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von Dimitrios Papatheodorou
Der Zuschauer erlebt eine von – augenscheinlich echten – göttlichen Visionen angetriebene Frau (Barbara Sukowa), die ihre Ideen und Vorstellungen von der Welt durchzusetzen vermag – gegen die Widerstände von Äbten und anderen männlichen Klerikern – bis selbst der spätere Kaiser Friedrich Barbarossa (Devid Striesow) ihren Rat sucht. Dabei bedient sie sich durchaus weltlicher Druckmittel, wie dem politischen Einfluss der Mutter ihrer Lieblingsnonne Richardis. Eine große Krise in ihrem Leben entsteht, als Richardis (Hannah Herzsprung) auf Betreiben eben ihrer Mutter (Sunnyi Melles) zur Äbtissin eines fernen Klosters gemacht werden soll, offenbar um die Macht von Richardis’ Bruder als Bischof von Bremen zu stärken. Hildegard weigert sich zunächst, Richardis aus ihrer Obhut zu geben, doch sie muss erfahren, dass sich dieselben Mechanismen von Macht und Einfluss, die sie zuvor selbst zu ihren Gunsten genutzt hat, auch gegen sie wenden können. An dieser Schlüsselstelle des Films wird dessen Schwäche offenbar: Richardis bezichtigt Hildegard der Ehr- und der Eigensucht, weil sie nicht hergeben möchte, was ihr am liebsten ist, und weil sie nicht will, dass jemand anderes möglicherweise zu ähnlichem Ruhm aufsteigen könnte. In dieser bemerkenswerten und von beiden Schauspielerinnen überzeugend getragenen Szene dreht Hildegard der Richardis jedes Wort im Munde herum, und der Zuschauer bekommt unweigerlich den Eindruck, dass die Anklage berechtigt ist. Doch der Film ergründet diese Charakterfrage der Hildegard nicht weiter. Im Gegenteil, als sie zu einem späteren Zeitpunkt von dem vorzeitigen Tod der Richardis erfährt, die angeblich ihren Weggang zutiefst bereute und kurz vor einer Rückkehr zu Hildegard stand, scheint ihr früherer Widerstand gegen die Ungerechtigkeit eines auf männliche Machterhaltung und –entfaltung gerichteten Systems gerechtfertigt. Es fehlt an einer expliziten Charakterisierung der Hildegard. Autorin und Regisseurin Margarethe von Trotta vermeidet in ihrem legitimen Bestreben, eine außergewöhnliche Person in ihrem Schaffen darzustellen, eine echte künstlerische und dramatische Entscheidung darüber, was diese Person bewegt hat, was ihre „Vision“ war und wie sie der Weg zu deren Umsetzung geprägt und gezeichnet hat. Hildegard von Bingen war bereits zu Lebzeiten eine Berühmtheit und wurde beinahe wie eine Heilige verehrt. Wie es dazu gekommen ist, welche Konsequenzen dies für die Persönlichkeit der Hildegard hatte und wie sie dies beeinflusst hat, bleibt im Dunkeln, ebenso wie letztlich ihr Verhältnis zu Friedrich Barbarossa - immerhin einem der wichtigsten Herrscher Mitteleuropas -, dem sie die Kaiserwürde prophezeit. Einer derart vielseitigen und auf gewisse Weise enigmatischen Person wie Hildegard von Bingen in zwei Stunden Film wirklich gerecht zu werden ist ein in jedem Fall schwieriges, vielleicht sogar unmögliches Unterfangen. Dennoch würde man sich von einer Filmbiographie mehr Einblicke in den Charakter der dargestellten Person wünschen. Drehbuch und Regie müssen hierfür künstlerische Entscheidungen treffen, sie müssen dramatisieren, sie müssen dem Kinobesucher verdeutlichen, weshalb ihm diese Geschichte erzählt wird. Dies ist hier nicht geschehen, was diesem Werk als Spielfilm etwas die Relevanz nimmt. Andererseits ist es gut und wichtig, auch außerhalb von Fernsehdokumentationen im Nachtprogramm auf eine außergewöhnliche Frau hinzuweisen und von ihr zu erzählen, einer Frau, die sich vor fast 900 Jahren eine damals unerhörte Freiheit genommen hat und aus diesem Grund zu Recht bis heute bewundert wird. Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen BRD/FRA 2008 Länge: 111 Minuten Regie: Margarethe von Trotta Bild: Verleih Kinostart: 24.09.2009 | ||
