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Up in the Air: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein - oder?

von Dimitrios Papatheodorou

Ryan Bingham (George Clooney) ist ein Rausschmeißer. Allerdings nicht in der Türsteher-Szene, sondern in „Corporate America“. Er wird von Firmen angeheuert, um wegrationalisierte Mitarbeiter zu feuern – eine merkwürdige Stilblüte des Outsourcings. Diese Tätigkeit bringt es mit sich, dass sich Ryan rund 300 Tage im Jahr auf Dienstreise befindet. Und er liebt es: Er genießt die bevorzugte Behandlung als „Frequent Flyer“, die Gold-, Platin-, Graphit- und sonstigen Mitgliedskarten von Autovermietungen, Fluglinien, Hotels, und was es sonst noch gibt. Vor allem aber liebt er es, Bonusmeilen zu sammeln, und sein einziger Ehrgeiz scheint es zu sein, als siebter Mensch die magische Grenze von 10 Millionen Meilen zu erreichen. Als er eines Tages Alex (Vera Farmiga) kennenlernt, deren Lebensgestaltung weitgehend seiner entspricht, und mit ihr eine Romanze ohne Verpflichtungen eingeht, scheint sein Glück perfekt zu sein. Doch seine Welt droht aus den Fugen zu geraten, als ihm Natalie (Anna Kendrick) zur Seite gestellt wird, eine junge Kollegin, deren Ideen nicht nur seine geliebte Reisetätigkeit wegzurationalisieren drohen, sondern deren traditionelle Vorstellungen von Ehe und Familie ihn in eine Sinnkrise stürzen.

„Up in the Air“ ist bei Kritikern und Preisverleihern gleichermaßen beliebt – unverständlicherweise. Der Film weist einige grundsätzliche Schwächen auf, von denen verschiedene mit gutem Willen entschuldbar sind (ein unsägliches Product Placement; George Clooney, der George Clooney spielt, obwohl er es besser kann), und andere eher gar nicht (Vermittlung von Botschaften mit der Holzhammer-Methode). Hinzu kommt, dass es für Ryans Wandlung vom Saulus zum Paulus keinen echten Grund gibt, der sich aus der Handlung heraus ergeben würde. Es geschieht einfach, weil verschiedene Charaktere ihm erzählen, dass es so besser ist. Am schlimmsten jedoch ist die unerträglich aufdringliche und teilweise verquaste Moralität.

Der Film vertritt unverblümt die These, dass nur Ehe und Familie glücklich machen können und um jeden Preis angestrebt werden sollten. Auch wenn zugestanden werden muss, dass die Familie heutzutage viel zu sehr und viel zu häufig echten oder angeblichen beruflichen Anforderungen untergeordnet wird, so folgt daraus jedoch nicht automatisch, dass Heim und Herd für jeden Menschen das Glück bedeuten. Ryan scheint so ein Mensch zu sein, und als Zuschauer sagt man sich reflexartig: Es ist sein Leben! Soll er doch 300 Tage im Jahr unterwegs sein, wenn er will und wenn es ihm Spaß macht. Doch der Film will uns mit aller Gewalt mitteilen, dass das falsch ist, und dass jeder insgeheim auf der Suche nach dem Deckel für seinen Topf ist. Diese Botschaft wird der Story und den Figuren so aufdringlich und so unnatürlich übergestülpt, dass es kaum zu ertragen ist.

Die Schamlosigkeit dieser Moralität wird besonders deutlich, wenn man sich George Clooneys Rolle als Frau vorstellt. Man stelle sich vor, wie es wirken würde, wenn eine weibliche Hauptfigur, karriere- und selbstbewusst, erfolgreich, selbständig, von den Fesseln von Ehe und Kindern befreit, auf diese Weise demontiert und zur Strafe für ihre Verfehlung – der Ablehnung traditioneller Werte – gedemütigt und am Ende ins Fegefeuer geschickt worden wäre. Undenkbar, dass Ryan tatsächlich als Frau in diesen Film hätte geschrieben werden können. Zu prä-feministisch für das Mainstream-Kino wäre die Aussage gewesen. Doch wenn die Botschaft von einem Mann – zumal einem so charmanten und gutaussehenden Star wie George Clooney – verkauft wird, scheint es niemanden zu stören.

Hinzu kommt, dass sich der Film nie so recht entscheiden kann, ob 300 Tage Dienstreise im Jahr und Vielfliegerprogramm nun eine gute oder eine schlechte Sache sein sollen. Wie das hoch gepriesene Ideal von Ehe und Familie bei solch einem Terminkalender realisiert werden soll wird nicht thematisiert. Statt dessen wird unverhohlen damit kokettiert, dass Bonusmeilen und Vergünstigungen für Kunden mit Premium-Standard eine ziemlich coole Sache sind. Diese Ambiguität schadet der Story ebenso wie ihr uneindeutiger Standpunkt zur Moralität von Ryans Job. Während Natalie als Technokratin diskreditiert wird, wird Ryans persönlicher Umgang mit den Gekündigten als kompetent und sensibel dargestellt. Dabei ist auch er nur ein Phrasendrescher, für den die Gekündigten nur ein Mittel zum Zweck sind.

Fazit: Für George-Clooney-Fans wohl unvermeidlich. Alle, die Clooney in einer vergleichbaren Rolle und in einer Story sehen wollen, die ihre Charaktere vor ähnliche Fragen und Gewissensentscheidungen stellt, sei „Michael Clayton“ empfohlen – wesentlich komplexer, aber auch wesentlich kompetenter.

Up in the Air
USA 2009
Länge: 109 Minuten
Regie: Jason Reitman
Bild: Verleih

Kinostart: 04.02.2010