vor den Gottesdiensten, verkauften die orangefarbenen Motto-Schals und
waren die direkte Anlaufstelle für Fragen der Besucher. Da nicht alle
Helfer aus Köln kamen, ist es ganz verständlich, dass nicht immer alle
Wegfragen beantwortet werden konnten (siehe oben) - im Großen und
Ganzen kann man sich bei diesen vielen jungen Menschen nur für ihren
Einsatz und ihr Engagement bedanken. Abgesehen
von dem orangefarbenen Kirchentags-Schal, den bereits am Mittwoch zum
Eröffnungsgottesdienst jeder zweite Besucher umgehängt hatte, gab es
noch ein zweites Erkennungsmerkmal: Bunte Bändchen in verschiedenen
Farben wurden an den verschiedenen Veranstaltungsorten im Stadtgebiet
verteilt. Wer im Laufe des Kirchentages jedes Veranstaltungsgebiet
einmal besucht hat, konnte sich so alle Farben zusammen sammeln. Beim
Abend der Begegnung am Mittwoch auf den Poller Wiesen wurden diese
Bändchen häufig untereinander getauscht oder verschenkt.
Der Kirchentag 2006 zeigte sich modern mit Popmusik-Veranstaltungen,
politisch aktuell mit Podiumsdiskussionen zum G8-Gipfel, sozial
engagiert mit vielen Informationsmöglichkeiten zu diversen Themen und
kulturell sowie spirituell offen mit diversen Meditationsangeboten.
über eine Million Menschen haben den 31. Evangelischen Kirchentag in
Köln miterlebt; was ihnen mit Sicherheit in Erinnerung bleibt, das ist
das starke Gemeinschaftsgefühl. Auf das gemeinsame Abendmahl von
Katholiken und Protestanten musste man verzichten. Die Ökumene wurde
aber trotzdem - auch von katholischer Seite - begrüßt und groß
geschrieben. Wer auf den Geschmack gekommen ist, der hat 2009 die
Gelegenheit, in Bremen den 32. Evangelischen Kirchentag zu besuchen. Fotos: www.kirchentag.de und M. Matuschik |