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Ich spreche für die Superhelden, oder: Wie man Comics schreibt. Ein Interview mit Jeff Mariotte (2. Teil)

von Kerstin Helbig

In diesem 2. Teil des Interviews erzählt Jeff Mariotte wie er an eine Story herangeht und gibt Tipps worauf man bei einer Story achten sollte.

Wie gehst du an eine Story ran?
Da gibt es viele Wege. Ich kann durch ein visuelles Bild, eine Situation oder sogar durch eine Zeile eines Dialoges, die ich benutzen will, inspiriert werden. Alles mögliche kann der Anfang sein. Von da an ist es nur eine Sache des Ausarbeitens der Grundhandlung (des Basic Plots) und schließlich entwickle ich das Skript Seite für Seite.

Hast du eine bestimmte Art oder Struktur, eine Comicstory aufzubauen?
Nein. Es gibt zwar gängige Arten, nach denen Comics aufgebaut werden; die einfachste ist "Fang an mit einer Actionszene, dann verlangsame die Geschwindigkeit, um die Charaktere zu entwickeln und die Situation zu zeigen, wieder etwas mehr Action, dann wieder etwas langsamere Action, und zum Schluss schließe mit einer großen dramatischen Actionszene." Es ist nichts Falsches an dieser Machart und viele großartige Comics sind nach dieser Art geschrieben, aber ich bleibe nicht immer bei dieser Formel. Meine neueste "Desperadoes"-Miniserie ("Buffalo Dreams," erscheint im Januar bei IDW Publishing) fängt an mit einem der Hauptcharaktere, der nackt in einem Bekleidungsgeschäft ist - nicht gerade eine große Actionszene.

Wie findest du eine Balance für den Dialog in den einzelnen Panels? Wie gehst du sicher, dass es nicht zuviel Dialog ist?
Man lernt meist durch Versuche. Anfänger - und auch Leute, die es eigentlich schon besser wissen müssten, benutzen oft viel zuviel Dialog für einen Panel. Meine Regel ist, alles wegzulassen, was nicht unbedingt nötig ist, oder es einfach auf mehrere Panels aufzuteilen; oder, wenn es gar nicht mehr anders geht, den Panel größer zu machen (was auch heißt, dass weniger auf einer Seite ist, aber wenn der Dialog da sein muss, ist es genau das, was man zu tun hat) Aber normalerweise kann man hier und da ein paar Worte weglassen und es dadurch anpassen. Nachdem er es geschafft hat, bei kleineren Verlegern oder Back-up-Geschichten zu schreiben, muss der Autor dabeibleiben, und Story für Story eine Geschichte abliefern, die gut, interessant, unterhaltend und reich an Charakteren ist, in die sich der Leser hineinversetzen kann. Wenn man das schafft, dann kann man sich allmählich zu dem Traumprojekt hocharbeiten, das man von Anfang an im Auge hatte.

Wie weißt du, was genau auf einer Seite und in einem Panel passieren muss?
Dies ist ein anderer Bereich, wo neue Autoren oft Probleme haben. Ein einziger Panel (also ein Bild auf einer Seite) kann nicht mehr als eine einzige Handlung pro Charakter darstellen. In anderen Worten: Joe kann nicht in einen Raum kommen, Harry sehen und einen Revolver ziehen. In einem Panel kann er in den Raum hereinkommen. Wenn man die richtige Perspektive benutzt, kann er sogar hereinkommen und Harry sehen, denn diese zwei Sachen können gleichzeitig passieren. Aber wenn er einen Revolver zieht (nehmen wir an, er hatte ihn nicht schon in der Hand), dann muss das in einem anderen Panel passieren.
Was das Unterteilen in Seiten angeht, unterteile ich sie normalerweise in Paragraphen, wenn ich die ganze Story entwerfe, und dann kennzeichne ich (in meinem Kopf oder auf dem Papier), was ich auf einer Seite haben will; je nachdem, wie ich glaube, dass es passen könnte, und manchmal auch spezielle Arten, wie ich die Seite beenden (z.B. mit einem Cliffhanger) oder beginnen will (z.B. indem ich etwas Wichtiges in der Story offenbare etc.). Manchmal ändert sich diese Planung aber auch, wenn ich beim Schreiben des Skripts merke, dass etwas, von dem ich dachte, dass es zwei Seiten benötigen würde, nur eine braucht - oder sogar drei.

