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Tödliches Kommando - The Hurt Locker

von Thorsten Boese

Kathryn Bigelow ist eine der wenigen Frauen auf Hollywoods Regiestühlen und zeichnet seit jeher verantwortlich für tiefgehende Thriller. Ob im düsteren Vampirfilm „Near Dark“ von 1987, der sich an den Kinokassen dem kommerziell weitaus erfolgreicheren und vor allem leichter verdaulichen „The Lost Boys“ geschlagen geben musste, oder im psychologisch ausgefeilten Cop-Thriller „Blue Steel“ (1989), in dem sie Jamie Lee Curtis in ein nächtliches Katz-und-Maus-Spiel mit einem psychopathischen Stalker entlässt. Zu beiden Filmen steuerte sie ebenfalls das Drehbuch bei, was die Qualität von Bigelows Arbeit nur noch hervorhebt. Es folgten „Gefährliche Brandung“ (1991) mit Patrick Swayze und Keanu Reeves und der Y2K-Cyberpunk-Thriller „Strange Days“ (1995) mit Ralph Fiennes und Angela Bassett in den Hauptrollen. Bigelow ist also eine gemachte Frau in Hollywood und durchaus ernst zu nehmen. 2002 entführte sie den Zuschauer mit „K-19 – Showdown in der Tiefe“ in ein heikles Unterwasserszenario des Kalten Krieges auf der Schwelle zum nächsten Weltkrieg. In dem Atom-U-Boot-Thriller ist sie bei der Darstellung sehr um Authentizität bemüht. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

Heute bringt sie uns mit „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ ihre Vision des gegenwärtigen Irak-Krieges auf die Leinwand, nach einem Drehbuch von Mark Boal, der 2003 während der US-Invasion im Irak als embedded journalist mit den amerikanischen Truppen unterwegs war. Bigelow setzt den Film unter ein Motto, das als Zitat von Chris Hedges, seines Zeichens ebenfalls langjähriger Kriegsjournalist, der 2002 in einem Team der New York Times über globalen Terrorismus den Pulitzer-Preis erhielt, daherkommt. Mit den Worten „Der Krieg ist eine Droge“ werden wir in das erste Bild entlassen, das von einem Räumroboter kommt. Wackelig, verzerrt, mit computermonitorgrünen Statusanzeigen und leicht verpixelt fährt die Kamera dicht über den Boden einer steinigen, staubigen Straße. Erinnerungen an die Eröffnungsszene aus „Strange Days“ werden wach und tatsächlich könnte der Titel dieses Films ebenso gut als Motto für „Tödliches Kommando“ herhalten.

Wir befinden uns im Irak. Titeleinblendung: „Noch 38 Tage bis zum jährlichen Turnuswechsel für das Team Bravo“. Team Bravo entschärft Bomben. Zumindest versuchen sie es. Nachdem Sergeant Matt Thompson (Guy Pearce) so einen Versuch nicht überlebt, wird er schnell durch Sergeant William James (Jeremy Renner) ersetzt. Und der ist ein echter Heißsporn. Als neuer Anführer des Team Bravo zeigt er seinen Kollegen erst einmal, wer nun das neue Alphamännchen ist. Er bricht absichtlich Funk- und Sichtkontakt ab, wenn er sich in seinem Schutzanzug den hochsensiblen Sprengkörpern nähert, und bringt somit nicht nur sich, sondern das gesamte Team in Lebensgefahr. Daran ändert sich auch trotz der gelegentlichen verbrüdernden Rauf- und Saufeinlagen mit seinen Kameraden nichts. Sergeant James führt sich auf wie Mel Gibson in den „Lethal Weapon“ Filmen. Und das führt zu einigen Problemen mit der Glaubwürdigkeit. Fragen kommen beim Zuschauer auf, wie: „Löscht ein Bombenentschärfungsspezialist wirklich aus einem Meter Entfernung mit einem handelsüblichen Feuerlöscher einen brennenden Wagen, dessen Kofferraum mit einem guten Dutzend Sprengkörper bepackt ist?“ oder „Ist es üblich, besagten Kofferraum nach der Löschung wütend mit Stiefeln aufzutreten, anstatt ihn vorsichtig zu öffnen?“

Nach James’ Over-The-Top-Verhalten fährt Bigelow das Adrenalin ein bisschen runter. Es folgt eine lange Scharfschützensequenz in der Wüste, in der fast nichts passiert. Minutenlang liegt das Team Bravo hinter einer Düne und nimmt feindliche Soldaten aus der Ferne ins Visier. Nur eine Handvoll. Jeder auf der Leinwand nicht größer als ein Daumennagel. Im Gegensatz zur vorhergehenden Action ein zäher, mühsamer Kampf gegen einen abermals gesichtslosen Feind. Diesmal tauchen andere Fragen auf: Nach der Willkür der Tötens, wenn Menschen in Ameisengröße präzise ausgeschaltet werden. Zu Beginn des Gefechts reißen sich zwei hohe irakische Gefangene aus Saddams Regime - auf dem Rücken gefesselt und Säcke über dem Kopf – mit einem Kopfgeldwert von 500.000 Pfund los. Zu mühsam und gefährlich, sie unter dem Kugelhagel wieder einzufangen, werden sie kurzerhand von hinten erschossen, da sich ihr Kopfgeldjäger (Ralph Fiennes) erinnert, dass die Belohnung tot oder lebendig ausgezahlt wird.

