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Robin Hood: Freiheitskämpfer ohne Strumpfhose

von Dimitrios Papatheodorou

Der Handlungsrahmen dürfte zumindest im Wesentlichen bekannt sein: England befindet sich im 12, Jahrhundert in einem trostlosen Zustand. König Richard Löwenherz (Danny Huston) ist in Sachen Kreuzzug unterwegs, während sein Bruder und Stellvertreter Prinz John (Oscar Isaac) das Land mehr schlecht als recht regiert und mit Steuern und Abgaben belastet. Robin Longstride (Russell Crowe) – später bekannt als Robin Hood – kämpft gegen das Unrecht und die Unterdrückung und für das Herz von Lady Marion Loxley (Cate Blanchett).

Die fünfte Zusammenarbeit von Regisseur Ridley Scott und Russell Crowe nimmt sich einer Materie an, die gleich in mehrfacher Hinsicht alt ist. Nicht nur, dass die Legende von Robin Hood aus dem finstersten Mittelalter stammt, auch in Hollywood wurde der Stoff bereits mehrfach - zum Teil sehr erfolgreich - verarbeitet: Neben den Klassikern mit Douglas Fairbanks jr. (1922) und Errol Flynn (1938) ist besonders Kevin Costners Interpretation (1991) in Erinnerung geblieben. Eine Neuauflage sieht sich daher einem gewissen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt: Wieso ein weiterer Robin Hood?

Scotts Rechtfertigung ist eine Abkehr von den meisten Hollywood-Elementen, mit denen die Legende gemeinhin assoziiert wird. Er befreit sie von allem Klamauk, von „Merry Men“ und draufgängerischer Wegelagerei und stattet sie mit jener nüchternen, quasi-realistischen Atmosphäre aus, die bereits seine früheren Historienfilme charakterisiert. So wird mit vielen hergebrachten Klischees gebrochen: Richard Löwenherz ist ein zynischer, egomanischer und rücksichtsloser Draufgänger, die Notlage des englischen Volkes ist zu einem erheblichen Teil auf seine extrem kostspieligen Feldzüge zurückzuführen und Robin ist zunächst ein einfacher Soldat, der nicht nur desertiert, sondern auch Leichenfledderei betreibt, um sich und seinen Spießgesellen die Überfahrt nach England zu erschleichen. Auch Marion entflammt nicht gleich in unsterblicher Liebe zu ihm, die beiden müssen sich erst zusammenraufen.

Dies ist grundsätzlich ein interessanter Ansatz. Der Zuschauer ist zunächst regelrecht vor den Kopf gestoßen von der Direktheit dieses Bildersturmes. Doch Unkonventionalität allein genügt natürlich nicht, um einen Film insgesamt interessant zu machen. Die Figur des Robin Hood steht selbstverständlich im Fokus der Handlung, und bereits hier vermag die Story nicht recht zu überzeugen. Robin, obwohl tapfer und im Grunde seines Herzens anständig, ist dennoch zunächst auch ein Spitzbube, ein Hütchenspieler, der auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Erst ein sterbender Ritter schafft es, sein Gewissen – und unnötigerweise auch unterdrückte Kindheitserinnerungen – vollständig zu aktivieren, und das ist das Problem: Nach dem ersten Viertel des Films ist die charakterliche Entwicklung des Robin Hood abgeschlossen. Man mag einwenden, dass dies in früheren Filmen, besonders den oben erwähnten, auch so ist. Dort war aber die Ausgangslage anders. Robin Hood war entweder der misshandelte Adlige oder der wohlmeinende Bandit – eine psychologische Ebene wurde gar nicht erst angedeutet. Es ist eben die Andeutung dieser Ebene – die im Übrigen Ridley Scotts Historienfilme Königreich der Himmel (jedenfalls als Director’s Cut) und Gladiator unter anderem so sehenswert machten – und die fehlende Erfüllung dieser Andeutung, die hier enttäuschend wirkt.

Auch die unvermeidliche Romanze vermag nicht zu überzeugen. Marions anfängliche, ehrlich und zutiefst empfundene Abneigung gegen Robin und demgegenüber dessen defensives und passives Verhalten sorgen zwar für eine unterhaltsame Spannung zwischen den Figuren, sobald es aber ernst werden muss, empfindet der Zuschauer dies eher wie etwas, das eben früher oder später geschehen muss, anstatt das es sollte. In Filmen wie diesem funktioniert Russell Crowe als Einzelgänger besser.

Schließlich leidet die Story darunter, dass ihr „Wichtige Politische  Botschaften“ aufgezwungen werden. Robin Hood wird hier zum Vorreiter von Freiheit und Menschenrechten, und anstatt dass er die Schergen der Bösewichter im eigenen Land bekämpft, lässt ihn das Drehbuch eine französische Invasionsarmee abwehren – in einer Sequenz, die viel zu deutlich, völlig deplatziert und ohne erkennbaren Anlass bei Saving Private Ryan abkupfert. Diese „Wichtigen Politischen Botschaften“ wirken ziemlich aufgesetzt und lenken vom eigentlichen Kern der Story ab. Zwar versteht sich der Film selbst offiziell als „Quasi-Prequel“, doch am Ende gibt es hier zu wenig Sherwood Forest und zu viel Politik.

Die unbestreitbaren Vorzüge des Films liegen zum einen in der hohen Qualität der Produktion, den perfekt fotografierten Bildern und nicht zuletzt auch den Darstellern. Besonders bemerkenswert hierbei ist, dass nicht auf eine künstliche Jugendlichkeit der Hauptfiguren gesetzt wird. Crowe und Blanchett spielen wie selbstverständlich zwei Menschen in der Mitte ihres Lebens – eine sehr entspannende Interpretation. Von den Nebendarstellern ist besonders Max von Sydow als greiser, aber gewitzter Ritter hervorzuheben (und ausnahmsweise auch einmal die Synchronisation: Jürgen Thormann ist hier fantastisch). Auf der anderen Seite dürften wir inzwischen genug glatzköpfige Bösewichter im Kino gesehen haben. Diese neuzeitliche Konditionierung ist eindeutig ausgereizt.

Letztlich muss Robin Hood insgesamt enttäuschen. Nicht so punktgenau wie Gladiator und nicht so vielschichtig wie Königreich der Himmel (wiederum der Director’s Cut), bleibt der Film hinter den Erwartungen zurück, die Ridley Scott unter anderem durch diese Werke geschürt hat.

Robin Hood
USA/UK 2010
Länge: 140 Minuten
Regie: Ridley Scott
Bilder: Verleih

Kinostart: 13.05.2010