| | von Thorsten Boese
Die Film- und Fernsehaward-Welle nimmt alljährlich ihren ersten
Höhepunkt mit den Golden Globes, die auch letzte Nacht wieder vergeben
wurden. Wie immer sind solche Preisverleihungen hauptsächlich sehr
persönliche, höchst subjektiv geprägte Momente. Regisseure,
Schauspieler, Drehbuchautoren, Komponisten, Zuschauer. Letzten Endes
freut sich doch jeder einzelne über seinen Preis und ist ebenso
geknickt, wenn ihn der (verhasste) Kollege einsackt. In diesem Sinne
präsentiere ich dieses Jahr die Globes aus meinem persönlichen
Blickwinkel und lass den ganzen Mist weg, der bei uns eh nicht
interessiert. Die Kategorie "Best Mini-Series or Motion Picture Made
for Television" zum Beispiel. Kriegen wir hier (zumindest im Fernsehen)
eh nicht zu sehen. Aber wo soll da angefangen werden?
Vielleicht bei Joseph Gordon-Levitt. Der war nominiert
als "Best Actor in a Motion Picture - Musical or Comedy" für seine
Rolle in 500 Days of Summer, der ebenfalls als "Best Motion Picture -
Musical or Comedy" nominiert war. Einen Globe bekommen hat weder
Gordon-Levitt, noch der Film als Ganzes, obwohl er für mich eindeutig
die schönste Dramedy des letzten Jahres war. Gordon-Levitt kennt man
hierzulande wahrscheinlich am ehesten aus der Sitcom "Hinterm Mond
Gleich Links" (3rd Rock From The Sun). Aber Joseph hat ’ne Menge mehr
drauf, als klamaukige Comedy, wie er nicht nur im
Teenie-Neo-HardBoiled-Noir Brick unter Beweis gestellt hat, bzw. im
nominierten "500 Days of Summer". Ebenfalls seine Rolle in "Mysterious
Skin" geht im wahrsten Sinne unter die Haut. Viel mehr will ich dazu
gar nicht sagen. Einfach angucken! Einer der besten und bisher
übersehendsten Jungdarsteller Hollywoods. Heath Ledger ist tot! Es lebe
Joseph Gordon-Levitt!
Ein sehr übersehener Altmeister Hollywoods ist Jeff „Lebowski“ Bridges,
der erfreulicherweise für seine Performance in "Crazy Heart“ den Globe
bekommen hat und richtigerweise feststellte "You’re really screwing up
my underappreciated-status here.“ Der Film kommt bei uns am 4. März in
die Kinos.
Sehr erfreulich auch der Globe für einen anderen Altmeister: John
Lithgow (wie Gordon-Levitt ebenfalls hier wohl am besten bekannt aus
3rd Rock From The Sun) bekam den Globe für seine "Best Performance by
an Actor in a Supporting Role in a Series, Mini-Series or Motion
Picture Made for Television" (was’n Titel) als "Trinity Killer“ in der
4. Staffel von Dexter. Verdienterweise. Als bester Hauptdarsteller in
der gleichen Kategorie erhielt Michael C. Hall für seinen Dexter den
Globe. Verdient hatte er ihn schon in der ersten Staffel, und der
Verdacht liegt nahe, dass dies nun ein Mitleidsglobe ist, da seit ein
paar Tagen Michael C. Halls Krebserkrankung bekannt ist.
Apropos schwere Schicksale: Drew Barrymore, die im Alter von sieben
Jahren für E.T. vor der Kamera stand, und bereits als zwölfjährige für
längere Zeit im Drogensumpf verschwand, konnte den Globe als Beste
Hauptdarstellerin für "Grey Gardens" (TV-Film) mit nach Hause nehmen.
Sehr rührend und verdient (über den Film weiß ich nichts, doch aber
über ihre (Hollywood-) Karriere) nahm sie den Preis entgegen.