Und je schwieriger die Situationen und Entscheidungen werden, desto mehr gerät auch der stahlharte Sergeant James ins Wanken. Bald hat er eine Bombe zu entschärfen, die im Leichnam eines kleinen Jungen eingenäht ist, später kann er einem Iraker, dem ein Sprengstoffgürtel umgebunden wurde, nicht vor der sicheren Explosion bewahren. Und wieder ist es ein unsichtbarer, gesichtsloser Feind, der dem Team Bravo gegenüber steht. Bigelow scheut sich nicht, die Gräuel des Krieges eindringlich auf die Leinwand zu bringen und unangenehme Fragen zu stellen.
Jedoch ist viel interessanter, welche Fragen sie nicht stellt. Dass der Zuschauer die Geschehnisse aus Sicht US-amerikanischer Soldaten erlebt, wird hier vorausgesetzt. Seine halbdokumentarischen Züge können jedoch nicht über die zwangsläufig sehr einseitige, subjektive Sicht hinwegtäuschen. So tauchen kaum Fragen über die Rolle der amerikanischen Truppen auf, die sich mit den USA als Aggressor beschäftigen. Der gegenwärtige Krieg im Irak ist ein Angriffskrieg der USA und nicht umgekehrt. Der unsichtbare Feind, der fast jede Szene beherrscht, ist einer den die USA erst geschaffen haben. Bigelow greift dieses Thema lediglich in einer kurzen Szene auf und liefert darin gleichsam die einzige Antwort auf die Frage, was sie als weibliche Regisseurin dem Film Besonderes beizusteuern hat. Denn trotz all der männlich orientierten Action in ihrem Oeuvre zeichnen sich ihre Filme besonders durch starke, emanzipierte Frauenrollen aus. In besagter Szene dringt Sergeant James in ein privates irakisches Haus ein und bedroht den Besitzer mit einer Schusswaffe, um den Verantwortlichen für die Körperbombe in dem toten Jungen zu finden und so der ständigen Gefahr ein Gesicht zu geben. Der Mann bleibt gelassen, lädt den Sergeant sogar auf eine Tasse Tee ein, während seine Frau das Haus betritt und den Soldaten trotz vorgehaltener Waffe kurzerhand mit den Worten „Habt ihr uns nicht schon genug angetan?“ rausschmeißt.

Eine Frage, die Bigelow nur sehr unbefriedigend beantwortet, ist die nach dem Privatmann William James, der nach dem abgelaufenen Turnus zurück in die USA zu Frau und Kind geht. Dort sehen wir einen recht hilflosen Kerl, der sich in den riesigen amerikanischen Supermärkten verliert und nicht adäquat auf die Normalität eines familiären Alltags reagieren kann. Hier fügt Bigelow die zweite Frau des Films ein, die amerikanische, ohne Text, die beim Möhrenschneiden stumm den Grauensgeschichten ihres Mannes zuhören muss, weil er einfach nichts anderes aus dem Krieg mitgenommen hat. Diese Portraitierung ist ziemlich stereotyp und vorhersehbar. Die letzte Szene zeigt James dann zurück im Irak, freiwillig. Titeleinblendung: „Noch 365 Tage bis zum jährlichen Turnuswechsel für das Team Bravo.“

Ein Fazit oder gar eine Empfehlung für „Tödliches Kommando“ zu geben fällt mir schwer. Der Film bleibt ein offener Fragenteppich. Zudem stört die anfängliche Darstellung von James als einzelgängerischem Teamleader die Glaubwürdigkeit einer ansonsten eher feinfühligen und ruhigen Inszenierung. Auch bleibt das Motto des Krieges als Droge, das unter anderem als Begründung für James freiwillige Rückkehr in den Irak benutzt wird, ohne den Kontext von Hedges Buch „War Is a Force That Gives Us Meaning“ (2002), dem das Zitat entnommen ist, weitgehend unverständlich. Sergeant James könnte ebenso gut ein gewöhnlicher Adrenalinjunkie sein, der mit dem Skateboard quer über Autobahnen fährt, nur dass solches Verhalten in der Gesellschaft außerhalb des Krieges eben schnell an autoritative Grenzen stoßen würde. So findet man sich in Bigelows neuem Film in einer steten Wartehaltung wieder, die die Antworten vermissen lässt. Nicht nur nach Sinn und Moral dieses Krieges, sondern auch nach dem Sinn und der Botschaft von „Tödliches Kommando“ selbst. Und da ich zu diesem Film kein Fazit ziehen kann, schließe ich ab mit „American Psycho“ Autor Bret Easton Ellis, der über „Tödliches Kommando“ twittert: „If this film was directed by a man, it would be semi-boring. But to know it was made by a beautiful woman, it is riveting“.

Tödliches Kommando – The Hurt Locker
USA 2008
Länge: 131 Minuten
Regie: Kathryn Bigelow
Bild: Verleih

Kinostart: 13.08.2009