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Hangover

von Thorsten Boese

Junggesellenabschied in Las Vegas. Nachdem der zukünftige Bräutigam Doug (Justin Bartha) mit seinen Kumpels Phil (Bradley Cooper), Stu (Ed Helms) und seinem baldigen Schwager Alan (Zach Galifianakis) auf eine unvergessliche Nacht anstoßen, wachen sie in ihrem verwüsteten Hotelzimmer mit titelgebendem Hangover auf. Nicht nur fehlt Zahnarzt Stu ein Frontzahn und allen die Erinnerung an die letzte Nacht, auch Doug ist verschwunden. Dafür befinden sich im Hotelzimmer ein ausgewachsener Tiger und ein unbekanntes Baby. Fortan begeben sich die drei auf die Suche nach ihrem Gedächtnis und dem verloren gegangenen Bräutigam in spe.

Was sich anhört, wie eine Thirtysomethings-Version von „Ey Mann, wo ist mein Auto?“ kommt doch ein bisschen subtiler und tatsächlich erwachsener daher. Auch wenn der Satz „Ich kann mich wirklich an absolut nichts erinnern“ (mit wechselnder Betonung auf „kann“, „wirklich“, „absolut“, „nichts“ und „erinnern“) so oft daherkommt, wie besagtes „Ey Mann, wo ist mein Auto?“ in gleichnamigem Film über Ashton Kutchers Lippen, lässt er gar allzu derben Klamauk außen vor. Bilder und Soundtrack sind stimmig und erzeugen eine lockere Vegas-Buddy-Movie Atmosphäre. Und so passt auch besagter Tiger und ein Phil-Collins-singender Mike Tyson gut in diese feucht-fröhliche Runde. Schwager Alan ragt dabei stets heraus, ob mit seiner kindlich-tumben Art, die Welt zu (be)greifen oder mit geschmacklich grenzwertigen, zumindest aber ungewöhnlichen Comedy-Einschüben. So bleibt zum Beispiel die Frage ungeklärt, unter welchen Umständen Alan schon ein Mal ein Baby „gefunden“ hat oder warum er sich auf richterliche Anordnung von Grundschulen und Spielplätzen fernhalten muss. Auch wirkt die kurze Hommage an „3 Männer und ein Baby“ durch bisher nicht gesehene Slapstick-Gewalt gegen Babys (lassen wir einmal Peter Jacksons „Braindead“ außen vor) etwas ungewohnt und schockierend. Aber warum sollte dieses Filmtabu heutzutage nicht auch gebrochen werden? Bedenklicher ist da schon eher der nicht weiter ausgeführte Hauch von Pädophilie, der das Riesenbaby Alan zuweilen umgibt. Grandios jedoch ist sein Auftritt als „Rain Man“, wenn er versucht, beim BlackJack die Bank zu sprengen.

Die Frauenrollen in Hangover fallen entsprechend den Erwartungen zu einem Junggesellenabschiedsfilm in Vegas als stereotyp-sexistische Randfiguren aus. Die zukünftige Braut darf sich in wenigen Sätzen als Heimchen am Herd präsentieren, die verständnisvoll alles schluckt, was ihr vorgesetzt wird. Ganz im Gegensatz zu Stus Frau, die gar nichts schluckt, was von ihrem Angetrauten kommt. Ihre kampffeministische Frigidität lässt sich für Stu nur durch eine Vegas-Stripperin (Heather Graham) überkommen, die er im Verlaufe des Films des Öfteren als Nutte beschimpfen darf. Lehrer Phil, der unentwegt seinen wilden Zeiten hinterher trauert und Frau und Kind am besten hinter sich lassen würde, tritt ihnen am Ende des Films ebenso scheinheilig gegenüber, wie er es schon die letzten Jahre gehandhabt haben muss, und wiegt sie somit in trügerischer Sicherheit.

Alles in Allem ist Hangover jedoch eine ziemlich lockere Vegas-Buddy-Comedy, die sehr viel netter ist, als man es vom „Road Trip“ Regisseur Todd Phillips erwarten würde. Die problematischen Geschlechterstrukturen treten eigentlich nur beim nachträglichen Rückblick zu Tage, was sie einerseits umso problematischer macht, da sie dem Zuschauer leicht durchs Raster fallen, andererseits lassen sie so ein unbeschwertes Filmerlebnis zu. Also: Während des Films Kopf ausmachen, danach noch mal nachfragen. Was jedoch wirklich bitter und unpassend aufstößt, ist die Fotostrecke im Abspann, die das verlorene Gedächtnis der Figuren und somit die Ereignisse der Blackout-Nacht nachstellen. Hier wurden offenbar alle Nutten-, Titten-, Kotz- und Saufbilder hineingepackt, die der Film so galant ausgespart hat. Und ebensowenig, wie sie im Film nötig waren, sind sie es am Schluss. Da sonst eher mit subtilem und cleverem Witz aufgefahren wurde, hätte ich hier mehr Einfallsreichtum erwartet.

Hangover
USA/Deutschland 2009
Länge: 100 Minuten
Regie: Todd Phillips
Bilder: Verleih

Kinostart: 23. Juli 2009