Wieviel Zeit hast du, um eine Story fertigzustellen?
Normalerweise schreibe ich ein Comic Skript in zwei oder drei Tagen. Manchmal lege ich es dann beiseite und komm später dazu zurück, um zu sehen ob noch irgendetwas geändert werden muss, aber es braucht nicht länger als diese Zeit, um eine Story zu schreiben. Die meisten Comicautoren, die davon leben, schreiben drei bis vier Skripte jeden Monat, so ist eins pro Woche ungefähr Durchschnitt.

Was ist der Unterschied zwischen Comicschreiben und dem Schreiben von normalen Büchern?
Der größte Unterschied ist, dass, wenn man nicht gerade Zeichner und Autor ist, alles auf Zusammenarbeit basiert. Der Autor kann sich vorstellen, wie eine Seite aussehen müsste, aber der Zeichner wird die Seite zeichnen. Das heißt, es kann sein, dass die Seite viel besser aussieht als wie sie sich der Autor vorgestellt hatte, mit neuen Details, die die Story anreichern können - oder genau das Gegenteil: ein Zeichner, der die Story nicht genau versteht und sie eher behindert als sie zu verbessern.

Von der Menge an Handlung, die erzählt werden kann, sind sich Comic und Kurzgeschichte sehr ähnlich. Man muss direkt in das Herz der Geschichte vorstoßen und sie schnell auflösen (obwohl man sie in einer Comicbuchreihe ausweiten kann, von Ausgabe zu Ausgabe, aber eine einzelne Ausgabe sollte immer eine Art komplette Geschichte mit Auflösung haben. Eine Comicbuchreihe - eine einzige Geschichte, die über eine bestimmte Anzahl von Ausgaben, normalerweise vier bis sechs, erzählt wird, ist eher wie ein kurzer Roman mit einem komplexeren Plot und Charakteren.)

Wieviel Einfluss hat der Autor bei den Zeichnungen und wieviel Hilfestellung darf er dem Zeichner geben?
Das variiert, je nach Herausgeber und Durchsetzungskraft des Autors. Alan Moore ist berühmt dafür, dass er Skripte schreibt, die seitenweise davon handeln, was oder was genau nicht in der Zeichnung eines Panels enthalten sein sollte. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der dem Zeichner soviel Anleitung gibt. Andere Autoren geben nur die grundlegendsten Sachen, und die meisten sind ein Mittelding zwischen den beiden. Ich versuche die Schlüsselelemente, die in einem Panel sein sollten, aufzuschreiben - wenn ich ein Pferd im Hintergrund brauche, weil es in einer oder zwei Seiten wichtig wird, sag ich es. Wenn der Zeichner noch einen Schmetterling dazufügt, ist das kein Problem.

Ich habe Comics geschrieben, wo ich Zeichnungen nicht gesehen habe, bevor es publiziert wurde. Ich ziehe es vor, die Zeichnungen zu sehen, wenn sie komplett sind, so dass, wenn mich doch etwas stören sollte - vielleicht soll später gezeigt werden, dass es keine Schmetterlinge in dieser Welt gibt - Bescheid sagen kann, bevor es gedruckt wird. Aber das ist nicht immer möglich, so ist es am besten, wenn man sicher geht, dass das Skript die wichtigsten Sachen beschreibt.


In Teil 3 gibt Jeff Mariotte Tipps zu Verlegern, Agenten und Eigenveröffentlichungen.

1. Teil des Interviews