Große Freude für Deutschland, da gingen nämlich gleich
3 Globes hin (wenn man Sandra Bullock mitzählt): Nämlich an soeben
Besagte für "The Blind Side", an Michael Haneke für den besten
fremdsprachigen Film "Das weiße Band" und an Christoph Waltz, für
seinen SS-Mann Hanns Landa in Quentin Tarantinos "Inglourious
Basterds". Keine Frage, Waltz hat letztes Jahr alle in den Schatten
gestellt und der einzige Grund, warum er wohl nicht als Bester
Hauptdarsteller, sondern nur Nebendarsteller nominiert war, muss sein,
dass die Leute von der Hollywood Foreign Press Association "Inglourious
Basterds" als Ensemblefilm sehen und somit kein wirklicher
Hauptdarsteller auszumachen ist. Und da ist auch schon direkt neben der
großen Freude für Waltz mein „größtes Globe 2010 Ärgernis“ zu finden:
Hollywood erkennt Tarantinos geniale Meisterschaft über die Bereiche
Drehbuch und Regie einfach nicht an. Zwar war "Inglourious Basterds"
auch für das Drehbuch, Regie und Besten Film nominiert, bekommen hat er
aber keinen der Awards. Noch immer ist Tarantino das böse Stiefkind,
das sich hauptsächlich aus Hollywoods „Abfall“, den B-Movies, und dem
verhassten Nicht-Hollywoodschen World Cinema genährt hat.
Wahrscheinlich wird er irgendwann den Globe oder Oscar für sein
Lebenswerk bekommen, ebenso wie Martin Scorsese letzte Nacht (Cecil B.
Demille Award) oder vor drei Jahren für "The Departed"; ein
Mitleidsoscar, weil man seine Filme zuvor nie mit einem Preis bedacht
hat. "Taxi Driver" hat 1976 gegen "Rocky" verloren?! Tarantino wird
wohl in vielen Jahren für einen sehr viel schlechteren Film den Oscar
bekommen, weil die Leute einfach ein schlechtes Gewissen haben. Für
mich stellt sich eigentlich die Frage, wieso Tarantino es nötig hat,
bei den Globes oder Academy Awards überhaupt aufzutauchen und brav am
Tischchen rumzusitzen, um sich übergehen zu lassen. Da sollte er es mit
dem jüngeren Johnny Depp oder Sean Penn halten, die sich früher
kategorisch von den inzestuösen Selbstbefruchtungsevents Hollywoods
ferngehalten haben. Der einzige Grund dort aufzutauchen, sollte eben
der gewesen sein, Christoph Waltz nicht seine Trophäe zu schmälern und
das ist/wäre ihm nur hoch anzurechnen.
Ansonsten war alles ganz nett, Ricky Gervais hat die Moderation sehr
witzig übernommen und keinen Zweifel daran gelassen, wer in dem ganzen
Hollywoodzirkus wirklich seinen Respekt verdient.
Achso, eins noch: "Avatar" (3D) hat zwei der Trophäen eingeheimst, die
"Inglourious Basterds" zugestanden hätten. "Best Motion Picture -
Drama" und "Best Director - Motion Picture" (James Cameron). Das zeigt
natürlich noch mehr die kapitalistische Macht Hollywoods: Eine knapp
300 Millionen Dollar Produktion und ein etablierter Regisseur für große
Kassenerfolge wird da eher mit einem Preis bedacht, als ein Regisseur,
der seinen ersten Erfolg auf dem Sundance Film Festival hatte. Cameron
war nie der Bad Boy oder Eigenbrödler, als der Tarantino gilt.
Mainstream lässt halt die Kassen klingeln. Im Kino kann man sich keine
Long Tail leisten. Und dass Mainstream noch immer am meisten zieht,
beweist, dass ich 5 Tage vor der gewünschten Vorstellung keine Karten
mehr für Avatar (3D wohl gemerkt) reservieren kann. Alle schon weg.
Nicht nur im Cinedom Köln, ähnliche Zustände werden aus anderen Städten
berichtet. Dabei bin ich mal gespannt, was unser Redakteur Dimitrios
Papatheodorou dieses Mal zum Stand des 3D-Kinos berichten würde. |