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von Tanja Betzmeir
Dabei bilden die Linkshänder unter uns eine zahlenmäßig nicht zu vernachlässigende Gruppe der Bevölkerung. So ergab eine aktuelle Studie einen Anteil von 12% „praktizierender“ Linkshänder. Nicht eingerechnet sind hier allerdings die versteckten Linkshänder, diejenigen also, deren geschicktere Hand zwar die linke ist, die aber, wie es vor einiger Zeit noch üblich war, auf die rechte Hand „umgeschult“ wurden. Gewagte, nicht belegte Schätzungen gehen von einem ursprünglichen 1:1-Verhältnis von Linkshändern zu Rechtshändern aus. Demzufolge müssten circa 38% der Linkshänder mit einer zusätzlichen Belastung im Alltag leben, denn der Vorgang des Umschulens bleibt meist nicht ohne Folgen. Die Seitigkeit (oder: Lateralität) ist hirnorganisch bedingt und legt fest, welche Körperhälfte bevorzugt benutzt wird. Das menschliche Gehirn besteht aus zwei Hemisphären, die jeweils verschiedene Aufgaben bei der Kontrolle der Körperfunktionen haben. Dabei ist die Korrelation von Gehirn zu Organ gekreuzt, das heißt, dass die rechte Gehirnhälfte die Organe und Glieder der linken Körperseite steuert und umgekehrt. Das Gleiche gilt für die Händigkeit. Sie wird durch die stärker ausdifferenzierte der beiden Hemisphären bestimmt, bei Linkshändern also die rechte. Diese unterschiedliche Ausprägung in der Komplexität nennt man cerebrale Asymmetrie. Ob die Händigkeit angeboren ist, ist noch nicht ausreichend erforscht. Allerdings ist zu beobachten, dass zwischen der Geburt und dem 4. Lebensjahr die „starke“ Seite öfter wechselt. Erst ab einem Alter von etwa acht Jahren kann man die Händigkeit eines Kindes eindeutig bestimmen. Das lässt sich am einfachsten durch den sogenannten Klatschtest feststellen. Die Hand, die beim Klatschen (wie zum Beispiel im Konzert oder Theater) oben liegt und die andere sozusagen führt, legt die Händigkeit fest. Sogar umgeschulte Linkshänder sollen bei diesem Test zu erkennen sein, auch wenn sie selbst durch das lange Training glauben, Rechtshänder zu sein. Dieser Irrglaube ist keine Seltenheit, denn lange Zeit war es verpönt, mit links zu schreiben oder zu essen. All unsere gesellschaftlichen Umgangsformen, wie zum Beispiel das Händeschütteln oder der Gebrauch des Messers beim Essen, sind auf rechts ausgelegt. Kinder, deren geschicktere Hand die linke war, mussten lernen, trotzdem mit rechts zu schreiben. Erst spät entdeckte man, dass die Umschulung oft mit schweren psychischen Schäden einhergeht. Wird die nicht dominante Hand bevorzugt gebraucht, kann dies zu Irritationen im Gehirn führen. So sind Sprach- und Konzentrationsstörungen und Legasthenie mögliche Folgen einer nicht entdeckten oder unterdrückten Linkshändigkeit. Diese Probleme lassen sich in den entsprechenden Fällen durch Rückkehr zur dominanten Seite meist wieder beseitigen. Doch auch Linkshänder, deren Händigkeit rechtzeitig erkannt wird, haben im Alltag zu kämpfen. Viele Gebrauchsgegenstände wie Füller, Spitzer und Scheren ebenso wie einfache Kartoffelschäler oder Käsereiben sind für Rechtshänder konstruiert. Für Linkshänder heißt es da entweder resignieren und gegen das eigene Gehirn arbeiten oder, sofern möglich, auf Produkte speziell für Linkshänder zurückgreifen. Gerade Schulartikel wie eben Füller werden seit längerem auch als Linkshänderausführung produziert, um den Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern. Ein besonders interessanter Aspekt in diesem Bereich ist das sogenannte "Leonardo-Phänomen". Dabei ist beobachtet worden, dass viele Menschen, deren dominante linke Seite durch Umschulung zugunsten der rechten unterdrückt wurde, meist problemlos und ohne langes Nachdenken mit der linken Hand Texte in Spiegelschrift verfassen können. Sowohl einzelne Buchstaben als auch ganze Wörter erscheinen dann seitenverkehrt, also von rechts nach links, auf dem Papier. Teilweise gelingt es dieses erzwungenen Rechtshändern sogar mühelos, von der Mitte eines Blattes aus beginnend mit beiden Händen gleichzeitig zu schreiben und dabei das Blatt mit der linken Hand von rechts nach links in Spiegelschrift und mit der rechten von links nach rechts in normaler Schreibweise zu füllen. Benannt wurde dieses Phänomen übrigens nach Leonardo da Vinci, der all seine wissenschaftlichen Texte in Spiegelschrift verfasste. Im heutigen Zeitalter der Technologisierung und Digitalisierung, in dem handschriftliche Aufzeichnungen schon weitgehend durch elektronische Textformate mit Tastatureingabe abgelöst worden sind, dürfte das Schreiben an sich für die meisten Linkshänder wohl kein großes Problem mehr darstellen. Bei Tastaturen verschmiert nichts und die Schrift ist in jedem Falle leserlich. Außerdem sind Linkshänder bei Tastaturen sogar leicht im Vorteil, weil die häufig benutzten Buchstaben A, S, E und T auf der linken Seite angebracht sind. Nichtsdestotrotz wird der Einstieg in die alphabetisierte Welt für Linkshänder beschwerlicher bleiben, solange wir das Schreiben mit Papier, Tinte und Füller lernen anstatt am PC. Kein Linksschreibfüller bringt Tinte so schnell zum Trocknen, dass man nicht vorher mit der Schreibhand drüberwischt. Aber, Linkshänder, tröstet euch: Wie auf dem Internetauftritt www.linkshaenderseite.de zu lesen ist, haben Wissenschaftler festgestellt, dass, egal ob Links- oder Rechtshänder, die Fingernägel auf der dominanten Körperseite immer schneller wachsen und demzufolge auch häufiger geschnitten werden müssen. Rechtshänder müssen sich daher genauso wie Linkshänder öfter die Nägel mit der ungeschickten Hand schneiden. Manchmal siegt eben doch die Gerechtigkeit. weitere Infos: Thomas Brussig: "Wie es leuchtet", S. Fischer Verlag 2004, 606 S., Hardcover, 19,90 EUR | ||
